Toskana Terror
(2004)
Für Ann


 

 

Einst lebte im fernen Italien ein kleiner Mull namens Fritz. Seine Art war selten und häßlich, was Verwandte und Freunde sehr selten machte, und so war er einsam und langweilte sich. Nachts lag er unten in seinem Bau, las, schaute fern und tagsüber machte er sich an der Oberfläche zum Gespött. Nur Kleinstlebewesen gaben sich überhaupt mit ihm ab, oder erlaubten ihm sie zu essen und mit der Zeit stellte er längere Spaziergänge ganz ein weil alle anderen Tiere ihn ärgerten. Außer am Samstag, da lief er immer heimlich zum See, versteckte sich unter zwei Blättern und wartete. Denn Fritz hatte sich verliebt. Jeden Samstag kam er hierher um eine junge Nachtigall zu beobachten die nur einmal in der Woche zu baden schien. Fritz, der nackte Mull, war ein Perverser, ein Voyeur, wie du und ich. Gut, ich meine, Fritz wohnte in Italien, das ist zwar nicht Belgien, aber immerhin. Jedenfalls, Schweinereien hin oder her, auch an diesem einen bestimmten Samstag steckte der kleine Mull voller Erwartung unter seinen Blättern und wartete auf seine Nachtigallanimationen. Er wartete und wartete... aber seine Angebetete kam nicht. Erst als es langsam dämmerte und Fritz noch weniger sehen konnte als aufgrund seiner Blindheit sowieso schon, wollte er sich enttäuscht auf den Heimweg machen – doch da hörte er ein leises Rascheln. Es hörte sich gar so an, als würde ein kleines Nachtigallmädchen durch das Herbstlaub humpeln. „Hallo...?“ rief Fritz leise... „Hallo, kleine Nachtigall, bist du`s...? Das Rascheln erstarb. Jemand räusperte sich. „Hhhhhlllllll.....Chhhhrchhh....Hhhhhllllll....“. Fritz verstand nicht. „Könntest du dich bitte nochmal wiederholen“, fragte er freundlich und strengte seine Ohren sehr an. „Chhhrhchch...Hhllhhlllhhllhlhllhllll. Hhlll?! Chhrrr...HLLLLL!!!“ Inzwischen war Fritz sich sicher das er mit seiner Lieblingsnachtigall sprach, aber so sehr er sich auch bemühte, diese erste Kommunikation war ein schreckliches Debakel. Zum Glück fiel die Nachtigall bald darauf in tiefe Ohnmacht und der kleine Mull nahm, nach einem kleinen Berühr-Test – er wollte sich schließlich keine haarige Maus oder irgendein Huhn in den Bau zerren – den Vogel auf die nur rudimentär vorhandenen Schultern und ging in sein Heim um ihn zu hegen und zu pflegen.

Jedoch so sehr sich der liebe Mull auch mühte und kümmerte, es wollte der Nachtigall nicht so recht besser gehen. Sie schlief fast die ganze Zeit, und wenn nicht, dann schaute sie sehr traurig in die Gegend drein. Der nackte Mull brachte ihr schöne weiche Würmer und leckere Fruchtfliegen mit Apfelgeschmack, flösste ihr warmes Tümpelwasser ein oder auch mal einen Amselkorn.

Die Nachtigall schien einen Flügelschaden zu haben und litt wohl unter einem schweren Vögelschock. Aber vor allem schien sie ihre Sprache verloren zu haben. außer verschiedenen „Hlls“ und Chhrhs“ brachte sie nichts hervor. Entmutigen taten den tapferen Fritz all diese Dinge nicht – denn immerhin lag in seinem großen weissen Mullbindenbett seine große Liebe, seine Angebetete Nachtigall. Fritz würde sie wieder gesund machen, das wußte er, und dann würde er mal nachfragen, was denn eigentlich passiert sei. Er schwor, wenn es einen Jemand gäbe, der ihr das angetan hatte, dann würde er kräftig Arschtritte verteilen, mit kleinen hässlichen Albinomullfüssen immer hinterher und „Bums“!

Eines Tages, der kleine Mull war gerade dabei die Erdikeamöbel nachtigallengerecht umzuräumen, gab es ein grandioses Erdbeben. Fritz machte schnell zu den Erschütterungen passende Musik an und tanzte seiner Nachtigall etwas gegen die Erdbebenangst vor. Relativ schnell ging ihm jedoch die begrenzte Puste aus und er beschloß sich aus dem Bau zu wagen um sich das Beben genauer anzuschauen. An der Oberfläche ergab sich dem kleinen Fritz ein etwas irritierender Anblick. Ein großes, glattes Wesen mit lockigem Haar hüpfte im Laub herum, sang und löste Erdbeben aus, im engeren Mullsinne. Der nackte Mull zog das ein, was man gemeinhin vielleicht einen Kopf genannt hätte und nahm seinen gewohnten spannerischen Beobachtungsposten ein. Das Wesen hüpfte weiter herum, hatte Stöpsel in den Ohren, die Augen geschlossen, ein Käbelchen hier und da und vor allem ein schwarzes Kleid das Fritz nicht nur praktisch aus dem Häuschen sein ließ. Das Beben dauerte an, des Mulls Höhle bröckelte und so kam es wie es kommen mußte: der Träger riss. Splitterfasernackt stand das Erdbebenmädchen plötzlich im sommerlichen Herbstlaub und schaute nicht so überrascht wie man es vielleicht hätte erwarten können. Das schwarze Kleid, welches Fritz so mochte, lag auf dem Waldboden und der Mull überlegte nicht lang – „Hopp!“ war er aus der Höhle raus, sprintete zwei Meter und krallte sich in das Kleid. Angestrengt versuchte er es wegzuziehen, aber es war ziemlich schwer. Riechen tat es jedoch gut. „Wird es meiner Nachtigall wohl passen, das Kleid?“, dachte Fritz während ihm der Schweiss auf der Stirn stand vor lauter Ziehen, „wird es ihr wohl gefallen...?“ So in Gedanken versunken, war es ihm nur leider nicht aufgefallen, dass sich das große Wesen inzwischen zu herunter gebeugt hatte und ihn mit großen Augen ansah. „Na sieh mal an“, sagte es zu dem verdutzten Nacktmull, „was machst du denn da und wie heißt du überhaupt und vor allem: du glaubst doch nicht das dir mein Kleid tatsächlich irgendwie weiterhilft?“. Fritz erstarrte. „Nun... Ähhh...“ stammelte er, „Ich... Ähhh.... Hmmm.... ich dachte, ich schenke es vielleicht meiner Freundin. Oder so? Vielleicht? Du siehst doch ohne eh besser aus, ich meine, schau mich an, bin ich nackt oder was? Ich bin Fritz. Tschüss!“ sprach er noch und versuchte hektisch zu gehen. „Hey, warte mal! Du brauchst keine Angst zu haben, ich bins doch nur, die Ann! Erzähl doch mal – wer ist denn deine Freundin? Stell mich doch mal vor!“ rief da die nackte Dame und Fritz hielt inne. „Ich...ich kann nicht,“ sagte der kleine Mull da traurig, „sie ist ganz krank und kann sich nicht bewegen. Ich glaube sie hat den Flügel kaputt und sprechen kann sie auch nicht mehr.“ Ann, das lockige, glatte, große Wesen legte die Musik beiseite und sah dem blinden Nacktmull-Sack ernsthaft in die Augen. Währenddessen begann sie vorsichtig im Boden zu wühlen, fand die Mullwohnung, nahm die Nachtigallfrau in beide Hände, stellte sich kurz vor und schaute ihr in den Schnabel. Dann schaute sie noch ernsthafter und sagte...: „Fritz – deine Nachtigallfreundin hat keine Zunge mehr. Jemand hat sie ihr geklaut! Ihr Flügel ist aber wieder in Ordnung, glaube ich.“

Fritz war wie versteinert. Seine Rache würde fürchterlich sein. Der Nachtigall lief eine kleine, feine Träne die Nachtigallenwange herunter. Und dann sprach er mit leiser, aber fester Stimme: „Wir werden dich rächen, Freundin Nachtigall, und zwar mit allen Schikanen. Nicht wahr Ann?“. Die Ann sah den Mull ann und wunderte sich kurz. Dann aber hielt sie diesen Plan für eine lohnenswerte Nachmittagsaktivität und sagte wie selbstverständlich: „Ja, sicher. Wann und gegen wen?“ „Hm, gegen wen...?!? Wer war es denn wohl? Hast du eine Ahnung Nachtigall? Ann?“ „Hhhllll....“ sagte die Nachtigall und Ann aber sprach, „Nun ja, also Nachtigallzungen werden gerne mal vom Italiener geklaut. Es dürfte schwierig sein einen heraus zu picken.“ Für den kleinen Mull kein Problem: „Prima. Dann also die Italiener. Italien. Lassen wir es brennen!“ „Also, ganz Italien... da hole ich lieber noch meine virtuellen Freundinnen dazu“, sagte da die Ann und rief schnell ihre Freundinnen Ann und Ann ann. Und dann machten sich die drei bzw. fünf auf den Weg, die Welt zu einem schöneren Ort zu machen.

Einen lustigen Krieg vom Zaun zu brechen – nichts leichter als das! Gut, manchem fällt es schwerer als anderen, aber einen kleinen, feinen, kriegt noch jeder hin. Ein guter Anfang ist ein Genozid. Darauf nicht zu reagieren bringt kaum jemand übers Herz. In weiten Teilen der Tierwelt freut man sich schon lange auf dieses Rückspiel. Die Italiener verprügeln also Singvögel. Das ist doch mal ein Anfang, denn so geht es ja letztlich nicht. Natürlich fallen einem abgesehen davon spontan neben dem AC Mailand, Haargel und Albanien ungefähr 1000 weitere Gründe ein in Italien einzumarschieren, aber wenn es dieser sein sollte – bitte. Auf jeden Fall war es eine tolle Idee. Diese in die Tat umzusetzen fiel den Freunden nicht schwer – den Tieren reichten ein paar Anrufe um die amüsantesten Toxine der Flora und Fauna dem allgemeinen Italiener weitestgehend nahezubringen. Von einem kleinen Haus in der Toskana aus, zwischen dem AC Florenz und Pisa, organisierten sie den Vertrieb, nahmen Bestellungen entgegen und verbrauchten Postboten. Die paar übriggebliebenen Südländer wurden von den virtuellen Anns durch gefälschte Telefonabrechnungen, die verschiedene Anrufe bei 0190-SPACCAMI-IL-CULO auswiesen, in den wohlverdienten Selbstmord getrieben. Und nachdem die fünf Genozid-Spezialisten das Land bereinigt hatten, drehten sie es nochmal kräftig um, schüttelten es und pflanzten 700.000 behindertengerechte Gebüsche für zungenamputierte Amseln und andere Singvögel. Fritz hatte seine Nachtigallenfreundin noch zum Abschied küssen wollen, war ob seiner Blindheit dabei aber so frivol vorgegangen, das alle verschämt weggucken mußten. Das machte ihn traurig, denn er merkte umso mehr das er wieder allein war, und nackt, und hässlich. Ann war auch noch da, nackt, aber nicht hässlich. Andererseits war es ja nicht so gewesen, das beim Italien-vernichten nichts für sie herausgesprungen wäre. „Ich finde liebe Ann, auch um von meinem Elend abzulenken, wenn man ungefähr ein halbes dutzend italienische Modeschöpfer ausgeraubt hat, sollte man sich auch wieder anziehen können“, fand Fritz und obwohl allen Anns Anblick durchaus gefiel, mußten sie dem kleinen, traurigen Mull zustimmen. „Na gut, wenns denn sein muß“, seufzte sie und fand ein schickes Prada Kleid, dessen Träger nie mehr reissen sollten - außer man wollte es sehr, sehr dringend. Und während alle Ann annsahen und ihr tolles Kleid, rief plötzlich jemand aus den hinteren Reihen „Fritz! Fritz! Bist dus? Kannst du mich sehen!?!“. Der kleine Nacktmull schrak auf. „Nein. Kann ich nicht! Und du!?“ „Ich kann dich auch nicht sehen! Ach ist das schön!“. Und Fritz erkannte seinen allerbesten Freund Horst nicht wieder und rief erfreut, „Ach, Horst! Du bist es! Ist das schön dich nicht zu sehen!“. Na, da waren alle vielleicht glücklich. Denn sie hatten schon gedacht, der kleine hässliche Mull würde ihnen das Happy-End versauen. Aber so verabschiedeten sie sich alle in bester Laune: Ann nahm ihre vollen Taschen und virtuellen Freundinnen ann die Hand, die Nachtigall hatte mit ihren behinderten Freundinnen ein eigenes Reich, und Fritz war nicht mehr alleine. Und zu allem albernen Überfluss nahm Frigitte, die übergewichtige Filzlaus, beinahe 35 Kilo ab um eines der gefragtesten Top-Models der neuen Zeit zu werden. Das und alles andere behauptet jedenfalls die Ann. Welche, habe ich aber vergessen.