Für Beo,
der hoffentlich viel Spaß im Beohimmel hat

 
     
  Photographisch illustriert von Sabine Sinner  
     
     
 

„Unter den kleinen Nachrichten auf der zweiten und dritten Seite der Zeitungen, deren erste mit den grauenvollen Ruhmestaten der Menschen ausgefüllt ist, stehen zuweilen die Zirkusbrände und Vergiftungen der großen Tiere zu lesen. Es wird an die Tiere erinnert, wenn ihre letzten Exemplare, die Artgenossen des Narren aus dem Mittelalter, in unendlichen Qualen zugrunde gehen, als Kapitalverlust für den Besitzer, der die Treuen im Zeitalter des Betonbaus nicht feuersicher zu beschützen vermochte. Die große Giraffe und der weise Elefant sind >oddities<, an denen sich schon kaum mehr ein gewitzigter Schuljunge verlustiert. Sie bilden in Afrika, der letzten Erde, die ihre armen Herden vor der Zivilisation vergeblich schützen wollte, ein Verkehrshindernis für die Landung der Bomber im neuesten Krieg. Sie werden ganz abgeschafft. Auf der vernünftig gewordenen Erde ist die Notwendigkeit der ästhetischen Spiegelung weggefallen. Entdämonisierung vollzieht vollzieht sich durch unmittelbare Prägung der Menschen. Herrschaft bedarf keiner nominosen Bilder mehr, sie produziert sie industriell und geht durch sie um so zuverlässiger in die Menschen ein.“

Theodor W. Adorno
Mensch und Tier 1954

 
     
     
 

Vorwort
 

Kleine Haie hatten es nicht leicht in den Weiten des Meeres, meist waren sie einsam und traurig. Niemand wollte mit ihnen spielen oder sie ins Kino begleiten, ihr Hunger war einfach zu groß und willkürlich. Auch Youri, der kleine Grauhai, kannte dieses Problem. Ihm war immer sehr langweilig und weil er noch nicht richtig jagen konnte, hatte er ebenso oft wie meistens ganz tierischen Hunger. „Hrmpf“, grummelte er, während er eines frühen Meeresmorgens mit knurrendem Magen durch das Korallenriff trieb. Er war mit seinen beiden einzigen Freunden verabredet, den beiden Garnelenschwestern Katja und Michaela. Sie gingen in dieselbe Muschelschulklasse und unternahmen ab und zu etwas zusammen. Heute wollten sie vor dem Gehirnkorallensupermarkt rumlungern, heimlich Doktorfischcola trinken und vielleicht versuchen, eine Zigarette zu rauchen. Unter Wasser war das nicht so leicht, weil nämlich immer das Feuer ausging.

Katja hatte sich heute aus unerfindlichen Gründen besonders schick gemacht und sah für ihre zwölf Tage sehr sexy aus. Michaela bestach eher durch ihren ausgeprägten Scharfsinn, sie machte sich nicht viel aus Äußerlichkeiten.

„Hallo Youri!“, riefen die beiden kichernd, als der Grauhai um die Algenecke bog. „Hallo ihr zwei leckeren Garnelenfreundinnen“, antwortete da der kleine Knorpelfisch und aß Katja aus Versehen, ohne auch nur nachzufragen, hektisch auf. „Entschuldigung, Michaela, aber ich hatte so einen Hunger“. Youri wirkte etwas beschämt, sein Benehmen war schon mal besser gewesen.

„Ach, Youri“, lachte Michaela, „es ist doch immer das Gleiche mit dir.“

Weil aber Youri noch Hunger hatte, biß er auch von seiner letzten Freundin ein gutes Stück ab, ließ es sich schmecken. Bevor er sie jedoch ganz herunterschlucken konnte, hörte er seine beste Freundin noch rufen: „Hey Youri, ich habe doch das Buch noch nicht zurückgegeben! Kannst du mir einen Gefallen tun und eben zur Marianengrabenbücherei schwimmen – ich will nicht wieder Strafe zahlen. Danke und bis bald vielleicht.“

Youri wußte, was er seiner Freundin schuldig war, würgte Michaelas Buch sowie ihren Ausweis zurück in sein Grauhaifischmaul und nahm Kurs auf die Unterwasserbücherei.

Da, auf dem tiefsten Grund des Meeres lag sie, die gewaltigste Ansammlung des unterseeischen Wissens. Youri klingelte an der schweren Lavagesteinstür und pfiff ein kleines Lied, während er wartete. Aber schon bald öffnete ihm ein alter, weiser weißer Hai die Tür und sah ihn fragend an. Youri begrüßte ihn respektvoll mit einer kleinen Verbeugung. „Äh, ich hätte hier ein Buch zurückzugeben... äh, und zwar das von meiner Freundin, hm, es heißt, Moment, es heißt „Das verfressene Ungeheuer: Warum Haie keine Freunde haben“. Und da fiel es ihm wie Zackenbarschschuppen von den Augen. „Hey, damit bin ja ich gemeint!“ Youri wurde sehr traurig und vergoß Tränen, denn er mußte einsehen, die Beschreibung „verfressenes Ungeheuer“ traf auf ihn ziemlich genau zu.

Der alte weiße Hai nahm Youris Erschütterung zur Kenntnis und ihn bei der Flosse, zog den Kleinen daran in seine Bücherei, wo er ihn ein wenig tröstete. „Komm mal mit Youri, ich möchte dir etwas zeigen, was dir vielleicht helfen kann.“ Er führte ihn durch ein paar ganz lange dunkle Gänge, und überall waren geheimnisvolle alte Bücher, die schlecht rochen. Youri beschlich eine kleine Beklemmung, er hielt sich mit seiner rechten Flosse die Augen zu und lief vor ein Stahlregal. Auch lief er eine kleine Leiter um und eine alte mediterrane Manganvase. Schließlich gelangten sie aber ohne größere Verluste in einen düsteren Raum, in dessen Mitte ein knorriger Eichentisch stand. Der alte weiße Hai wies unauffällig auf das große steinzeitliche Buch, das darauf lag. „So Youri“, sagte er, „du hast ein Einstellungsproblem. Du solltest dir mehr Gedanken machen um die anderen Lebewesen auf diesem Planeten. Denn, albern oder nicht, es sind alles deine Brüder und Schwestern, selbst die Bisamratte, der Affenbrotbaum und der Blaufußtölpel. Nichts gegen die Nahrungskette, Youri, aber du mußt besser aufpassen, wen oder was du aufißt und mit wem oder was du dich anfreundest. Lies mal ein bißchen in diesem Buch. Das bringt dich auf neue Gedanken, du Arsch.“ Und mit diesen Worten schwamm der alte Hai von dannen.

Youri indes war etwas vor den spitzen Kopf gestoßen. Umständlich setzte er sich auf den weichen, erstaunlich bequemen Anemonenhocker und schlug die erste Seite auf.

„Guten Tag, Youri“, stand dort geschrieben. „Ich hoffe, du bist bereit, auf eine Weltreise zu gehen, um neues Leben und neue Zivilisationen zu entdecken. Du wirst auf dieser Reise Wesen treffen, die so seltsam anmuten, daß du sie dir in deinen kühnsten Träumen nicht hast vorstellen können. Dieses Buch ist in Wahrheit noch viel mehr als ein Lexikon. Es ist auch Telefonbuch, Altes Testament, Dating Service, Kochbuch und Internet. Also, viel Spaß dann mal, kleiner Grauhai.“