Unterwasser
(1999)



 

 

Nachdem ich ins Wasser gefallen war, wurde schnell klar das nichts jemals mehr so sein würde wie es einmal war. Sonnenstrahlen glitten über meine Arme während ich langsam zu sinken begann. Ich glaube es war noch nie so ruhig und so blau. Ich wußte garnicht wieviel verschiedene Blaus es geben kann. Aber wenn man langsam versinkt, scheint jeder Zentimeter Meer eine andere Farbe zu haben. Ich stelle mir vor ich bin ein Astronaut und garnicht auf der Erde. Stimmt ja auch irgendwie. Inzwischen habe ich so oft geträumt das Außerirdische neben meinem Bett gelandet seien daß es wahrscheinlich durchaus schon mal passiert ist. Ich habe aber immer nur deren Raumschiffe gesehen. Naja, ob nach oben oder nach unten ist ja eigentlich auch egal, letztlich. Ein kleiner gelber Drückerfisch kommt und schubst mich. Ob er Ärger haben will? Nachdem ich ihn wüst beschimpfe geht er beleidigt weg. Vielleicht holt er ja jetzt seine Brüder. Aber ich will mich ja garnicht streiten. Nur weiter versinken, in Ruhe. Das Blau wird dunkler und mir sympathischer. Ich fand es immer schon interessanter einem Hai etwas nettes nachzusagen als einem politisch korrektem Delphin etwas böses. Ich sinke tiefer, aber es bleibt hell um mich – kleine Laternenfische werden mir sicher den Weg zum Grund leuchten, oder die kleine Sonne in meinem Herzen. Plötzlich tauchte vor mir ein ziemlich großer Blauhai auf und fühlte sich gestört. „Ach, leck mich doch am Arsch!!! Du dumme Sau!!!“ schrie er mich ganz fürchterlich an. Ich hatte das schon mal irgendwo gehört. Der kleine Blauhai war auch ziemlich schnell nicht mehr so in Rage und wurde zutraulich. Es ist mir durchaus sympathischer einem Hai etwas nettes nachzusagen als einem Delphin etwas böses. Und dieser Blauhai war auch wirklich ein ganz lieber. Er blieb sehr lange und half mir nach unten. „Sag mal, wohin willst du eigentlich?“, fragte er mich. „Nun, ich will nicht irgendwohin. Ich sinke. Das ist etwas anderes. Es hat nichts mit wollen oder müssen oder können zu tun. Es passiert.“ Der Blauhai war nicht zufrieden. Etwas in seinem Gesicht wies deutlich darauf hin. Ich glaube es hat damit zu tun das ich stumpfe Tiere ganz schrecklich finde. Tiere müssen schnittig sein. Vögel haben aufgrund ihrer Schnäbel natürlich entscheidende Vorteile auf meiner Sympathie Skala, aber unter Wasser trifft man selten welche, außer kleine schwarze Raben. Also, hier unten ist der Hai sicher der schnittigste. Ihren Unmut bekunden Haie gegenüber mir indem sie sich verstumpfen. Das kann sehr unangenehm sein und sieht auch echt scheiße aus. Dieser sehr liebe Blauhai wurde jedenfalls immer stumpfer bis er verloren hatte. Enttäuscht sank ich tiefer und ließ den stumpfen Blauhai zurück in Höhen wo stumpfe Blauhaie nun mal stehenbleiben müssen. Ich aber ging weiter, langsam war nichts mehr zu sehen außer dem Licht der kleinen Laternenfische.

Es stimmt übrigens nicht, daß ab gewissen Tiefen der Druck weh tut. Auch meinen Zähnen geht’s prima. Wenn man sich mal entschieden hat hier unter zu wohnen, oder von da kommt, tritt die allgemeine Meerjungfrauen-Verordnung in Kraft. Aber das die Meerjungfrauen erst herauskommen wenn man sich entschieden hat und dann auch noch reine Liebe vorweisen muß ist stark übertrieben. Vielleicht ist es sogar genau andersherum. Jedenfalls ist alles gelogen, man kann ohne Probleme bis auf den Grund und weiter sinken ohne Schaden zu nehmen. Wenn ihr also das nächste Mal irgendso ein Tauchergefasel zu hören kriegt, zögert nicht sondern haut dem Hansi die Flossen vor den Kopf bis er seine alberne Taucherkrankheit bekommt oder ihm die Füllungen aus den Zähnen fliegen. Aber bitte vorsichtig.

Zurück zu meinem Laternenfisch. Ein Witzbold hat meinen Beleuchterfreund eine Hellblaue Birne in die Rückenflosse gedreht. Haha. Sehr lustig. Der Leuchteffekt ist ungefähr Null bis minus zwei. Trotzdem laß ich mich von inzwischen 12Millionen Tonnen Wassersäule gemütlich weiter nach unter drücken. Eben kam eine Meerjungfrau vorbei und wollte mich becircen. Groß, stark, schön, intelligent und zuvorkommend war sie. Ich habe den Laternenfisch genommen und sie nach oben geprügelt.