Die Krähe ruft an!
(2010)
Für Jenny



 

 

Alle Geschichten fangen mit dem gleichen Satz an. Viele Geschichten bilden jedoch in der Tat eine Ausnahme, während die besonders schönen Geschichten ähnlich beginnen. In dieser Geschichte fängt alles allerdings ganz anders an, denn wann beginnt schon mal etwas mit einer Krähe, die am Waldrand aufwacht und nicht mehr weiß wie sie dort hingekommen ist?

Die Krähe hatte Kopfweh. Die Sonne schien hart auf ihr zerknittertes Auge und verstärkte den Schmerz dadurch noch. Es sah nach Absicht aus, dachte sich die Krähe insgeheim und krächzte etwas angestrengt, während sie sich aufrappelte. Sie lag an einem albernen Waldrand nahe einer der schönsten Autobahnabfahrten Deutschlands und wusste nicht wie sie dort hingekommen war. Es gibt wenig deprimierendere Dinge als eine orientierungslose Krähe die am Waldrand hockt. Der mittlere Vogel schleppte sich über das Feld, stärkte sich mit 2-4 Würmern und streckte sich langsam aber sicher die Federn.  Was ist mir nur passiert, dachte er. Was mache ich hier? Am Horizont erspähte er ein paar Kollegen, die eine Schar Möven hänselten. In Anbetracht der Tatsache das Krähen zwar sehr intelligent und freundlich sind, haben viele auf der anderen Seite einen ziemlichen Dachschaden und lungern nur in der Gegend rum und pöbeln.  Die kleine Krähe wollte das nicht. Ob sie das früher mal gewollt hatte, keine Ahnung. Schließlich war sie auf den Kopf gefallen. Und das nicht zu knapp. Also erbot sie sich eine kurzfristige Startzeit und erhob sich schon bald in die Lüfte um weit weg zu fliegen. Weit weg von hier. Wo immer das war.

Auf ihrer Reiseflughöhe angekommen, erblickte sie jedoch sogleich einen kleinen, türkisen Punkt am Boden der ihre Aufmerksamkeit erforderte. Inmitten einer Betonwüste und ungehaltenen, sehr schlecht gelaunten verschiedenen Tieren stand ein türkis scheinendes Wesen das der kleinen Krähe in den Augen wehtat, diesmal aber nicht wegen der Kopfschmerzen, sondern weil irgendwas an ihrem kleinen Herzen zog und ziepte, ohne das sie ganauer wusste was ihr geschah. Was soll das? Dachte die Krähe? Was soll das? Was ist das? Nun ja, auch schwarze Vögel können sich gegen gewisse physikalische Gewissheiten nicht wehren und so stürzte sich der mutige Vogel hinab auf den türkisen Punkt der immer rosaner wurde, verspekulierte sich mit dem Bremsen und knallte dem Wesen gar nicht so freundlich auf den Hinterkopf. „AUA!“ sagte das türkise Wesen. „Ey!?““ „Entschuldigung“, haspelte die Krähe völlig außer Atem, während sie ihre Federknochen ordnete. „Ich habe mich in der Geschwindigkeit vertan. Aber. Aber irgendwie musste ich hier landen, bei dir. Ich wusste lange nicht mehr wohin ich wollte und plötzlich sah ich dich! Wer bist du eigentlich?“  Das türkise Wesen schaute unverwandt aus der Wäsche und rieb sich den Kopf. „Ich heisse Jenny und ich bin hier der Elefant.“ Sagte Jenny. „Und naja, macht nix. Ich habe ja einen großen Kopf.“ Die kleine Krähe schaute skeptisch. „Äh, achso. Ich hatte mir Elefanten eigentlich anders vorgestellt. Bist du sicher das du einer bist?“ „Natürlich!“ rief Jenny. „Ich weiß doch wohl wer oder was ich bin!“. Damit war diese spezielle Diskussion auch schon beendet und Jenny, der rosane Elefant mit komischem türkisen Pullover rannte weg ehe sich die kleine Krähe die Richtung merken konnte.

Die gar nicht so kleine Krähe blieb einigermaßen konsterniert zurück. Auf der anderen Seite lungerte sie halt in den nächsten Tagen wieder auf den Feldern herum und aß ab und an kleine harmlose Meisen. Das war auch nicht schlecht. Aber natürlich dachte sie an den seltsamen Elefanten.

Und eines Tages, sie traute ihren Augen kaum, sah sie ihn an einem kleinen Teich sitzen. „Hallo kleiner Elefant!“ rief der vergleichsweise mittelgroße schwarze Vogel, „da bist du ja wieder, ich hatte dich vermisst!“ Jenny, der inwzischen durchaus leicht unglaubwürdige Elefant schaute auf. „Ich bin doch kein Elefant! Wie kommst du denn da drauf?!? Ich bin ein Hase! Das sieht man doch! Aber irgendwie habe ich auch an dich gedacht.“ Die Krähe schwieg. Ein Hase, ein Hase….! Das erklärte einiges. Er mochte Hasen. Zum Abendessen. Aber einen rosanen Hasen mit türkisem Pullover hatte sie noch nie gesehen. „Äh, ja. Bist du dir da sicher, das du ein Hase bist? Ich meine, du bist so rosa und außerdem – dieser Pullover! Den habe ich doch schon irgendwo mal gesehen….“ Fragte sie vorsichtig mal nach. „EY! Ich bin ein Hase, das sieht man doch!“ Und hoppelte im Zick Zack davon. Die Krähe setzte sich ins Gras und schaute Jenny hinterher. „Meine Fresse“, dachte sie. Elefanten, Hasen, Jennys – der schwarze Vogel zweifelte an seinem Verstand. „Ach, und wenn sie ein Hasenelefant ist, was solls“ rief er. Und wenn ich den extra erfinden muß, dann eben so.

Das nächste Mal als er Jenny den Hasenelefanten in der Ferne vorbeihoppeln sah, setzte er sich von hinten im Flug total spezial elegant auf ihre Schulter und schrie ihr ins Ohr: „Jenny, lauf nicht immer weg! Auch wenn du ein Hasenelefant bist – und ich eine komische Krähe! Warte doch mal!“

Jenny, der rosane Hasenelefant, hielt inne und nahm die Krähe auf die Hand. Sie schaute sie an. „Ich bin doch kein Hase!“ sagte sie. „Ich bin Jenny und ich bin weder Hase, noch Elefant – ich bin ein Mensch. Und du bist eine Krähe! Ich meine, warum laufe ich wohl immer hier rum? Ich mag dich doch auch, aber hast du nicht gehört was ich gesagt habe? Ich bin Jenny und du eine Krähe!“ Die Krähe schaute etwas verdattert. „Äh… aber…“ stammelte sie. Da gab Jenny der Krähe einen kleinen Kuß und lief weiter.

Die Krähe indes zog sich ihre Hose an und ging nach Hause um Jenny anzurufen, denn irgendwie gabs da wohl ein Mißverständnis. Denn eine Krähe? Natürlich war sie keine Krähe!