Inken und der Zauberhai
(2000)
Für Inken


 

 

Die kleine Inken hatte gerne Ferien, denn in ihrer Heimat regnete es jeden Tag, von morgens bis zum nächsten Morgen und der Himmel war immer grau. Da waren Ferien und Urlaub in der Sonne natürlich eine angenehme Abwechslung. Inken mochte Urlaub wegen der Sonne und dem Meer, aber ihre Eltern nahmen stets die schlechte Laune mit auf Reisen und die kleine Frau wünschte sich so sehr das sie den Ärger einfach mal vergessen würden, so wie die Zahnbürste oder das Nagelset. Aber die Streitereien blieben. Auch dieses Jahr stand der Urlaub unter keinem guten Stern, denn Inkens Papa hatte die ganze Woche gesoffen und Mutter war dementsprechend angesäuert. Die ganze Hinfahrt sprachen sie kein einziges Wort miteinander und Inken spielte 78 Stunden „ich sehe was, was du nicht siehst“ mit sich selbst. Aber nach diesen 78 Stunden sah sie plötzlich zum ersten Mal in diesem Jahr das Mittelmeer und irgendetwas war anders. Es schien als würde die Pfütze ein Geheimnis mit Inken teilen wollen und ihr zuzwinkern. Für kurze Zeit glaubte sie sogar eine schmale dunkle Flosse gesehen zu haben, aber warscheinlich war das nur ein Fehler im Wasser.

So saß Inken später mit ihren Eltern in einer Bar und sah zu, wie ihr Vater wieder zu rauchen anfing. Unter dem roten Fortuna Sonnenschirm rauchte er eben diese Zigaretten , nicht ohne entschuldigend hinzuzufügen "die schmecken immer so nach Kaffee...!" Von ihrem Tisch aus konnte man das Meer sehen, eingerahmt von extrem unattraktiven Hochhäusern die allerdings erstaunlich wenig störten. Während Vater rauchte und Mutter meckerte, sah die kleine Inken aufs Meer hinaus. Und immer wieder war es ihr, als sähe sie einen kleinen schwarzen Punkt am Horizont, der auftauchte und plötzlich verschwand. Wie, wenn man ständig das Gefühl hat, gerade außerhalb des Augenwinkels huschte ab und zu eine Maus oder ein Vogel vorbei, aber nie bekommt man die Auflösung wenn man genauer schaut. Immer könnte es so gewesen sein oder auch nicht. Vielleicht befinden sich eigentlich laufend irgendwelche Tiere ein wenig auerhalb meiner Wahrnehmung um mich zu verwirren, vielleicht trinke ich morgens schon zuviel Alkohol.

Bei Inken viel letzteres weg, denn sie war erst 14 und auch Kaffeezigaretten lagen noch auerhald ihrer Vorstellung. Auch deshalb blieb der schwarze Punkt am Horizont unerforscht, in diesem Jahr. Inkens Eltern stritten sich weiter und taten es auch im nächsten und im übernächsten Jahr noch.

Und so saß Inken Jahre später am Meer und war traurig und fast taub vom Geschrei der Eltern. Sie war ein wenig die Küste entlanggegangen und geklettert bis sie dieses schöne, ruhige Plätzchen gefunden hatte. Das Meer war ruhig und klar, die Sonne schien gerade noch und die Felsen leuchteten rotgelb zwischen den Wacholderbüschen. Ich glaube zumindestens daß es Wacholder war. Aber die Felsen waren ziemlich sicher rotbraun. Ein bißchen heller und jedenfalls mit grün dazwischen. Trotzdem saß Inken auf eben diesem Felsen und sah aufs Meer. Und da, da war es wieder - irgendetwas war da draußen, sie hatte deutlich einen schwarzen Punkt gesehen. Inken hielt sich für bescheuert. "Hola....!" flüsterte plötzlich jemand neben ihr und Inken erschrak fürchterlich: "AAAAAHHHHHHHH!!!!!" schrie sie, denn links knapp unter ihr auf dem Felsen saß ein ungefähr sechs Meter langer weißer Hai und grinste sie schelmisch an. "Hallo Inken, keine Angst", sprach der Hai, "ich bin der Zauberhai und gekommen um dir wieder gute Laune zu machen." Und der Hai nahm Inken bei der Hand und sie hüpften ins Meer. Dort setzte sich Inken auf den Zauberhai und zusammen schwammen sie durch die Unterwasserweltgeschichte. Der Hai zeigte Inken die schönsten Riffe, die unheimlichsten Wracks und er erzählte ihr viele Geschichten die sie zum Lachen brachten, so die vom Knallkrebs und der Grundel, oder die vom grünen Hai. Inken war so glücklich, weil es hier unten so bunt war und so schön. Und weil der Zauberhai so groß und furchterregend war, aber ihr Freund, brauchte sie vor niemandem Angst zu haben. Als sie wieder am Mittelmeerstrand angekommen waren küßte der Zauberhai Inken auf beide Wangen und gab ihr zum Abschied eine Spezialmuschel. "Wenn es dir schlecht geht mut du nur einmal laut 'Hopp-Zauberhai!' rufen und schon werde ich sehr souverän zu deiner Hilfe eilen". Inken wischte sich eine Träne aus dem rechten Auge und bedankte sich artig beim weißen Hai. Dann ging sie nach Hause, die Muschel fest umklammert. Dort angekommen traf sie Mutter und Vater die gerade mit einem kleinen Schweinswal Tennis spielten. Inken war sehr froh das sie sich im Moment ncht stritten und schwamm in ihr sandiges Bett.

Als Inken am nächsten Morgen aufwachte war sie froh das sie zumindest die letzten beiden Sätze nur geträumt hatte. Aber neben ihrem Bett lag ein wunderschöne, große Muschel und Inken bückte sich, nahm sie in die Hand und schaute hinein. Die Sonne schien durchs Fenster und Inken spürte ihre Wärme bis in den linken,kleinen Zehennagel.