Neulich, im Eidechsenwohnheim
(2000)
Für Chasey


 

 

Chasey, die schmale Eidechse aus Mauerecke 12b, hatte zur Feier des Tages ihr gewagtes, türkises Höschen angezogen, das die Männer immer so fürchterlich aus der Fassung brachte. Behende schlängelte sie sich auf das Dach des Wohnheims und nahm erstmal einen großen Schluck Sonne zum Frühstück. Jetzt, im Frühjahr, war noch nicht viel los in der Nachbarschaft, und Chasey hatte keine Mühe einen schönen Platz auf dem geweißten, wirklich luxuriösen Haus zu finden. Zu dieser Stunde des Tages ließ sie, wie immer, die Geschehnisse des Vortages noch einmal Paroli laufen. Das war schnell getan, denn Chasey erlebte nicht viel, sie war eine faule Sau und tat nie mehr als schicke Sachen anziehen und in der Sonne liegen. Aber Eidechsenberufe sind auch wirklich dünn gesät. Wann sieht man schon mal kleine Reptilie hinterm Tresen in einer dunklen Schaluppe, oder vielleicht morgens die feuchten Strassen fegen? Selten.

So lag Chasey in der Sonne und sah gut aus. Aber auf einmal aber legte sich zu ungewohnter Zeit ein Schatten über das Eidechsenfräulein, und ihr fröstelte. „Hey Wolke, was machst du hier, um diese Zeit. Geh weg, du stehst mir im Licht!“, schrie Chasey die kleine graue Wolke an. Aber die kleine graue Wolke dachte gar nicht daran. Sie blieb einfach über Chasey hängen und schlief ein. Dabei fing sie sogar an, ein bißchen vor sich hin zu regnen. Genervt zog die kleine Eidechse ihr kleines, weißes Eidechsenhandtuch hoch bis unters Kinn. Sie fand es ab jetzt kalt und ungemütlich. Aber an einen Ortswechsel war nicht zu denken, denn die Wolke war für Wolkenverhältnisse zwar klein, aber für Eidechsen immer noch viel zu groß, um ihr einfach aus dem Weg gehen zu können. „Doofe kleine Wolke“ fand Chasey. Schlecht gelaunt schaute sie in der Gegend herum.

Von diesem Tag an verfolgte die kleine Wolke Chasey immer und überall hin, selbst ins Bad. Die kleine Eidechse wurde darüber ziemlich mißmutig, so daß sie auch gar nicht mehr so gut aussah. Aber mit der Zeit gewöhnte sich Chasey an die ständige Feuchtigkeit ihrer Umgebung und ließ sich zur besseren Alltagsbewältigung schließlich Schwimmhäute zwischen den Zehen wachsen. Außerdem lernte sie schwimmen und dann war es nur eine Frage der Zeit bis sie beschloß, im Meer zu wohnen. So wurde Chasey, die kleine Eidechse, die immer in der Sonne lag, zu Chasey dem Mittelmeerlurch. Sie eröffnete eine kleine Muschelboutique, wo sie Sachen für die modebewußten Fischfrauen anbot, oder auch mal einer verliebten Languste die Haare schnitt. Hier, unter Wasser, sah Chasey natürlich auch wieder super aus, und die Wolke war ja wohl auch weg. Oder sie merkte sie einfach nicht mehr.

So war Chasey unmerklich geschäftig und fleißig geworden und hatte das faule Herumliegen aufgegeben. Und Schuld hatte nur diese kleine, graue Wolke, die der kleinen Eidechse auf die Nerven gegangen war. Eines Abends, Chasey lag schon im Wasserbett, dachte sie noch mal über alles nach und fragte sich, ob sie jetzt glücklicher sei. „Hm...“ grübelte das kleine Fräulein, „mir fällt irgendwie auf, daß faul rumliegen, in der Sonne, und sexy Aussehen, weit weniger anstrengend war als diese Unterwasser Lurcherei. Wie konnte das nur passieren, ich meine, ich bin doch Chasey, die faulste Eidechse der Welt! Wie konnte ich mich nur so gehen lassen, ich habe doch einen Ruf zu verlieren!“ Daraufhin sprang sie aus dem Bett und rannte raus aufs Riff, wo sie ihre Schwimmfüße einem bedürftigen Einsiedlerkrebs schenkte und schleunigst den nächsten Blauhaipilotfisch-Express zur Heimatinsel bestieg. Am Strand angekommen zog sie den Mittelmeerlurch Anzug aus und lief schnell zum Eidechsenwohnheim. Ihr Zimmerchen bei 12b war unberührt und die kleine Eidechse kramte ihren heißesten String Tanga aus der Kleiderkiste, und zwar den in Neon-Pink. Dann schritt sie elegant zu ihrem Mauer Platz, wohlwissend wie gut das Pink zum Weiß der Steine passte, und streckte sich aufreizend frivol auf ihrem Eidechsenhandtuch aus. Die ersten Eidechsenmänner fielen bereits ohnmächtig von der kleinen Mauer und zwei wirklich mutige brachten ihr Eidechsencocktails und massierten ihr die Füsse.

Die kleine, graue Wolke war indes in der Kneipe nebenan und ließ sich volllaufen, denn Chasey hatte sie ausgetrickst und außerdem hatte der Chef ihr kleines Abenteuer herausgekriegt und war entsprechend wütend. Während Chasey langsam eindöste und dabei weiterhin angemessen sexy aussah, dachte sie noch schnell „Scheiss Arbeiten“ und kicherte ein kleines Eindechsen Kichern.