Zisternenlangeweile
(2002)
Für Chasey



 

 

Die allerliebsten Freundinnen die man haben kann sind, dies sage ich ohne die geringste Scham, kleine Eidechsenfrauen. Und eine, eine ist ganz besonders gut. Sie wohnt auf einer kargen Insel im Mittelmeer, in einem wunderschönen, geweißten Häuschen ganz nah an der Küste. Und ganz zufällig ist es am heutigen Tag vier Jahre her, daß ein kleiner, junger Mann sie sich zur Frau nahm und bei ihr einzog, mit all seinen großformatigen Büchern, Kleidungsstücken und einem riesigen Fernseher. Die beiden hatten damals schrecklich viel umbauen müssen, denn Chasey, so heißt die schmale, zauberhafte Eidechsenfreundin, ist ja nur ungefähr so groß wie mein Mittelfinger und daher war ihre Wohnung für einen Menschen doch etwas knapp bemessen. Chasey und ihr Mann bauten ein neues Haus mit bloßen Händen, dazu eine Terasse mit Blick auf das Meer, einen Swimmingpool und ein eidechsensicheres Klo aus weißem Marmor. Sie haben überall in der Wohnung große und kleine Pflanzen aufgestellt und hölzerne Mini-Leitern für das Eidechsenmädchen, damit sie auch an alles drankommt. Im Schlafzimmer gibt es ein Aquarium und einen Flokati und Chasey und ihr Mann liegen morgens immer noch ganz lange im Bett und sehen der Sonne beim Aufgehen zu und aufs Meer und dann blicken sie sich verträumt an und sind glücklich. Tagsüber geht die übrigens unerhört attraktive Eidechsenfrau dann auf die Terasse und sonnt ihren nackten wohlgeformten Körper bis der kleine Mann mit einer winzigen Eidechsenglocke zum Abendessen läutet. Chasey liebt es bekocht zu werden. Ja, diese beiden haben sich gefunden, es ist ein absurder Traum der schöne Wirklichkeit geworden ist.

Ich stehe im Wohnzimmer und schaue durch die gläserne Terassentür nach draußen. Chasey liegt am Pool und liest ein Buch über Quantenphysik. Ich lächle ein grausames Lächeln. Und denke, vor vier Jahren war alles irgendwie noch so richtig doof.

Der junge Mann hatte sein Glück damals schlicht und einfach restlos aufgebraucht. Er saß in seiner verregneten, langweiligen Stadt, hatte zu lange studiert, zu lange auf Erfolge gewartet, seine Träume vertröstet und natürlich keine Frau zum liebhaben, wie das halt so ist wenn man Ende zwanzig ist. Es reichte ihm, er hatte keine Lust mehr. Sein Plan war eigentlich gewesen, zufällig genug Geld zu erlangen und ab auf die Insel. In einem Anfall von Realismus packte er hektisch alle seine wichtigen Sachen ein und machte sich auf den Weg, ohne das Geld. Und ohne die meisten wichtigen Sachen, denn in eine alberne Nike Sporttasche passen keine fünf Bücherregale und schon gar kein großer Fernseher. Trotzdem ist er einfach weg, in den Flieger und auf eine kleine spanische Insel. Dort angekommen mußte er allerdings wiederum feststellen das er selten so eine beschissene Idee gehabt hatte. Denn nach zwei Tagen war das Geld alle, er hatte keinen Platz zum Schlafen und Hunger, sowie Durst. So lag er am völlig verwaisten Strand irgendwo am Arsch der Welt und war so weit wie zuvor. Naja, obwohl, er war am Ende zwar, aber dieses wenigstens am Meer. Die Sonne verbrannte ihm den Kopf und der Sand war heiß und der junge Mann beschloss vorsätzlich etwas auszutrocknen. Dann, in einem neuerlichen Anfall von Lebensmut, schleppte er sich auf allen Vieren ein wenig die Klippen hoch, kroch durch ein paar Bougainvillas und über rotes Gestein bis er inmitten der Wüste eine alte Zisterne gefunden hatte. Die eiserne, rostige Pumpe verweigerte hartnäckig ihren Dienst, also schob er mühsam das Brett beiseite, welches das Loch bedeckte und lugte vorsichtig über den steinigen Rand. Selbstverständlich war da nichts spektakuläres zu entdecken. Ein schwarzes Loch, kein Grund zu sehen. Am Rande der geistigen Umnachtung rief er ins Dunkel hinein. „Halloooo....Hallohoooo....“ Und eine feine, liebliche Frauenstimme antwortete: „Ja, bitte? Was gibt es denn?“ „Huch“, dachte der junge Mann, „da antwortet ja jemand... Ich muß wahrlich den Verstand verloren haben. Mist.“ Trotzdem konnte er sich nicht verkneifen noch mal nachzufragen. Und so rief er erneut in den Brunnen hinab: „Nun, äh, hehe. Ja, ich hätte gern ein wenig Wasser bitte, wenn das ginge.“ Die Stimme antwortete sogleich: „Oh, wenn das so ist. Komm nur herein, ich wohne hier unten, du bist eingeladen. Komm, hopp!“

Es war keine einfache Entscheidung. Entweder er war total bescheuert geworden und würde eventuell hier oben verdursten, oder er war total bescheuert geworden und würde in den Brunnen springen. „Naja, was soll es“, dachte er, rief „Oh, danke, ich komme dann jetzt mal“, robbte weiter und ließ sich fallen und er fiel lange und weit und tief.

Als er wieder erwachte, war es dunkel um ihn und es roch nach Erde. Außerdem saß er in einer Pfütze und hatte Kopfschmerzen und ihm war kalt. Was war nochmal passiert? Ach ja, er war in den Brunnen gesprungen, etwas hatte ihn gerufen und er war gesprungen. Hatte er alles nur geträumt? Er war lange in der Sonne gewesen, seine Kehle war trocken, vielleicht hatte er einen Sonnenstich. Aber es hatte ihn doch eine liebliche Frauenstimme gerufen, oder nicht? Er räusperte sich, versuchte seine Arme zu bewegen. Scheinbar war nichts gebrochen und er räkelte sich ein wenig, versuchte dann umständlich seinen Durst an der dreckigen Brunnenpfütze zu stillen.

„Na, also, ich würde das nicht trinken“ hörte er plötzlich die bekannte Stimme sagen. „Was? Hallo? Wer ist da, wo bist du?“ stammelte der junge Mann. Zwei Meter vor ihm erleuchtete ein kleines Licht. „Hier bin ich“. Eine kleine Eidechse stand vor ihm, mit einer Kerze in der Hand und blickte ihn mit großen Reptilienaugen an. „Ich muß verrückt geworden sein...“ dachte der Mann der in den Brunnen gesprungen war und schloß die Augen. Als er sie wieder öffnete war die Eidechse allerdings immer noch da und saß inzwischen auf seinem rechten großen Zeh. Sie lächelte und sprach mit ihrer rauchigen Frauenstimme „Ich heiße übrigens Chasey und bin eine Wunscheidechse. Du mußt mich nur küssen und du löst den Fluch der auf mir liegt. Ist das nicht ein tolles Angebot?“ Der Mann hatte inzwischen aufgegeben und nahm die Umstände einfach so hin wie sie waren. „Ja, warum nicht“, sagte er resignierend. Und Chasey rannte schnell bis auf seine Hand und schürzte ihre Lippen. Er sah die kleine Agame noch mal genauer an und hielt sie nah vor sein Gesicht. Dann gab er ihr einen kleinen, aber feinen Kuß auf den Mund und im nächsten Augenblick gab es einen grellen Blitz. Der Mann war geblendet und ein Sturm wehte plötzlich, er spürte die kleine Eidechse nicht mehr auf seiner Hand und mußte sich sogar an der Mauer festkrallen um nicht von der Wucht des zauberhaften Ereignisses umgeworfen zu werden. So schnell wie es begann, war es aber auch wieder vorbei. „Chasey? Wo bist du? Ist alles in Ordnung?“ fragte er vorsichtig. Aus der anderen Ecke erklang ein leises Husten. „Ja, ich bin OK. Ich danke dir, du hast mich erlöst“ sprach Chasey. Und sie lief wieder zu dem Mann um sich zu bedanken. Der Mann war etwas überrascht als sie die Kerze anzündete und immer noch eine kleine Eidechse war. „Äh, Chasey, ich dachte du wärest erlöst von deinem Fluch?“ sagte er. „Ja, bin ich auch. Wieso?“ „Nun, ehem, ich hatte erwartet das du dich in eine tolle Prinzessin zurück verwandelst oder so. Und, naja, wir heiraten und ein glückliches Leben führen, zusammen oder so. Ist das nicht der normale Vorgang bei solchen Märchen und Verwünschungen?“ Chasey schaute traurig. „Ja aber, magst du mich denn nicht so wie ich bin?“ Der junge Mann drückte sich um die Antwort. „Na gut,“ sprach da Chasey, „Dann wollen wir doch mal sehen“. Und die kleine Eidechse verschwand in einer kleinen Mauerspalte. Für einige Minuten hörte man sie eilig herumlaufen und hantieren, dann ging irgendwo oben rechts ein rosa Scheinwerfer an und erhellte einen flachen Stein auf dem Boden des Brunnens. Leise Musik erklang aus den modrigen Gemäuern und als Chasey den Stein betrat wie eine Mini – Eidechsenbühne, da verschlug es dem Mann die Sprache. Chasey hatte sich ihren sexy Leopardenfelltanga angezogen und sich die Haare neu gemacht und strahlte eine Anmut aus die ihm vorher nicht aufgefallen war. Alles war ihm plötzlich klar, natürlich, warum sollten Menschen und Eidechsen nicht zusammen passen? Und Chasey war, genau genommen, eigentlich exakt sein Typ. Also nahm er sie in beide Hände und in den Arm und dann knutschten beide bestimmt 10 Minuten, wobei der Mann die Vorteile eine Doppelzunge zu schätzen lernte. Dann sah die schmale Eidechse ihm in die Augen und sagte: „So. Und jetzt besorge ich dir erst mal was zu trinken, damit du mir nicht vor unserer Heirat noch verdurstest.“ Und Chasey deckte einen kleinen Tisch. Dann brachte sie einen leckeren Maulwurfswein und für sich ein Eidechsenbier, auch ein kleines Mahl bereitete sie zu und so aßen die beiden Kreuzspinnenragout mit Manganknollen auf dem Grunde des Brunnens, tranken danach fröhlich einen Wacholderschnaps, sprachen über allerlei Dinge und hatten sich lieb. „Weißt du eigentlich inzwischen was es für ein Fluch war der auf mir lag?“ fragte Chasey ihn nach einiger Zeit. Aber der junge Mann hatte ganz vergessen danach zu fragen. „Nein, ich weiß es nicht, sag es mir?“ „Ich war verflucht dazu in diesem Brunnen zu leben und nie mehr nach oben zu kommen. Dieser Fluch konnte nur aufgehoben werden, dadurch das ein Mensch der mich liebt aus freien Stücken beschließt bei mir zu sein. Man dachte damals wohl das sei sehr unwahrscheinlich. Hehe. Naja. Aber dann kamst ja du, mein Schatz.“ Die Sonne stieg auf ihren höchsten Punkt, es schien ein Lichtstrahl auf die beiden. Und sie sahen verträumt nach oben in den azurblauen Himmel. „Komm, wir gehen wieder ins Helle“, sprach da Chasey und nahm ihn bei der Hand.

Es stellte sich heraus das Chasey in der Tat eine Prinzessin war und dazu noch eine sehr wohlhabende. Ihre Verwandten waren sehr glücklich sie wiederzusehen und vergossen Eidechsentränen der Freude. Und alle halfen sie mit beim Umbauen ihrer alten Wohnung, damit das frischverheiratete Paar auch bequem zusammen leben konnte. Der junge Mann kaufte Chasey ganz viele neue Kleider und im Kühlschrank war von da an immer ein Kasten feines, kühles Eidechsenbier. So eine tolle Freundschaft hatte die Insel noch nicht gesehen und auch alle anderen Eidechsen und der gesamte restliche Tierfreundeskreis waren glücklich und alle zusammen feierten sie ein rauschendes Fest, zwei Wochen lang.

Ja, das alles war vor vier Jahren geschehen, denke ich, atme tief ein, lasse mich von der Sonne streicheln und sehe weiter nach draußen auf das Meer. Es geht mir gut. Plötzlich kitzelt etwas meine Füsse und dann meine Beine und dann meinen Rücken und dann meinen Hals und ehe ich mich versehe blicken mich die zwei schönsten Augen der Welt an und sie sagt mit ihrer allerschönsten, rauchigsten Stimme, „Komm, wir gehen wieder ins Bett“ und ich lache und dann habe ich schon ihre kleine doppelzüngige Eidechsenzunge im Gesicht und bin der glücklichste Mensch der Welt.