Wie ich eine neue Freundin fand
(2001)



 

 

Auf dem Weg ins Kino traf ich neulich eine schmale Schlange, die sich in Schlangenlinien fortschlängelte und sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Sie war ein attraktives Ding, und so fragte ich sie kurzerhand, ob sie mit ins Kino kommen wollte. Die Schlange überlegte nicht lange und ging auf meinen Vorschlag ein, denn ihr war furchtbar langweilig und dazu konnte sie die Abwechslung angeblich gut gebrauchen. So kam es, daß ich plötzlich mit einer alle Blicke auf sich ziehenden Schlange vor dem Kino in der Schlange stand und Händchen hielt. Natürlich lud ich sie ein und kaufte zwei wunderschöne Plätze für uns in der ersten Reihe damit das hübsche Tier auch gemütlich eingerollt noch gut genug sehen konnte. Der Film war spannend und gemein, so das die Schlange sich von Zeit zu Zeit um meinen Hals wickelte und ich ihr die Augen zuhalten mußte, denn das konnte sie ja nicht selber. Zum Glück war sie keine Würgeschlange, sondern eine zurückhaltende Viper mit tollen ausklappbaren Giftzähnen.

In der Pause verdaute sie die Tüte Popcorn, die sie ungeöffnet während des Films verschlungen hatte. Dabei machte sie ein ganz komisches Gesicht und noch seltsamere Geräusche, verlor aber nie ihren Reptiliencharme. Den ganzen zweiten Teil des Films lang versuchte sie angestrengt, mit ihrer kleinen gespaltenen Zunge eine Flasche Cola Light zu trinken. Hinterher fragte ich sie, ob wir noch irgendwohin gehen wollten, und die schmale Viper war einverstanden. So kam es, das wir wenig später in einer verrauchten Bar um die Ecke saßen und uns angeregt unterhielten, über Agamen, darüber was besser sei, Gift oder Würge, aber auch über unsere Lieblingsbücher und über unsere gemeinsame Abneigung gegen bestimmte Wörter oder stumpfe Gegenstände. Ich war froh und glücklich, daß ich so eine nette Schlange kennengelernt hatte und ich glaube, sie fand mich auch nicht schlecht. Jedenfalls trafen wir uns in den nächsten Tagen noch ein paar Mal und kamen uns näher. Die hübsche Viper hieß Kiki und war Künstlerin. Sie war eine geschickte Malerin und ihre Werke besaßen eine ungewöhnliche Kraft, und außerdem rochen sie komisch. Das mochte allerdings an dem Gift liegen, das sie ab und an unter ihre Pigmentfarben mischte. Schon nach drei Wochen schon war uns klar, wir würden zusammen bleiben, und bald darauf zog Kiki, die kleine Viper, zu mir in meine Dachwohnung. Ich war mächtig stolz darauf, so eine attraktive und intelligente Freundin gefunden zu haben und brannte schon darauf sie in der Öffentlichkeit vorzuführen. „Das muß ja eine tolle Frau sein, so wie du von ihr erzählst“, sagten meine Freunde und wollten sie unbedingt kennenlernen. So lud ich eines Abends ein paar meiner liebsten Bekannten zum Essen ein und sie kamen mitsamt ihrer weiblichen Begleitungen. Ich hatte ein Kartoffelgratin gemacht und Kiki bereitete ein paar leckere Ratten köstlich zu.

„Wo ist denn die Herrin des Hauses“, fragten meine Freunde ganz neugierig als sie meine Wohnung betraten und ich zeigte unauffällig und etwas peinlich berührt auf Kiki, die um meinen Hals hing und höflich ihren Schwanz zur Begrüßung hochhielt. Es war schon ein starkes Stück, daß niemand meine Freundin bemerkt hatte und ich hoffte inständig, daß Kiki nicht traurig darüber oder getroffen davon war. „Äh, huch!“ riefen meine Freunde, und ihre Mädchen kreischten. Dann lachten einige und sagten, „Prima, guter Witz, das mit der Schlange, aber wo ist denn jetzt deine Freundin?“ Ich wurde langsam etwas ungehalten. „Also, das ist nicht sehr freundlich von euch“, sagte ich und wies erneut auf Kiki. Ich rügte meine Kameraden, denn so verhielt man sich nicht in Gegenwart von meiner Freundin. Aber sie machten noch ein paar mehr Witze und nahmen mich nicht ernst. Da wurde es mir zu bunt. Ich schmiß sie alle raus und sagte ihnen unmißverständlich, daß sie nicht wiederzukommen brauchten. Ich wollte sie nie wiedersehen, auf solche Freunde konnte ich verzichten. Statt dessen machte ich es mir mit Kiki vor dem Fernseher bequem und wir aßen unser tolles Essen alleine. Und ich war sehr glücklich, denn ich habe die wunderbarste Freundin der Welt.