Mandarin
(2001)


 

 

Die See war tiefschwarz an diesem Tag und Sakumi mußte seine Extrascheinwerfer einschalten um durch die grüne Infrarotbrille überhaupt irgend etwas zu sehen. Selbst bei ruhigen Verhältnissen war es nicht einfach den Walhai zu lenken und der Pilotfisch war dementsprechend stolz darauf für diesen Auftrag ausgewählt worden zu sein - und auch auf seine Pilotenlizenz, welche sogar plus Extra - Gefahr galt. Es gab nicht viele die Aufträge bei solch widrigen Bedingungen annahmen, aber Sakumi war jung und brauchte das Geld.

Hinter ihm blinkten matt und monoton die hellgelben Warnlichter welche die gefährliche Fracht anzeigten, aber selbst er als Pilot war nicht eingeweiht worden in ihr Geheimnis, er wußte nicht im Ansatz um was es sich handelte. Es mußte etwas sehr wichtiges sein, denn Sakumi war angewiesen die normalen Walhaiwege abzukürzen und durch verseuchtes Gebiet zu steuern. Um nicht zu sehr zu leiden, trugen der Walhai und Sakumi alberne, schwarze Gummimasken, aus denen seitlich das ausgefilterte toxische Wasser matte, gelbe Schlieren zog. Kein anderes Lebewesen durchschwamm mehr diese Gebiete, es war schon lange viel zu gefährlich die bereinigten Sicherheitszonen zu verlassen. Ab und an konnte Sakumi mal einen Felsen, oder vielleicht ein rostiges Fass erahnen, doch es waren vielmehr gespenstische Umrisse, mal glaubte er eine Bewegung zu sehen, oder ein Gesicht im Dunkel. Dem kleinen Pilotfisch war es durchaus etwas unheimlich und er versuchte sich auf den Kurs zu konzentrieren. Er hoffte inbrünstig kein Batrachotoxin geladen zu haben, denn das könnte nur etwas ganz furchtbares, wie etwa einen neuen Krieg, bedeuten.

Das Gift der Pfeilgiftfrösche war vor einigen Jahren die Antwort gewesen, auf die Zerstörung der Wälder und das Vergiften der Meere. Innerhalb kürzester Zeit war die Menschheit zwar keine Bedrohung mehr gewesen, die Wiederherstellung der Natur war jedoch viel schwieriger als viele gedacht hatten. Schon seit 25 Jahren war jetzt das Meer nur noch zu kleinen Teilen bewohnbar und Land war sowieso nicht mehr viel übrig. Eine neue Menschengefahr könnten sie jetzt wirklich nicht gebrauchen, aber Sakumi fiel eigentlich kein anderes Gefahrengut ein das jemand überhaupt noch aufbringen könnte, nur Batrachotoxin, das Menschengift.

Der kleine Pilotfisch steuerte elegant an zwei schwarzen Rauchern vorbei durch schwefelige, stinkige Luftblasen. Von hier aus sollte es nur noch zwanzig Minuten dauern, dachte er und gab noch mal ein wenig mehr Walhaigas. „Du hast nicht zufällig eine Ahnung was wir transportieren?“ funkte Sakumi per Intraschall an seinen Walhaibus. Aber auch der wußte nichts, die Auftraggeber im indischen Ozean hatten scheinbar die allerhöchste Geheimhaltungsstufe ausgegeben. Sakumi schluckte. Einen Auftrag dieser Art hatte es ebenfalls 25 Jahre lang nicht mehr gegeben. Die ganze Geschichte war schon etwas mysteriös und dem Fisch unheimlich. Er fuhr jetzt bestimmt seit sieben Jahren schon Walhaie, er brachte Verpflegungen zu entlegenen Aussenposten oder mal eine Brassenschulklasse auf Klassenfahrt ins San Francisco Barrier Reef. Und jetzt wußte er nicht einmal genau was er an den angewiesenen Zielkoordinaten finden würde.

Als Sakumi den Walhai drosselte und sich langsam seinem Ziel näherte, war ihm klar das sein Weg mitten in der konterminierten Zone enden würde. Bald tauchten vor ihm rechts und links hellblaue Positionslichter auf und er lenkte den Hai langsam zwischen ihnen entlang bis zu einer dunklen, steilen Felswand. Die Lichter führten weiter in eine schmale Höhle an deren Ende Sakumi ein großes Licht erblicken konnte. Der Walhai und sein Pilotfisch schwammen mit einem flauen Gefühl im Magen in die Riffhöhle und Sakumi knabberte sogar etwas an seinen Bauchflossen. Nach einem, wie es ihnen schien, endlos langen Tauchgang durch den schwarzen Tunnel, immer den Blick starr auf das Licht gerichtet, schwammen die beiden Reisenden schließlich in eine große Kammer. Diese war ganz und gar hellblau erleuchtet, aber Sakumi konnte keine Lichtquelle ausmachen. Plötzlich hörte er hinter sich ein leises Klicken. Sakumi drehte seinen Hai vorsichtig einmal um die eigene Achse und erschrak: Der Tunnel, aus dem sie gekommen waren war weg, einfach verschwunden - der Pilotfisch und sein Walhaifreund schienen gefangen, in einer perfekten, hellblauen Kugel ohne Ausgang.

Sakumi klammerte sich an den Walhai und eine seltsame Klarheit durchströmte seinen kleinen Körper. War dies der Wendepunkt? Alle seine Sinne schienen erhellt von dem grellen Licht das die beiden umgab und den beiden Freunden liefen kalte Schauer der Unwirklichkeit die Rücken herab.

„Sakumi...Sakumi...“ weckte ein Flüstern den kleinen Pilotfisch aus seiner geistigen Umnachtung. „Was denn? Wie? Hä!“ „Sakumi“, sagte der Walhai, „schau mal dort drüben, in der Mitte, da ist eine ziemlich große Gehirnkoralle und schon seit einer halben Stunde blinken rote Landelichter. Außerdem schreit schon ungefähr genauso lange eine genervte Stimme das wir endlich einparken sollen.“ Sakumi murmelte etwas von „Hm, jaja, hm sicherheitsbedenken hm...“ und fuhr dann seelenruhig den Walhaitransporter in die Riesenkoralle. Dabei tat er selbstredend so, als sei er nicht noch gerade in tiefer Ohnmacht gewesen ob der beeindruckenden Ereignisse.

In der Koralle war alles glatt und weiß und viele kleine Fische schwammen hin und her und hatten es eilig. „Da seid ihr ja endlich!“ rief ein Schiffshalter aufgeregt und wies den Walhai hektisch zu einer Entladestation und den Fahrer ins Import-Exportbüro. „Bis nachher, kleiner Walhaifreund“, sagte da Sakumi, nahm seine Papiere und ging das Büro suchen. Eine attraktive Seepferdchendame half ihm rührend dabei und so hatten sie es bald gefunden. Dort saßen an einem runden, türkisen Glastisch einige Vertreter der Weltmeerpopulation und sahen den kleinen Fisch mit großen Augen an. „Sakumi“ sprach da mit tiefer Stimme ein großer marmorierter Zackenbarsch, klimperte mit den Augen und wies ihn mit ausladenden Gesten auf einen freien Platz.

„Heute ist ein großer Tag und ein trauriger zugleich“, sprach er weiter und wandte sich an die Runde. Hinter ihm, durch ein Fenster, sah man einen gewaltigen Hohlraum, ein Habitat für Millionen von Meeres- und Landtieren, eine schier unendliche Anzahl verschiedenster Arten war dort versammelt und spielte Spiele oder las Bücher. „Sakumi, unser Pilotfisch, hat heute unseren letzten Passagier gebracht. Wir sind bereit zu gehen, mit einem weinenden Auge wegen der vielen Freunde die wir verloren haben und der einstigen Schönheit dieser Welt, aber voller Hoffnung auf einen Neuanfang in einer sauberen Welt. Und nun, öffnet das Tor.“

Alle Augen im Raum richteten sich auf eine kleine Öffnung in der Wohnkugel. Und als der winzig kleine, bunte Fisch herausschwamm, schien die Zeit still zu stehen, die Tiere im Habitat unterbrachen ihr Spiel oder ihr Buch und beobachteten ergriffen den Neuankömmling. „Liebe Freunde, es ist Zeit aufzubrechen,“ wandte sich der Zackenbarsch erneut an die Fauna dieses Planeten. „Und zu Ehren unseres letzten, noch fehlenden Freundes und den letzten seiner Art, taufe ich dieses Schiff „Mandarin“. Alle Tiere waren nun ein wenig traurig und sie trösteten und umarmten den einsamen und wunderschönen Mandarinfisch und luden ihn zum Essen ein.

Sakumi aber hatte natürlich inzwischen geschnallt was los war. Deshalb hatte sich die Meeresqualität nicht mehr verbessert in den letzten Jahren, überlegte er, weil die Tiere erkannt hatten das es zu spät war. Und so hatten sie ein Gefährt gebaut was sie zu einer neuen Welt, einer gesunden Heimat bringen würde. Sakumi ging seinen Walhaifreund holen und beide schwammen zusammen in die große Kugel. Dort suchten sie sich eine schöne, ruhige Ecke und überlegten wie wohl ihr neues Zuhause aussehen würde. „Stell dir vor,“ sagte der Walhai, „ein Meer mit ganz sauberem Wasser und keinen Fangnetzen und man muß keine Angst mehr haben. Hach, wär das schön...“ Der Walhai seufzte und schloss die Augen. „Mhpf, blubb.“ „Könntest du deinen Übersetzer anschalten“, sagte da der Pilotfisch zu ihrem neuen Freund, dem Ameisenbär, welcher mit einem albernen Helm versehen bei ihnen am Tisch saß. „Entschuldigung.“ Der Ameisenbär guckte etwas mißmutig. „Ich werde ihre Schokolade vermissen“, meinte er. Aber da mußten alle lachen und sie lachten noch lange, immer weiter bis man die helle, blau leuchtende Kugel mit bloßem Auge schon lange nicht mehr sehen konnte von der beinahe ausgestorbenen Erde.

Auf einer völlig ausgedörrten Sandbank liegen zur gleichen Zeit eine Mutter mit ihrem Kind. Rostige Ölfässer sind ausgelaufen, der Sand ist schwarz und rot von Blut. Das Kind schreit, die Mutter schlägt, entfernt untersucht ein Mann einen letzten technischen Gegenstand, drückt einen Knopf und vollbringt damit sein letztes und erstes Werk.

„Vor uns die Sintflut“, denkt Sakumi, als er aus einem Sichtfenster den neuen, blauen Planeten erblickt und eine Träne läuft seine gelb-weiß gestreiften Wangen herunter, eine dicke Träne des unendlichen Glücks.