Meine Freunde und ich retten die Welt
- und was machst du?

(2002)
Für die Schildkröten im Allwetterzoo


 

 

Wenn ich auf meinem Balkon sitze, besucht mich immer eine kleine schwarze Dohle und plaudert mit mir über die Geschehnisse des Tages. Sie wohnt auf meinem Schornstein, und da wir Nachbarn sind, freundeten wir uns mit der Zeit richtig an. Sie redet mit mir über ihre vielen Dohlenkinder und davon, wie sie es schaftt immer die besten Stöckchen für ihre Nester zu finden, und ich berichte von den letzten Fussballergebnissen oder der Lage im nahen Osten. Wir haben uns also schon immer viel zu erzählen gehabt, aber neulich kam das Gespräch zufällig darauf, ob wir auch in anderen Tierkreisen gute Freunde haben. Ich sagte, das ich einen Beo kenne, und einen Ameisenbären und das auch der gemeine Weißspitzenriffhai ein guter Bekannter von mir ist, und das ich mit ihm im Urlaub am Strand Elfmeterschiessen übe. Die Dohle wurde jedoch traurig und still. Und sie erzählte mir eine Geschichte die ich nicht vergessen werde.

„Meine beste Freundin“, sagte sie, „war eine kleine Sumpfschildkröte und lebte im weiten indischen Ozean. Ich hatte sie durch Zufall im All-inclusive Urlaub kennengelernt. Bei einem Tauchgang sah ich sie in einer Höhle sitzen, sie winkte mich heran und lud mich ganz spontan auf einen Papageientee und einen Karpfenkeks ein. Die Schildkröte hieß Kira und war noch ziemlich jung. Sie wohnte allein, in ihrem jungen Alter, und schien mir etwas einsam zu sein. So leistete ich ihr für den Rest meines Urlaubs Gesellschaft - wir spielten Korallenschach, sahen viel Fern und ärgerten den eitlen Rotfeuerfisch von nebenan. Kira mochte nicht so gern nach draussen gehen, sie hatte Angst, aber ich traute mich so recht nachzufragen warum. So verbrachten wir die meiste Zeit in ihren vier Wänden. Ich brachte morgens die Zeitung mit und frische Algenbrötchen. Und spät abends, wenn ich nach Hause ging, schienen mir die Sterne den Weg und ich fragte mich was Kira wohl alles vor mir verbarg. Ich würde sie fragen, ich wußte nur noch nicht wann.

Ein paar Tage vor meiner Abreise legte ich noch mal einen kleinen Strandtag ein, denn auch unter uns Dohlen gilt eine gesunde Bräune durchaus als erstrebenswert. So lag ich faul auf meiner Strandliege, nippte ab und zu an meinem Aracocktail und ließ mir die Sonne auf die Federn brennen. Und als ich gerade ein wenig eindösen wollte, schreckte mich eine unangenehm kratzige Stimme auf: „Hallo... hätten sie vielleicht Interesse an meiner kleinen Kollektion...? Sehen sie mal hier, was ich hier habe...“ Ich blinzelte und sah neben meiner Liege einen komischen Kauz stehen. Also, in Wirklichkeit war es natürlich kein Kauz, sondern ein Affe, ein kleiner hellgrauer Affe mit einem unerträglichen, falschen Grinsen im Gesicht. Er öffnete seinen albernen Mantel und holte eine große Schale hervor. „Na, wie finden sie das...? Ich lasse es ihnen zu einem tollen Preis! Sie können es zu Hause an die Wand hängen, es wird sie noch lange an ihren Urlaub erinnern!“ In dem Moment an den ich die wundersame Schale erblickt hatte, kroch mir ein kalter Schauer den Dohlenrücken herunter... Eine düstere Vorahnung beschlich mich, ich kannte diese Form, diese Farben... „Was... was ist das... um Gottes Willen...?“ stammelte ich. „Ah...! Wunderschön, nicht?“ schnurrte der unsympathische Affe. „Es ist eine ganz seltene Kostbarkeit, ein...“ er beugte sich zu mir herab und flüsterte jetzt... „ein Panzer der Sumpfschildkröte... sehr, sehr wertvoll... wenn sie wollen kann ich ihnen noch mehr davon zeigen, andere, verschiedene...!?“ Eine unglaubliche Wut stieg in mir auf, ich dachte nur, dieses Schwein... und ich dachte an Kira, und daran das sie sich nicht aus ihrer Höhle traute... Mein Schnabel zitterte, ich sprang auf und schrie den Affen an. „Du dumme Sau! Verschwinde bevor ich dir die Augen aushacke...! Wie kannst du so etwas tun, wir sind doch alle Brüder!“ Der Affe stolperte zurück und fiel in den Sand. Ich hüpfte auf ihn und rüttelte ihn kräftig durch, doch plötzlich... hatte ich ein Kostüm in der Hand! Der Übeltäter war gar kein Affe, es war eines von diesen glatten Tieren... „Och... nö... das hätte ich mir ja denken können.“ sagte ich. „Das einzig wirklich bösartige Tier ist halt der Mensch. Komm, verschwinde. Ich mag dich nicht mehr sehen.“ Ich ließ den Menschen los und packte traurig meine Strandsachen ein. Schnell machte ich mich auf den Weg zu Kira, denn ich machte mir natürlich jetzt ziemliche Sorgen um ihr Wohlbefinden.

Als ich zu ihrer Höhle tauchte, ahnte ich schon das etwas nicht stimmte. Irgendetwas war geschehen. Ihre Korallenwohnung war leer, bis auf einen kleinen Zettel auf dem stand: „Liebe Dohle. Ich mußte leider fliehen, denn die bösen Jäger kamen mir zu nahe. Ich habe daher meine Kofferfische gepackt und den nächsten Walhaibus nach irgendwo genommen. Ich werde meine Familie suchen gehen, vielleicht finde ich sie ja doch noch wieder. Wünsch mir Glück.“ Na, und das war die ganze Geschichte. Ich habe sie nie wieder gesehen, meine Schildkrötenfreundin Kira. Wer weiß was aus ihr geworden ist.“

Die kleine Dohle war sehr ruhig geworden und hatte Tränen in den Augen. Auch mich hatte die Geschichte von der armen Schildkröte sehr mitgenommen. Ich wußte das einige Schildkrötenarten inzwischen bis auf wenige Exemplare vollkommen ausgestorben waren, weil Menschen wie ich und du sie jagen und töten. Ich nahm die Dohle in den Arm und streichelte sie über ihren grauen Kopf. „Wir müssen unseren Freunden helfen“ sagte ich leise, „wir müssen ihnen helfen, sonst sterben sie nach und nach alle aus und wir sind ganz allein.“ Die Dohle schneuzte sich geräuschvoll ihren Schnabel an meinem T-shirt. „Das stimmt, aber was können wir alleine schon tun?“ fragte sie. „Nur zusammen schaffen wir es“, sagte ich, „lass uns raus gehen und andere suchen die uns helfen, bestimmt machen viele von unseren Freunden mit, Andy der Ameisenbär, Carla die Krake, Youri der Grauhai und Ulf und Michael von nebenan, oder Janina von gegenüber.“ Die Dohle strahlte und rief: „Ja! Und Kiki die Viper macht bestimmt auch mit! Und Chasey, meine spanische Eidechsenfreundin!“ So rannten wir beide schnell auf die Strasse und erzählten unseren Freunden, Mensch und Tier, von unser Absicht die Natur und zuerst die armen Schildkröten zu retten. Und was macht ihr? Macht ihr auch mit? Ja? Toll!

Und wer weiß, vielleicht findet Kira dann sogar ihre Familie wieder und wir können alle zusammen ein großes Wiedersehensfest feiern. Mit Papageientee und Karpfenkeksen für alle!