In euren Herzen ist das Nichts

(2001)



 

 

Der Tag einer Entscheidung rückte näher und es war mir gleich, es interessierte mich alles nicht mehr. Mit dem Maße, in dem die Perspektiven einer Zukunft voller Reichtum und Liebesglück geschwunden waren, nahm die Deutlichkeit des Gefühls auf dieser Welt völlig fehl am Platz zu sein, stark zu.

Der Tag war schön, es roch überall nach Sommer, neben mir saß ein hübsches, leicht bekleidetes Mädchen, mein Getränk war kühl, die Bar hell und am nächsten Morgen hatte ich nichts zu tun. „Du bist schon ein komischer Kerl“, sagte die Frau und lächelte mich an, „Aber ich mag dich. Du hast so viel Phantasie, ich bin mir sicher du wirst irgendwann mal berühmt. So etwas spüre ich.“ Ich konnte mich nicht an ihren Namen erinnern während sie sprach und immer wenn ich wegschaute vergaß ich ihr Gesicht. „Hm? Irgendwann? Was soll das? Wann sollte das ungefähr sein, hm?“ Nervös blickte ich wieder raus auf die Straße. „Naja, daß du der schönste Mann in der Stadt bist habe ich dir ja schon immer gesagt.“ Sie schaute mich jetzt, glaube ich, erwartungsvoll an. „Weißt du noch, wie wir früher...“ Ich leerte mein Bier, sah in weiterhin ausdruckslose Gesichter um mich herum, massierte angestrengt meine Kopfhaut. Ich schnitt komische Grimassen weil mein Gesicht völlig verspannt war und blickte ohne Grund nervös in der Gegend herum. Leise und dann etwas lauter, weil nichts passierte, sagte ich: „Computer: Programm beenden!“ Ich hätte es in keiner Weise überraschend gefunden, wenn sich daraufhin die Konturen um mich aufgelöst hätten, alles nur ein schlechter Witz. Aber der Strand, die Bar, das Mädchen, sie blieben. Irgend jemand schien mir den Ton abgedreht und auf Zeitlupen Wiederholung gedrückt zu haben, also ging ich ohne Ton und in Zeitlupe nach draußen, auf die Straße, Richtung Strand, Richtung Meer und ganz langsam kamen mir die Sinne zurück.

Die Promenade wurde leerer, die Palmen raschelten in meine Ohren und das Meeresrauschen klang weniger aufgeregt als noch eben, inmitten all der Leute. Ich blieb stehen und schloß die Augen, atmete tief ein und aus. Das hörte sich ungefähr so an: „Mhmpf“. Mir schwindelte und ich stützte mich kurz auf der kleinen Steinmauer ab die den Strand von der Promenade trennt. Ein überfüllter Mülleimer, ein paar Leute die Fotos machen. Das Meer rief ein wenig zu mir herüber und ich lief über den Strand, zur Brandung, zog hastig meine Schuhe aus und sah einen kleinen hölzernen Steg am Anfang der Bucht. Dort schien es sehr gemütlich zu sein. Der Steg war muschelig, veralgt und einige Holzlatten fehlten, aber ich ging trotzdem bis an sein Ende und setzte mich, die Füße im kalten Wasser. Am Horizont waren keine Wolken, der Himmel war strahlend blau und die Sonne machte sich langsam fertig für den anstrengenden Untergang.

Auf einmal zwickte mich etwas ganz leicht am großen Zeh. Erst tat ich so als würde ich es nicht bemerken, aber dann wurde das Zwicken immer stärker bis man es ein ausgewachsenes Ziehen nennen konnte. Ich schielte mit einem Auge auf das Wasser, aber es war dunkel, ich konnte nichts sehen. Also beschloß ich meinen Zeh herauszuholen. Dabei mußte ich mich stark festhalten und alle verbliebene Kraft aufwenden, denn an meinem Zeh hing augenscheinlich etwas verdammt Großes. „Hllll...“ sagte da jemand. „Bitte?“, fragte ich verwundert und sah, da hing ein riesiger, weißer Hai an meinem Fuß und grinste mich blöd an.

„Hallo, meinte ich,“ sprach er, „entschuldige, aber ich hatte deinen Zeh im Mund, da fiel mir das Sprechen ein wenig schwer.“ „Hm, ja gut, verstehe. Aber warum kommst du eigentlich so nahe an den Strand und ins Mittelmeer und beißt mir in den Fuß?“, fragte ich, den Umständen entsprechend etwas verwirrt. Der Hai schaute nachdenklich in die Ferne und räusperte sich. „Du warst allein, wir merken so etwas. Und deine Füße haben mir gefallen. So etwas merken wir auch, auf große Entfernung.“

Der Hai lehnte sich mit einer Flosse auf einen großen Stein und machte es sich bequem während er dem Treiben am Strand mehr Beachtung schenkte. „Es ist schon komisch“, sagte ich leise, „daß dies alles zusammen gehört, daß die Hochhäuser dort, die vielen Menschen, die Bäume, das Meer, du und ich, daß wir alle eins sind, letztlich. Findest du nicht?“ Der Hai zog ein schlechtgelauntes Gesicht. „Naja. Es ist schon erstaunlich. Wenige denken so. Die Menschen bewegen sich „In der Natur“, ich glaube sie haben nie begriffen daß sie die Natur sind. Ihr übt Macht aus, zerstört und nennt es freien Willen und hohe Intelligenz. Aber mit diesem nicht Schritt aus der Natur heraus habt ihr euch lediglich die Möglichkeit zur Selbstzerstörung erkauft. Herzlichen Glückwunsch. Möchtest du ein Kaugummi?“ Der bestimmt sechs Meter fünfzig lange, weiße Hai griff behende in seine linke Hosentasche und beförderte mühsam ein zerknittertes Kaugummipäckchen heraus. Ich nickte und nahm gerne eins. „Danke,“ sagte ich. „Du hast recht, glaube ich. Das alles hat uns zu orientierungslosen Hektikern gemacht. Und wir haben sogar extra und plakativ Gott dazu abgeschafft.“ Ich plätscherte mit meinen Füßen im Wasser herum und rieb meine Nase. Die Luft tat mir sehr gut, ich fühlte mich besser. Der elegante Hai sah derweil aus als müßte er sich beherrschen nicht laut zu lachen. „Hihi, das ist wirklich interessant, daß mit Gott. Und die Menschen wundern sich daß er sie alleine läßt, hihi.“ Ich verstand ihn nicht. Der Hai redete weiter: „Ich zum Beispiel habe gerade noch mit ihm telefoniert. Wir sprachen übers Wetter und über einige seiner spannenden Projekte anderswo im Universum. Aber dann riefst du nach mir und ich kam zu dir an den Strand.“

„Ja“, dachte ich. „Ich habe so deutlich gespürt, daß ich nicht hierher gehöre, daß ich fremd bin in dieser Welt, da habe ich nach dir gerufen. Weißt du, als ich klein war habe ich mir oft vorgestellt was ich machen würde, wie es wäre wenn ich auf einmal etwas fände das nicht möglich ist. Zum Beispiel eine Stelle an der Nichts ist. Ich stellte mir vor, hinter einem Busch im Wald oder sonst irgendwo, wäre ein Fleck Welt nicht fertig geworden, ein Stückchen Nichts. Was würde ich dann tun, was würde ich denken? Ich habe das immer für eine gute Idee gehalten und mich innerlich darauf vorbereitet diese Unmöglichkeit zu finden, dieses Eine das alles andere ad absurdum führt, dieses Eine nach welchem alles zu Ende geht.“

Der Hai schwamm vor mir ein paar Kreise und vollbrachte dann ein albernes Kunststück. „Und weißt du noch was!?“ rufe ich zu ihm herüber. „Ich habe es gefunden. Es ist in ihren Herzen, in ihren Herzen ist das Nichts!“ Mein Freund kommt wieder nah zu mir und beißt mir ganz leicht in den kleinen Zeh. „Kann ich mit dir gehen, bitte?“, frage ich ihn und der Hai lächelt und sagt nur, „Ja“. Ich lasse mich ins Wasser gleiten, umarme den großen, weißen Hai und zusammen schwimmen wir zurück ins offene Meer, zurück.