"ICH MAG LUFT"
sagte das Erdmännchen

(1997-1998)
Für Ute, Elena, Franziska, Anja, Marion, Tina und Gwyneth Guglimienpietro



 

 

Und es kam heraus aus seiner Höhle, in der atemberaubenden Geschwindigkeit von 1.000.000 Kilometer pro Erdmännchenstunde, was in etwa einer sehr schnellen Zeit entspricht. Mit der ihm eigenen Lässigkeit stand es vor dem kleinen dreckigen Erdloch, welches eben noch seine Heimat, Geburtsort seiner Frau und auch seiner 29 Kinder gewesen war und registrierte es erstmals als das was es wirklich war - nichts weiter als ein kleines dreckiges Erdloch.

Zu diesem tragischen Zwischenfall konnte es nur kommen weil das Gehirn dieses speziellen Erdmännchens um 5% leistungsfähiger war als die der anderen Teilnehmer dieser interessanten Spezies. Diese Tatsache verhinderte allerdings nicht, daß das Erdmännchen zu diesem bestimmten Zeitpunkt seine Frau und die 29 Kinder bereits vergessen hatte und sie vor allem auch deshalb nie wiedersehen sollte. Die 5% mehr Gehirn hatten aber dennoch bewirkt, daß Erdmännchen vor 2 Jahren begann sich Gedanken über seine Umgebung und seinen Beruf zu machen. Immer dunkle Erdenbetten und abends nicht lesen können, stets dreckige Pfoten - viele Dinge gingen ihm mit der Zeit sehr auf die Nerven. Alles schöne konnte er nur bei der Arbeit machen, denn die war ja draußen, an der Luft. Vor dem Erdloch stehen und nervös hin und her schauen, das war sein Beruf. Als es merkte wie vorteilhaft es eigentlich war an der frischen Luft zu sein, begann es bei der Arbeit seinen Hobbys nachzugehen und wurde entlassen. Dies geschah am gestrigen Erdmännchentag.

Und so stand es also vor seinem Erdloch, hatte Frau und Kinder vergessen und beschloß in die Stadt zu wandern und sich ein Frischluftwesen zur neuen Lebensabschnittspartnerin zu nehmen. Denn er hatte gerüchteweise gehört daß in der fernen Stadt hinter den sieben Erdlöchern und über die 25 Erdhaufen, kleine Geräte lebten die betont fraulich und darüberhinaus noch schön anzusehen seien. Das reichte völlig als Motivation, dachte Erdmännchen und machte sich auf den langen, beschwerlichen Weg...

In der Tat war sein Weg so beschwerlich daß die normale Berichterstattung ausfallen muß und lediglich einige wichtige Fakten erwähnt werden können:

Der Weg maß 3546487653928475 Erdmännchenkilometer, war 3 hoch, 4 tief und 2 breit.

Er dauerte 47 Erdmännchenjahre, was ziemlich lang ist aber noch geht.

In dieser Zeit aß Erdmännchen 5764 Schlangennotrationen.

Darüberhinaus vergaß es 23453 Sachen - aber eins vergaß es nie: sein Ziel, die Stadt in der es sich eine neue Familie suchen wollte.

Zu irgendeiner bestimmten Zeit fand es eine Bushaltestelle und fuhr den Rest des Wegs mit Linie 1. Als Erdmännchen merkte daß das was draußen war nun durchaus Stadt genannt werden konnte, stieg es aus und sah sich nervös um.

Doch vor allem hatte Erdmännchen großen Hunger und er beschloß sich eine Schlange zu suchen. Schnell schon fand es eine und wollte sie mit der gewohnten Eleganz verspeisen, doch die Leute die in der Schlange vor dem Bäcker an der Ecke standen, verjagten das Erdmännchen und es stellte sich heraus daß es sich mal wieder sehr geirrt hatte. Voller Angst rannte es durch die Straßen und durch Zufall in ein Wesen. "Wer bist du denn?", sagte da Erdmännchen. "Ich bin ein Mädchen", sagte das Wesen. "Wie, nur ein Mädchen? Wenn ich dich so betrachte finde ich dich gut für zwei. Du hättest also sagen müssen: `ich bin zwei Mädchen`. Mindestens." "Nun, wenn du meinst. Du kannst mich aber auch Gwyneth Guglimienpietro nennen. Das ist mein Name." "Ok", sprach da das Erdmännchen, "Also, Anja, bist du ein frauliches Gerät?" Marion reagierte empört, "Ich bin kein Gerät du Erdmännchen - und überhaupt, was machst du hier so alleine in der großen Stadt?" "Nun Tina, ich suche mir eine neue Frau und Familie - nimmst du mich also bitte mit zu dir nach oben und wirst meine Frau?", antwortete Erdmännchen kleinlaut. Ute lachte. "Deine Frau werde ich sicher nicht. Aber ich kann wohl deine Mami sein, wenn du das gerne möchtest". Erdmännchen freute sich: "Au ja, Mami! Laß uns nach ober gehen. Wo ist der Fernseher? Was gibts zu essen? Hast du mich lieb?...." "Mal langsam kleines Erdmännchen, komm erst mal hoch zu mir und sieh dir deine neue Wohnung an. Und du kannst dir auch Nasenbär-, Hai- oder Ameisenbärfreunde suchen, schau` ich hab` auch einen Balkon", sprach die gute Franziska und hoffte das es Erdmännchen gefiel.

Und da stand die neue Erdmännchenmami mit ihrem Kind auf dem Balkon und war froh. Und das Erdmännchenkind kriegte feuchte Augen und sagte, "Du, Elena - Gerät - Maschine - Bär", "Ja, Erdmännchen", "du... ich glaube ich mag Luft."