Unterwasser (Spezial)
(1999)



 

 

Ich hatte sie 35 Jahre nicht mehr gesehen und nun saß sie da einfach so herum, direkt vor meiner Nase. Die Zeit war selbstverständlich stehen geblieben und sie strahlte mich an, sie war mein bester Freund, immer noch. So lange wartete ich jetzt schon auf diesen Augenblick und ich hatte geschworen nicht zu zerbrechen, nicht nach all diesen Jahren. „Ich liebe dich noch immer“, sagte ich.

Ich springe ins Wasser und lasse mich treiben. Nichts wird jemals mehr so sein wie es einmal war. Sonnenstrahlen gleiten über meine Arme während ich langsam versinke. Ich glaube, es war noch nie so ruhig und so blau, das Meer. Ich wußte garnicht wieviel verschiedene Blaus es geben kann. Aber wenn man langsam versinkt, scheint jeder Zentimeter Meer eine andere Farbe zu haben.

„Wie am allerersten Tag. Obwohl, vielleicht eher so wie am dritten, oder zwölften.“ Sie antwortete nicht. Ich hatte das deutliche Gefühl in einem Roman von Marquez zu sitzen und eine Träne rann meine Wange herunter. „Ich habe dich nie geliebt,“ schrie sie. Also, sie schrie nicht wirklich, sondern mehr insofern das sie immer schrie wenn sie redete.

Ich stelle mir vor ich bin ein Astronaut und garnicht auf der Erde. Stimmte ja auch irgendwie. Naja, ob nach oben oder nach unten ist ja eigentlich auch egal, letztlich. Ein kleiner gelber Drückfisch kommt und schubst mich. Ob er Ärger haben will? Nachdem ich ihn wüst beschimpfe geht er beleidigt weg. Vielleicht holt er ja jetzt seine Brüder. Aber ich will mich ja garnicht streiten. Nur weiter versinken, in Ruhe.

„Sag es mir, sag mir das du in all den Jahren jemanden getroffen hast, mit dem du mehr teiltest, der dir vertrauter war, der dich mehr geliebt hat und mit dem du dich so verstanden hast, wie mit mir. Sag es mir.“ Sie schwieg. „Was ist Liebe denn? Was ist es für dich? Natürlich liebst du mich, du hast mich immer geliebt. Das was du suchst, gibt es nicht. Gott im Himmel! 35 Jahre!“ Die Frau, die ich unmerklich einfach immer weiter geliebt hatte saß mir gegenüber und sah in den blauen Himmel. Der Wind strich ihr durchs Haar und wehte ansonsten nur doof in der Gegend herum. „Es tut mir leid,“ sagte sie. „Ich liebe dich nicht.“

Das Blau wird dunkler und mir sympathischer. Ich fand es immer schon interessanter einem Hai etwas nettes nachzusagen als einem politisch korrektem Delphin etwas böses. Ich sinke tiefer, aber es bleibt hell um mich – kleine Laternenfische werden mir sicher den Weg zum Grund leuchten, oder die kleine Sonne in meinem Herzen. Plötzlich tauchte vor mir ein ziemlich großer Blauhai auf und fühlte sich gestört. „Ach, leck mich doch am Arsch!!! Du dumme Sau!!!“ schrie er mich ganz fürchterlich an. Ich hatte das schon mal irgendwo gehört. Der Blauhai war auch ziemlich schnell nicht mehr so in Rage und wurde zutraulich. Und dieser Blauhai war auch wirklich ein ganz lieber. Er blieb sehr lange und half mir nach unten. „Sag mal, wohin willst du eigentlich?“, fragte er mich. „Nun, ich will nicht irgendwohin. Ich sinke. Das ist etwas anderes. Es hat nichts mit wollen oder müssen oder können zu tun. Es passiert.“ Der Blauhai war nicht zufrieden. Etwas in seinem Gesicht wies deutlich darauf hin. Ich glaube es hat damit zu tun das ich stumpfe Tiere ganz schrecklich finde. Tiere müssen schnittig sein. Vögel haben aufgrund ihrer Schnäbel natürlich entscheidende Vorteile auf meiner Sympathie Skala, aber unter Wasser trifft man selten welche, außer kleine schwarze Raben. Also, hier unten ist der Hai sicher der schnittigste. Ihren Unmut bekunden Haie gegenüber mir indem sie sich verstumpfen. Das kann sehr unangenehm sein und sieht auch echt scheiße aus. Dieser sehr liebe Blauhai wurde jedenfalls immer stumpfer bis er verloren hatte. Enttäuscht sank ich tiefer und ließ den stumpfen Blauhai zurück in Höhen wo stumpfe Blauhaie nun mal stehenbleiben müssen. Ich aber ging weiter, langsam war nichts mehr zu sehen außer dem Licht der kleinen Laternenfische.

Sie war eigentlich noch immer genauso wunderschön wie früher, die Zeit hatte ihre Züge noch klarer, härter gemacht. Ich war kein junger Mann mehr, wie damals, als wir unzertrennlich waren, mein Leben neigte sich langsam den Entscheidungen, mein Leben war meine Liebe zu ihr. Das war allerdings schon klar gewesen als ich ihr nach kurzer Zeit verfiel, also machte ich darum jetzt auch nicht allzu viel Brimborium. Sie stand jetzt auf, umarmte mich den Umständen entsprechend herzlos und ging.

Es stimmt übrigens nicht, daß ab gewissen Tiefen der Druck weh tut. Auch meinen Zähnen geht’s prima. Wenn man sich mal entschieden hat hier unter zu wohnen, oder von da kommt, tritt die allgemeine Meerjungfrauen-Verordnung in Kraft. Aber das die Meerjungfrauen erst herauskommen wenn man sich entschieden hat und das man dann auch noch reine Liebe vorweisen muß ist stark übertrieben. Vielleicht ist es sogar genau andersherum. Jedenfalls ist alles gelogen, man kann ohne Probleme bis auf den Grund und weiter sinken ohne Schaden zu nehmen. Wenn ihr also das nächste Mal irgendso ein Tauchergefasel zu hören kriegt, zögert nicht sondern haut dem Hansi die Flossen vor den Kopf bis er seine alberne Taucherkrankheit bekommt oder ihm die Füllungen aus den Zähnen fliegen. Aber bitte vorsichtig.

Ich blieb noch ein wenig sitzen, sah mir den Hafen an, die Schiffe die die Mündung hinauf- oder herunterfuhren und die vielen Menschen, die im Staub und in der Hitze nervös hin und her sprangen. „Nun gut,“ dachte ich. „Es ist kein Vogel, das Leben. Kein Vogel, nicht mal ein kleiner.“

Zurück zu meinem Laternenfisch. Ein Witzbold hat meinen Beleuchterfreund eine Hellblaue Birne in die Rückenflosse gedreht. Haha. Sehr lustig. Der Leuchteffekt ist ungefähr Null bis minus zwei. Trotzdem laß ich mich von inzwischen 12Millionen Tonnen Wassersäule gemütlich weiter nach unter drücken. Eben kam eine Meerjungfrau vorbei und wollte mich becircen. Groß, stark, schön, intelligent und zuvorkommend war sie. Ich habe den Laternenfisch genommen und sie nach oben geprügelt. Und jetzt bin ich mir auch sicher: Das Leben ist ein Hai, ein kleiner, niedlicher, weißer Hai.