Mein Freund, der Elefant
(2001)
Für Roland


 

 

Eines Tages fand der kleine Roland auf seinem Nachhauseweg einen schmalen, leichten Elefanten. Er saß, einfach so, neben der Strasse in einem lila Pappkarton herum und sah ihn erwartungsvoll an, ein leises, fröhliches Lied trötend. Roland, noch ganz müde von zu viel Mathematikunterricht, nahm den Elefanten auf seine Hand und streichelte ihm ein bißchen über den Kopf, wobei das erstaunlich leichte Tier breit zu grinsen begann. „Wer hat dich denn ausgesetzt, du kleiner Elefant?“, fragte Roland ihn, während sein kleiner Freund es sich auf seiner Hand gemütlich machte. „Tröööt!“ machte der Elefant. Nun, Roland beschloß den kleinen, vom Aussterben bedrohten Elefanten mit zu sich nach Hause zu nehmen. Als er, das kleine Tier immer noch auf der Handfläche, in den Flur trat, hörte er seine Mutter in Küche herumhantieren. „Mama!“ rief der kleine Roland, „Ich habe auf dem Nachhauseweg einen kleinen Elefanten gefunden, darf ich den behalten?“. Roland nahm ihr Schweigen als Zustimmung hin und ging auf sein Zimmer, wo er dem rüsseligen Freund erstmal eine tolle Schlafschachtel zeigte. Roland hatte nämlich noch einen alten Schuhkarton übrig, der war blau-weiß gestreift und sah sehr gemütlich aus. Auch der kleine Elefant trötete ein zufriedenes Geräusch und legte sich sofort ein wenig schlafen, müde von der für ihn anstrengenden und aufregenden Wohnungssuche. Roland aber machte brav seine Hausaufgaben und ging danach noch schnell in die Stadt um Elefantenfutter zu erwerben. Der nette Mann in der Zoohandlung hatte ihm eine genaue Liste gemacht, mit Sachen die Elefanten täglich so zu sich nehmen. Da der Hauselefant aber ja sehr klein war, kaufte Roland statt 20kg Ernüssen nur zwei und statt 120 Toastbroten nur eins. Als der stolze kleine Junge jedoch nach Hause kam, mußte er feststellen, dass sein Tier inzwischen ein wenig gewachsen war. Der kleine Elefant saß nicht mehr in seinem Pappkarton, sondern lag in der Badewanne und übte verschiedene Fontänen mit seinem Rüssel. Von jetzt an hatte Roland natürlich erhebliche Schwierigkeiten den Elefant zu verstecken. Die paar Erdnüsse und die Brote nahm sein neuer Freund beinahe in einem Atemzug zu sich und der sich trotzdem anschliessende Nahrungsmangel hatte unangenehme Folgen. Denn der kleine Elefant konnte erstaunliche Sachen essen. Erst verspeiste er sämtliche Cornflakes Packungen des Hauses, dann knabberte er an der Wohnzimmergarnitur und dem Duschvorhang, danach war des Nachbarn grasgrüner Lattenzaun dran und zuletzt aß er sogar mit einem riesigen Bissen dessen Garage. Danach war der Elefant selbstredend alles andere als klein. Mit Ende des Tages maß er stolze 4 Meter in der Höhe, 6 Meter in der Länge und hatte zwei gewaltige, schneeweiße Elfenbeistoßzähne.

So stand er also abends unter der großen Buche in Rolands Garten und schaute den kleinen Mann zufrieden an. Der wußte ehrlich gesagt nicht mehr was er machen sollte. Einen kleinen Elefanten, der in einem Schuhkarton schläft, ja, den kann man bei sich im Zimmer halten, aber ein so großes Tier, welches gerade mal in den Garten passt, nein, wie sollte das funktionieren.

Roland seufzte, setzte sich neben seinen Elefanten und sah in den Sonnenuntergang. „Menno, kleiner Elefant. Was sollen wir denn jetzt machen?“ Die beiden verständigten sich inzwischen, wie für Elefanten jeder Größe üblich, durch Intraschall zwischen 14 und 24 Hz, denn Roland war sehr lernfähig. Der Elefant blickte Roland an und hielt ihm seinen Rüssel hin. „Halt dich da mal fest“, trötete er, „ich habe eine Idee“. Und er nahm Roland auf seinen Rücken und trottete aus dem Garten, die Strasse entlang, aus der kleinen Stadt, durch den Wald und Richtung Meer. Dort baute der Elefant dem kleinen Jungen ein prächtiges Strandhaus mit einem Riesenelefantenanbau für seine eigenen vielfältigen Quadratmeter, und bemalte alles wie selbstverständlich Lila. Von da an saßen die zwei Freunde meist vor ihrem Haus und erzählten sich Geschichten oder brachten sich tolle Sachen bei. So zeigte der Elefant Roland zum Beispiel einen Trick wie man sich hundert Jahre an etwas erinnern kann. Der Elefant aber lernte Schachspielen, Tore schiessen und lesen.

In der kleinen Strandbude leben sie übrigens noch heute. Und wenn sie Hunger haben, geht Roland in das kleine Dorf und kauft Cornflakes, oder der Elefant geht fischen. Später dann, abends, bevor die Sonne sich im Meer schlafen legt, spielen die beiden Verstecken. Roland tut dann jedes Mal erst so, als würde er den Elefanten nicht sehen damit er nicht zu traurig über seine unglaublich schlechten Versteckideen ist. Meist verbirgt er sich nämlich hinter dem einzigen verdorrten Ast der auf dem großen Strand herumliegt. Wenn Roland ihn dann dahinter hervorzerrt, lachen die zwei ganz viel und rennen in ihre Betten. „Schlaf gut kleiner Elefant“, sagt Roland dann immer leise und beide träumen von einer Welt, in der ihre Geschichte nicht unmöglich ist.