Wie zum Beispiel der Hai mit Geld umgeht, Teil 2
(2002)
Auftragsarbeit für den Merlin Verlag


 

 

Es gibt viele Tiere, die sind alles andere als sparsam. Eine wissenschaftlich erwiesene, aber sehr unbekannte Tatsache, ist zum Beispiel, dass der kleine Grauhai Youri, der im Mittelmeer zu Hause ist, sein schwerverdientes Muschelgeld regelmäßig zum Fenster hinauswirft. Er kauft sich ständig neue Flossenschoner, oder Haifischzahnbürsten, oder Kekse und neulich sogar eine Skiausrüstung, die er natürlich nicht gebrauchen konnte. Darum saß der Grauhai, regelmäßig am 14. oder 15. eines Monats auf dem sandigen Meeresboden und weinte weil er pleite war und hungrig.

Und als Youri wieder einmal mit knurrendem Magen unter einer schmalen Gehirnkoralle lag, da klopfte ihm ein langhaariges Wesen auf die Flossen. Es war seine beste Freundin, die Meerjungfrau Fariba. Sie wohnte auf der Bohrinsel Brent Spar, welche sie sich vor einigen Jahren selbst versenkt hatte. Fariba war eine adrette Unterwasserperson, sie war jung, klug und sehr schön. Und der kleine Grauhai Youri war, wie schon erwähnt, ihr allerbester Freund. Nachdem der selbsternannte Räuber der Meere sich ein bißchen erschrocken hatte, setzten sich die beiden auf einen kleinen Zitterrochen und überlegten wie sie Youri, den alten Pleitegeier, aus seiner mißlichen Lage befreien konnten. Denn auch Fariba war langsam genervt, das ihr Freund nie Geld hatte und dass sie immer die Zeche zahlen mußte. „Ach komm Youri, laß den flachen Kopf nicht hängen. Wir schwimmen gleich erst mal zu mir und essen Tintenfisch und dann werden wir uns überlegen in welchen unwirtlichen Tiefen des Meeres deine Ersparnisse immer so schnell verschwinden.“ Der kleine Grauhai wischte sich noch eine letzte, süßwasserhaltige Träne aus dem Haiauge, putzte sich die Hainase und nickte. „Zum Glück habe ich für solche Haifreundnotfälle stets einen Notmuschelgroschen in meiner Bohrinsel versteckt.“ Youri freute sich, aber er war auch erstaunt und beeindruckt, daß seine schmale Meerjungfraufreundin alles andere als pleite war und trotzdem großzügig. „Puh, zum Glück lief die Geschichte nicht andersrum, Fariba,“ meinte der kleine Grauhai noch, als sie den Zitterrochen zum Abschied streichelten und Kurs auf Faribas Reich, Brent Spar nahmen.

An der nächsten Korallenkreuzung gleich links neben dem Süßwasserschokoladeneismarkt, vernahmen sie plötzlich ein leises Schluchzen. „Heulst du schon wieder?“ rief da die kleine Meerjungfrau, aber Youri war es ausnahmsweise nicht, der da nah am Wasser gebaut hatte. Denn an der nächstbesten Riffstrassenecke saß Carla, die kleine Zackenkrake und weinte bitterlich. „Ach, Carla, was ist denn los?“ riefen da die beiden Freunde und versuchten das faltige Tier zu trösten. Aber die Carlakrake war wirklich fertig mit den Nerven. „Ich weiß nicht mehr was ich machen soll“, schluchzte sie, „ich habe meine Zackenkrakenkrone verloren und ihr wißt doch, ohne die verkomme fast zu einem gemeinen Tintenfisch. Ich brauche doch meine Zacken und neue kann ich mir nicht leisten, die sind so teuer, hätte ich sie doch nicht so achtlos neben meinem Schlafsack liegen lassen, och, menno...!“ Youri und Fariba schauten sich an und beschlossen die heulende Zackenkrake Carla zusammenzufalten und erst einmal mitzunehmen bis es ihr besser ging. Die Krake unter der Flosse, schwommen der kleine Grauhai und seine Freundin weiter durch die Gehirnkorallenkolonie 12b, als Fariba plötzlich strauchelte. Mit einem lautem Rumms war ihr etwas sperriges auf den schönen Kopf gefallen. „Aua“, sagte die Meerjungfrau und richtete sich ihr langes Haar neu. Der Gegenstand der vom Himmel gestürzt war, stellte sich als ein Vogel mit seltsam blauen Füssen heraus. „Oh, oh... entschuldigen sie meine Damen und Herren. Ich befürchte ich bin mitten im Flug eingeschlafen, ach, ich bin so müde, so viel habe ich gearbeitet, ich armer Tölpel, ich Blaufußtölpel! Wissen sie, ich will doch endlich heiraten, ich bin schließlich ein stattliches Vogeltier, das müssen sie zugeben, aber sie glauben ja nicht was diese alberne Blaufüssigen Frauen für Ansprüche haben, neinnein, völlig unmöglich! was die für Geschenke haben wollen, die kann ich niemals finden, geschweige denn bezahlen, was soll ich bloß tun, seit Wochen habe ich nicht geschlafen, bis auf jetzt gerade eben, als ich auf ihren Kopf fiel, gnädige Meerjungfrau, entschuldigen sie, ach ich will doch nur heiraten, ich armer Verlierer....“.

Und auch der Blaufußtölpel fing an zu weinen während unsere zwei Freunde schweigend daneben standen. Die ganze Flennerei ging ihnen inzwischen tierisch auf die Nerven. „Ach, was solls,“ sprach da Fariba. „Nehmen wir auch dieses Häufchen Elend mit. Zusammen finden wir bestimmt ein Geschenk für den komischen Vogel.“ „Und mir finden wir eine neue Zackenkrakenkrone bitte ja....?“ meldete sich von den billigeren Plätzen die kleine Carla und putzte sich lautstark die riesengroße Krakennase. Da umarmten sich schnell nochmal alle vier bunten Tiere um dann endlich weiterzureisen. Zum Glück kam in dem Augenblick ein großer Walhai vorbei und ein kleiner Putzerfisch, der ihn polierte und bearbeitete, rief den Freunden zu, sie sollten sich einfach festhalten, er würde sie ein Stück mitnehmen. Als sie sich alle am größten Fisch der Welt angesaugt hatten, fragte Fariba den schmalen Reinigungsfisch etwas besorgt: „Ist das hier auch der 12.00 Uhr Walhai nach Fuertementerror? Wir wollen ja nicht in die falsche Richtung fahren.“ Aber der Reisespezialist beruhigte die komische Versammlung. „Er ist übrigens eine tolle Erfindung, dieser Walhaibus. Ich muß nie bezahlen für meine Reisen, immer spare ich Benzin und Energie. Hier seht mal, ich habe immer meinen kleinen Lappen dabei, mit dem mache ich die Fische hier und dort ein bißchen sauber, poliere und bohnere ein wenig, und dafür nehmen sie mich überall hin mit.“ Youri nickte anerkennend. Er fand Putzerfische auch sehr praktisch, nur hatte er manchmal das Gefühl, dass es mit ihrer Intelligenz nicht so weit her war. „Ja, hm, toll. Putzerfisch. Aber sag mal, hast du schon mal ein Buch gelesen?.“ „Ja! Wie! Natürlich! Was für eine Frage!“ Youri ließ nicht locker. „Welches?“. Darauf war der kleine Arbeitsfisch nicht vorbereitet. „Ja, oh, seht mal wie spät es ist! Ich muß gehen!“ Und schwupp!! war er weg, der doofe Polier.

Nachdem die vier Freunde den Putzerfisch gebührend ausgelacht hatten, setzten sie sich in die Weichkorallenwalhaihaltestelle um sich auszuruhen und um auf den nächsten Fisch nach Brent Spar zu warten. Carla überlegte sich weiter wie sie zu mehr Zacken kam, der Blaufußtölpel schrieb sein Testament und Youri suchte unter der Sandbank nach verlorenen Muschelgroschen. Fariba aber, die stolze Meerjungfrau, fragte sich, wie man den Riffbewohnern ihre chronische Muschelgeldbehinderung abgewöhnen konnte. Kurz vor der Lösung aller Probleme berührte sie ein kleiner Pilotfisch unsittlich und Fariba mußte solange auf Gewalt zurückgreifen bis schon ihr Walhai kam. „Los Kinder“, rief sie, „Noch zwei Stationen und wir sind da!“. Die Fahrt war lang und beschwerlich, zumal Youri alle drei Minuten „wie lange noch“ fragte und Carla, die kleine Krake ständig mal mußte. Irgendwann, gen abend, hatten sie es jedoch geschafft und standen bei der kleinen Meerjungfrau vor der Haustür. Fariba bat alle in ihr Heim und bereitete ein kleines Abendmahl. Sie kochte kleine Tintenfische mit schlechtgelaunten Muscheln und der Nachbar, ein berühmter Galapagos Kormoran, brachte Algenwein mit. Und ein paar Stunden später saßen eine Zackenkrake, ein Blaufußtölpel, ein kleiner Grauhai und ein Kormoran mit der Meerjungfrau fröhlich am Tisch und waren satt, betrunken und glücklich.

Als sie langsam ruhig und müde wurden, schaute der Kormoran auf einmal etwas sparsam und sagte: „übrigens, wißt ihr wer gestern gestorben ist? Der alte weise weiße Hai. Ganz einsam und alleine in seinem riesigen Elfenbeinhaus hat er den Löffel abgegeben. Und sein ganzes Muschelgeld, mein Gott! Was hat es ihm genutzt?“ Carla, noch etwas betäubt vom Austernschnaps, faselte daraufhin etwas davon, wie geizig der Hai doch gewesen sei und wie er keine Freunde hatte und nur sein Muschelgeld und Gold liebte. Dem schenkte aber keiner Beachtung, obwohl es die Wahrheit war, denn die anderen hatten gemerkt das die kleine, liebe Meerjungfrau Tränen vergoß. „Hey, was hast du denn, meine Lieblingsunterwasserfee?“ fragte Youri, und die anderen streichelten alle an ihr herum um sie zu trösten. Und Fariba erzählte daß der weise Hai ihr Onkel gewesen war und sie sich jetzt ganz mies fühlte. Aber sie erzählte nach der Trauerphase auch, das sie sein ganzes Muschelvermögen erben würde und damit steinreich war. Und bei Fariba war es ja auch gut aufgehoben. Die Freunde waren sich einig daß es eine mittlere Katastrophe gewesen wäre, hätte zum Beispiel Youri das viel Geld geerbt. Die Freunde freuten sich mit ihrer Meerjungfrau und trösteten sie gleichzeitig, denn irgendwie war ja auch jemand gestorben. Fariba aber wurde ernst und sprach: „Vielleicht sollte ich mit diesem ganzen Geld eine Bank aufmachen. Eine Meerjungfrauenbank. Und dann helfe ich euch sparen. Wir müssen jetzt nur noch überlegen was ihr tun könnt um nicht immer pleite zu sein.“ Die anderen Tiere nickten, „Ja Fariba, das stimmt, wir könnten ja mal was arbeiten, oder was tauschen, oder mal auf etwas verzichten“, sagte da Carla die Zackenkrake. Und der weise Kormoran fügte feierlich hinzu: „Das ist richtig, man muß auch mal auf ein Opfer verzichten können.“ Danach überlegten alle was sie tun könnten um sich aus ihrer mißlichen Lage zu befreien. Aber kurz danach waren sie schon wieder dabei das unverdiente Geld auszugeben.

Innerhalb kürzester Zeit herrschte in Faribas Heim eine, angesichts des Todesfalls und der allgemeinen finanziellen Unterwassersituation, völlig ungebührliche Euphorie. Youri, der kleine Grauhai rief ganz laut: „Sauber! Dann kaufe ich mir ein unverschämt gewaltiges Haus in den Alpen und belege sämtliche Skikurse!“. „Und ich werde mit den ganzen Muscheln das größte Geschenk der Welt kaufen, dann heiratet mich meine Tölpelfrau doch noch!“ beschloß der Blaufußtölpel. Er sah ziemlich bescheuert aus, weil Fariba ihn gebeten hatte die pinken Gummistiefel anzuziehen damit er ihren Perlmuttfußboden nicht mit blauer Farbe bemalte. Auch Carla hatte eine tolle Idee was sie mit ihrem Geld machen wollte. „Ich mache mir nie wieder Sorgen. Denn ich kaufe mir einfach 234 Zackenkronen, dann ist es egal wenn ich mal eine verliere.“ Der berühmte Herr Kormoran hielt sich noch etwas zurück. Dann blickte er fragend in die Runde und fragte: „Entschuldigung, was habt ihr gesagt?“

Fariba, die liebe, wunderschöne Meerfee hörte sich alles schweigend an. Dann haute sie mit ihren Schwanzflossen einmal kräftig auf den Tisch und warf ihr langes Haar gebieterisch in der Gegend herum. „Ich möchte euch mal was fragen“, sagte sie ruhig. „Youri, was willst du mit einem Haus in den Alpen, denk doch mal nach! Du bist ein Hai und erst 12 jahre alt. Du kannst nicht Skifahren, und schon gar nicht mit einer Rückenflosse über Wasser.“ Youri blickte verschämt zu Boden und murmelte unverständliche Haigeräusche. „Und du, Blaufußtölpel. Hab doch besser mal eine gute Idee, anstatt zu versuchen dir alles mit Muschelgeld zu erkaufen. Hier, mein Kormorannachbar ist Geschenkespezialist, der kann dir weiterhelfen und mit den Muscheln solltest du lieber deine Familie versorgen. Neue Gummistiefel könntest du dir übrigens trotzdem mal kaufen.“ Der Tölpel wollte Einspruch erheben aber Fariba redete schon weiter. „Carla, denk doch mal an die vielen Riffbewohner die sich nicht mal den Doktorfisch leisten können. Und du willst dir das Recht erkaufen unaufmerksam zu sein? Wie dekandent, Carlakrake! Pass doch lieber ein wenig besser auf, oder kauf dir einen Gehirnkorallensafe für deine Zackenkrone.“ Carla verdrückte eine Träne, denn sie hatte gemerkt, was sie für eine Luxuszicke hatte werden wollen. „Und du Kormoran. Kauf dir ein Merkbuch damit du nicht immer alles vergißt. Und damit ihr nicht alle euer Muschelgold den Muränen schon in den Rachen schmeisst bevor ihr es überhaupt verdient habt, hebe ich es für euch auf und wenn ihr was braucht, kommt ihr zu mir. Wie wäre das, hm? Na Youri?

Du denkst doch bestimmt gerade schon daran dir 1254 Tafeln Fledermausfischschokolade zu kaufen die du im Leben nicht essen wirst, oder?“In der Tat hatte Youri schon beim Korallensupermarkt angerufen um sich zu erkundigen wieviel Muscheln er für eine derartige Menge Schokolade wohl aufbringen müßte, so das die Freunde beschlossen, Fariba ihre Muscheln für sie verwalten zu lassen.

Aber zuerst mußten sie überlegen, wie sie an Geld kamen ohne zu stehlen oder zu erben. Nun, eigentlich bekamen sie auch alle noch, mehr oder weniger Taschengeld von ihren Eltern, aber für die gewissen Extras des Unterwasserluxuslebens muß man sich schon etwas dazu verdienen. Oder auf das Eine verzichten um dafür das Andere zu bekommen. Und so beschlossen die Freunde eine Lösung zu suchen und sich in einer Woche wiederzutreffen um zu berichten wie es ihnen ergangen war.

Carla fand mit ihren acht starken, behenden Armen schnell einen Job als Kellnerin in der Tischkorallenbar um ihr Taschengeld aufzubessern. Dann erwarb sie eine besonders schöne Zackenkrone und baute einen kleinen Pilotfisch als Alarmanlage oben dran, so daß sie sie nie wieder verlieren konnte.

Der Blaufußtölpel beschloß mit dem Heulen aufzuhören und sich ein wenig mehr auf sein Studium zu konzentrieren. Und siehe da: als die Noten besser wurden, schwand die schlechte Laune und sogar seine Seeschnepfengroßmutter hatte plötzlich wieder ihre Spendierhosen an. Natürlich war auch seine Freundin ganz stolz auf ihn, außerdem macht Erfolg ja angeblich unter bestimmten Umständen erotisch.

Youri verkaufte einige seiner jetzt als völlig überflüssig erkannten Gegenstände an fahrende Händler, wie zum Beispiel seine Mikrowelle, sein Mountainbike und sein kürzlich ersteigertes elsässisches Weingut. Und er überlegte sich jetzt ganz genau ob er etwas wirklich braucht und ganz, ganz gerne haben will, bevor er sein Muschelgeld dafür ausgibt.

Als sich die lieben Freunde also nach einer Woche wiedertrafen, waren alle glücklich und froh und stolz erzählten sie Fariba von ihren Erlebnissen. Und die Meerjungfrau umarmte alle einzeln und der Reihe nach und gab ihnen je einen dicken Kuß weil sie so tapfer und einfallsreich gewesen waren. Der berühmte Galapagoskormoran tauschte indes ein ganz tolles Büschel Seegras, was der Blaufußtölpel erfolgreich seiner Angebeteten schenkte, gegen dessen fast unbenutztes, kleines, blaues Merkheft. Denn er war immer noch sehr vergeßlich, denn solche Sachen sind schwierig zu lernen, vor allem im Alter. Alle zusammen schenkten die tollen Freunde sogar dem doofen Putzerfisch ein gutes Buch, denn sie hatten alle ein wenig gespart und Youri, der verschwenderische Grauhai zog bei seiner besten Meerjungfraufreundin ein, mit der Absicht sie bald heimlich und unmerklich zu heiraten.

So waren die Korallenriffbewohner jetzt zwar glücklich, aber sie hatten auch nicht vergessen das Fortuna mit ihnen gewesen war. Und sie wußten wohl, das sie jetzt ein bißchen vorsichtiger mußten. Denn man hat nicht immer eine gute Meerjungfraufreundin die einem mit guten Ideen und der Eröffnung einer Bank aus der Patsche hilft.

Das war es dann aber auch, mit dem übers Muschelgeld nachdenken, denn die Freunde hatten wahrlich besseres zu tun. Sie spielten und lachten ganz viel zusammen, sie feierten bei Fariba rauschende Feste mit Unmengen Algenweins und Tintenfisch. Und der Blaufußtölpel brachte seine Frau mit und Carla ihren liebgewonnenen Pilotfisch. Und dann tanzte Fariba, die glückliche Meerjungfrau, mit Youri, dem sorglosesten Hai der Welt, die ganze Nacht, bis sie beide vor lauter Glück und Spaß nicht mehr stehen konnten und mit der Morgensonne erschöpft ins Korallenbett fielen.