Katja und der Kolibri
(2000)
Für Katja


 

 

Der Kolibri ist das meistunterschätzte Tier in unserem Sonnensystem, ungefähr. Wenige Menschen oder Lebewesen in seinem Wirkungskreis wissen mehr über ihn als seine Standardabmessungen, die da wären: klein, schnell, Honig. Niemand (fast) weiß jedoch viel über seine wahren Eigenschaften. denn der Kolibri würde seiner Kindergartenfreundin niemals ins Poesiealbum schreiben: "Hobbys: reiten, lesen, schwimmen." Seine Vorliebe für klassische russische Literatur ist eben so unbekannt wie die Tatsache, daß viele der berühmtesten Tiefseebiologen Kolibris waren und sind. Ähnlich den Dohlen (a.a.O.) sind sie jedoch am Ball gänzlich untalentiert. Vor vielen, vielen, langen Zeiten, oder vielleicht war es auch gestern vormittag, machte sich ein kleiner (jaja) Kolibri auf nach Feuerland wo die alljährlichen Tanzweltmeisterschaften stattfanden. Der Kolibri war ein begnadeter Tänzer und er war zuversichtlich den Titel mit nach Hause zu nehmen. Auch wenn er bisher verdrängt hatte daß der Pokal wahrscheinlich nicht in seine Nisthöhle passte.

Der Kolibri hatte sich zwei, drei Proviantblüten mitgebracht um bei Kräften zu bleiben, denn seine finanziellen Möglichkeiten waren begrenzt. So zog er, in Feuerland angekommen, auch nur in ein kleines, aber feines Zimmer, legte seine Tanzsachen nebens Kolibribett und gönnte sich einen Schnabel Honig vor dem Schlafengehen. Kolibriträume sind eine Sache für sich. Sie haben die Eigenschaft immer genau das vorwegzunehmen was am nächsten Tag passieren wird. Deshalb lasse ich den Traum weg und erzähle einfach was wirklich geschah.

Am nächsten Morgen wurden die Wettkampfteilnehmer erstmal von den Juroren inspiziert. Alle Spezies wurden nämlich vor dem Tanzen auf ihren Prozentgehalt überprüft und da der Kolibri selten, detailverliebt und perfekt war, hatte er den 1. Platz in dieser Wertung abonniert. So fiel er auch nicht vom Hocker als die Lautsprecherstimme bekannte gab, "Kolibri, 99.4% Kolibrigehalt, damit geteilter 1. Platz..." und da ereilte den kleinen Vogel plötzlich eine halbseitige Gesichtslähmung, "... zusammen mit dem Katjakind, 99.4 % Katjagehalt." Der Schnabel fiel dem Kolibri aus dem Cocktailglas. Hektisch versuchte er unter den Teilnehmern seine große Rivalin zu erspähen, aber da wurde er auch schon ohnmächtig.

"Hallo... Herr Kolibri - sie sind dran." Der Kolibri kam nur langsam zu sich, setzte seine Schnabel auf, streifte seinen Tanzkampfanzug an, sprang auf die Fläche und wollte Gas geben. Und dann sah er seine Gegnerin - Das Katjakind stand schnaubend in der anderen Ecke und schüttelte den perfekten Körper. Der Kolibri fragte sich ob Katja nicht vielleicht doch neuer Rekord war. Er konnte keine Konstruktionsfehler an ihr entdecken, und ihre Beine, Brüste, Haare und Arme, sowie Nase und Hintern waren mal eben ganz sicher 100 %. Der Kolibri war geblendet. Aber als der Gong ertönte, war er nur noch Bewegung. Die beiden hübschen tanzten wie bescheuert. Und in dem Moment, da die ersten Fliesen anfingen zu brennen, nahm der Kolibri die kleine Katja auf die Schultern und sie flogen zusammen wieder gen Norden. Feuerland indes - naja, wie der Name schon sagt, brannte recht stark ab.

Katja und der Kolibri saßen zu der Zeit schon gemütlich am Aasee und tranken heiße Milch mit Honig. Und beide machten sich Komplimente und Katja schenkte dem Kolibri sogar ein Schränkchen für den Pokal. Denn den wollte die kleine Frau nicht haben - sie hatte ja schon den 100 % Preis vom Chef. Der Kolibri freute sich über das souveräne Möbelstück und den Pokal und beide freuten sich daß sie so tolle Freunde geworden waren.

Und seitdem besucht der kleine, tropische Vogel regelmäßig seine kleine Menschenfreundin in Münster. Dann gehen beide tanzen, die ganze Nacht, und den ganzen nächsten Tag - das ist schön für das Stadtbild aber eher schlecht wegen der globalen Klimaveränderungen. Immerhin gibts jetzt Kolibris in Westfalen.