Ferien vom Gehirn
Alle Geschichten 1998-2000
Für Janina
 

Ein Rabe spazierte am Strand entlang und wunderte sich wie er in eine für Krähenvögel so untypische Umgebung gelangt war. Er flog zum nächsten Stein im Wasser, visierte ihn elegant an - doch die Sonne blendete und er rutschte vom algigen Siff glatt ins viel zu warme Wasser. Da der Rabe noch nie im Meer gewesen war, und natürlich auch nicht schwimmen konnte, ging er vorsichtig erstmal unter und beschloß auf dem Weg zum Meeresgrund zu überlegen was er unternehmen sollte. Ein leichtes Blau überdeckte die Welt und der für luftige Verhältnisse nicht überaus kleine schwarze Vogel fand sich plötzlich absurd. Aber eigentlich fühlte er sich auch recht wohl. Bis auf den Luftmangel natürlich.

Wenn er sich nicht schon ein wenig mit der Absurdität dieser seltsamen Welt beschäftigt hätte, wäre er sicherlich erschrocken als aus dem milchigen Horizont ein Schatten fuhr. "Hm. Was mag dort kommen", dachte der Rabe und posierte in freudiger Erwartung. Eine rauhe aber durchaus elegante Stimme ertönte: "Halloo..... Wer bist du denn kleiner Vogel?". "Ach so. Also, ich bin ein Rabe. Und du, großes Gerät?". "Man nennt mich Delphin - ich wohne hier in dieser Welt." "Interessant", sagte der Rabe - "und was wollen wir jetzt machen?". "Wir können ein bißchen spielen, du und ich. Komm mit". "Du, große Delphinfrau, ich kann mich hier aber nicht so gut bewegen - würdest du mir helfen bitte?" "Ok, halt dich an meiner Flosse fest, aber bitte zerkratz mich nicht so doll". "Na gut," sagte der Rabe und fühlte sich in dieser neuen Welt geborgen und wohl. Und so zogen die beiden durch die Meereswelt, ärgerten kleine Haie, meckerten mit Muränen, rochen an Rochen und bauten kleine Burgen aus Sand auf dem Meeresgrund. Als die zwei so auf dem Boden saßen, merkte der kleine Rabe plötzlich das er nichts mehr sagen konnte. "Hhp. Hhp." "Bitte?", sagte die Delphinfrau. "Was war?". "Hhp." ächzte der Rabe und er mußte zugeben das ihm schwindelig wurde, und schwarz. "Rabe, was ist denn? Hey, hilf mal bauen hier. Halloo - antworte doch!" Doch der kleine Rabe machte stattdessen die Augen zu und starb. Die Delphinfrau wurde ganz traurig, ob sie sogar weinte kann ich nicht sagen, dazu hätte sie schon an die Oberfäche kommen müssen. Jedenfalls guckte sie ganz betroffen und verscharrte ihren neuen Freund unter einen schön funkelden Muschel.

Tage später jedoch mußte sie sich eingestehen das sie den kleinen Vogel nicht vergessen konnte. Imerzu konnte sie nicht schlafen und war schlechtgelaunt. Und sie hatte ein Gefühl in ihrer Delphinseele was man nennen könnte... "Hmm... was ist das denn...?" murmelte die große Frau und löste sich in einem hellen weißen Blitz auf. Sie war wieder an der Stelle wo sie das kleine schwarze Etwas aus der Ferne erspähte und sich neugierig näherte. "Oh, gut. Ein paradoxer Zeitsprung. Warum bin ich da nicht eher drauf gekommen." "Hallo, kleiner Rabe - ich liebe dich aber du kannst nicht hierbleiben. Wir müssen wohl oder übel zu dir gehen." Der Rabe schaute glücklich und war eins. Denn manchmal brauchen Raben und Delphine nur 2,91897826 Sekunden um zu merken was gut ist. "Alles klar," sagte der schwarze Vogel, "du mußt dich aber auf meinem Rücken festhalten". "Mach ich, " sagte die große Frau und sie schwammen zur Oberfläche. Der Delphin arbeitete sich auf den Rücken des kleinen Krähenvogels und die beiden flogen Landeinwärts. "Schau was wir hier alles machen können", sagte der Rabe, "aber laß uns erstmal zu mir gehen und schlafen. Ich bin müde". "Ok," sagte die Delphinfrau, denn auch sie war müde. So legten sich beide ins Federbett und hatten sich gern. Beide träumten ganz viel und berührten.

Als die Sonne in ihrer fürs Rabenland typischen Weise durchs Rabenfenster schien, erwachte der kleine schwarze Vogel mit einem Klopfen in der Rabenbrust und er drehte sich zur großen Frau. Die Sonnenstrahlen streichelten seine Delphinfrau so dermaßen, das sein ganzes Rabenheim in ein angenehmes Blau getaucht wurde. "Halloo.... Liebe große Frau", sprach der Rabe, "Nimm mich in den Arm bittesehr". Der Vogel kratzte mit seinen Krallen ein schönes Muster in den unverschämten Rücken der Frau und wunderte sich beim 2ten Quadratmeter dann doch darüber das der Delphin so still war. Der überaus kleine Rabe rüttelte so doll wie ein kleiner Rabe eben an einem großen Delphin rütteln kann und geriet in Rabenpanik. "Große Frau, halloo, sag doch was... sag doch was. Wir wollten doch heute beim Amselrennen zusehen und überhaupt, wir... ". Der kleine Rabe wurde sehr traurig und weil er ja nicht unter Wasser war konnte man ihn dann doch auch weinen sehen. Er weinte 14 Rabentage lang und wußte nicht was er tun sollte. Denn die große Delphinfrau hatte sein kleines Rabenherz mit dorthin genommen wohin sie entschwunden war. So schlörrte der kleine Krähenvogel den großen Delphin zum Meer und versuchte ihn am Strand zu verbuddeln. Da das sich als schlichtweg unmöglich erwies, schmiss er ihn ins Meer und sah von der Klippe aus zu wie seine große Frau in dem tiefen Blau, dem Nebel aus dem sie gekommen war, verschwand . Der Rabe konnte immer noch nicht begreifen was geschehen war. Und auch ihn durchfuhr plötzlich die eindeutige Gewißheit daß das so nicht richtig war. "Wenn die große Frau mein Herz hat, warum bin ich denn dann noch hier und traurig... Das stimmt doch was n....". Und auch der kleine Rabe löste sich auf.

Er saß wieder auf dem glitschigen Stein von dem aus er ins Meer gefallen war und fühlte sich ganz leicht. Und als die Delphinfrau aus dem Meer tauchte und ihn ansah rollte dem kleinen Vogel eine kleine Rabenträne die Wange herunter. "Was geschieht hier?" fragte der Rabe. "Wir haben wohl unser Herz geklaut," sagte da die große Frau, "und das scheint wohl richtig zu sein. Ich meine, das muß so." "Ach so, du meinst ich habe jetzt ein Delphinherz und du ein Rabenherz?." Die große Delphinfrau sah den kleinen Raben mit ihren großen grünen Augen an.... dann küßte sie ihren Vogel und sprach leise, "Nein, eigentlich nicht."

Und das war wahrlich alles andere als das Ende dieser Geschichte.

Ende.