Giraffen sind manchmal ungeduldig

(2004)
Für Sabine

zum ersten Teil



 

 

Sabine war schon alt genug um zu wissen, daß Giraffen eigentlich nicht sprechen können und auch nicht draußen herumlaufen um den Bäumen im Garten ihrer Eltern die Blätter weg zu fressen. Und als sie auf dem Weihnachtsmarkt stand und Spiele feilbot, hatte sie schon beinahe vergessen welche verheerende Wirkung das Wörtchen „eigentlich“ im ersten Satz dieser Geschichte haben kann. Sie unterdrückte ihre schlechte Laune und versuchte den vielen Kindern die sich für die Spiele interessierten geduldig zu erklären wie sie funktionierten. Dazwischen rauchte sie Zigaretten, bemühte sich redlich den kleinen Weihnachtsmarktstand nicht anzuzünden und machte sich Gedanken über das schlechte Wetter.

Und just als sie gerade eine dieser kleinen Rauchpausen machte, sah sie im Augenwinkel einen kleinen Raben in der Einkaufspassage sitzen. Er saß dort, an die Wand gelehnt und sah nicht gut aus. Keiner der vielen Besucher schien ihn zu bemerken, oder er war ihnen egal, doch Sabine dachte, „der arme Vogel, warum hilft ihm denn niemand. Bei diesem Wetter.“ Und sie stahl sich von ihrem Stand weg und schubste genug Leute herum damit sie zu dem Raben kam, aber als sie ihn dort aufheben wollte war er weg. „Komisch“, dachte Sabine. „Eben war er doch noch hier... Naja, vielleicht ist er ja doch noch davongeflogen“, hoffte sie und ging weiter verkaufen.

Abends, wieder zu Hause, kochte sie sich ein bißchen zu viel Essen, sah viel Fern und schlief spät ein. Und am nächsten Morgen wachte sie eine Stunde zu spät auf und hatte wieder schlechte Laune, denn es regnete und war düster draußen. Sie brühte sich einen kleinen, starken Kaffee und zündete sich erstmal eine Zigarette an. Leicht verärgert ob der Existenz im Allgemeinen saß sie nun am Küchentisch und schaute aus dem Fenster. Gegenüber auf dem Dach saß der kleine Rabe und sah herüber. Sabine sprang auf und lief zum Fenster. „Das gibts doch nicht! Schon wieder dieser Vogel“ dachte sie und preßte ihre heilige Nase ans kalte Küchenfenster. Der Rabe aber fühlte sich beobachtet und flog rasch davon. Sabine stand noch länger da, am Fenster, die Nase plattgedrückt und die Gedanken weit entfernt. „Was geschieht hier,“ flüsterte sie und plötzlich rann ihr eine Träne die Wange herunter. Sie schmeckte gar nicht schlecht.

Am nächsten Morgen stand Sabine ganz früh auf und zog die Laufschuhe an. Auch der Regen hielt sie nicht vom Rennen ab. Sabine rannte über Bürgersteige, über Kopfsteinpflaster und Schotter, sie rannte durch Pfützen und durch Matsch, immer weiter. Bis in ihren Lieblings-Park lief sie und als es ihr besser ging, und sie schwitzte und der Regen ihr gar nichts mehr ausmachte, da sah sie vor sich, auf der nächsten Bank den Raben sitzen. Er saß ruhig auf der Lehne und blickte aus einiger Entfernung zu ihr herüber. „So“, dachte sie, „diesmal entkommst du mir nicht“. Und sie verlangsamte ihr Tempo etwas um den schwarzen Vogel nicht zu erschrecken. Doch als sie auf ungefähr zehn Meter an ihn herangelaufen war, da flog er schon weg. Sabine blieb stehen. „Hey, Rabe!“, rief sie. Und der Rabe drehte um, setzte sich in den nächsten Baum und sah von einem bequemen Ast zu ihr herunter. Sabine stutzte. „Krah!“, krächzte der Rabe, und Sabine war erleichtert das der Rabe nichts gesagt hatte. Auf sprechende Tiere konnte sie momentan gut verzichten.

So drehte sie sich ab und wollte gerade weiterlaufen, da hörte sie hinter sich jemanden sagen, „Sabine, warte mal, nur einen Moment. Bitte!“. Langsam wand sie sich um, niemand war dort, außer dem Raben.

„Entschuldige das ich dich verfolgt habe, liebe Sabine. Aber ich bin etwas scheu, mußt du wissen, ich habe mich nicht getraut dich anzusprechen,“ sprach der Rabe und schaute verlegen. Sabine schluckte, rieb sich etwas zerstreut die wunderschönen Augen und setzte sich auf die Bank, denn ihr war ein bißchen schwindelig geworden. Der Rabe flog vom Baum herunter und setzte sich neben sie. „Ich bin gekommen um dir etwas zu sagen“, flüsterte der Rabe... „Etwas wichtiges... du hast nämlich etwas vergessen.“ Sabine riß sich zusammen und fragte gefaßt: „Was denn, was habe ich denn vergessen?“. Der Rabe zupfte sich die Flügel zurecht, ein Zeichen dafür das er sich wohlfühlte. „Du hast vergessen deine Giraffenfreundin zu besuchen, das hast du vergessen. Und nun wartet sie auf dich.“

Und so saß eine völlig pitschnasse Sabine in ihrer Vfb Stuttgart Regenjacke neben einem kleinen schwarzen Raben am See und war am Ende ihrer Weisheit angelangt. Der Rabe neben ihr sprach, der Regen fiel weiter und Sabine dachte an früher, an ihren Traum und das Ahornblatt und die Giraffe und wie wohl das Wetter in der Karibik sein würde. „Aber...“ sagte sie leise „... aber wie kann ich denn dorthin zurück... ich weiß doch nicht wie...“. Der Rabe indes sprang auf ihre Schulter, legte seinen nassen aber sauberen Flügel um ihren wohlgeformten Hals und sprach, „du kommst mit mir, ich bin doch hier um dich abzuholen. Und er zwickte einmal kurz in Sabines linkes Ohr. Mit einem Mal wurde ihr ganz schummerig – alles schien sich zu verformen und zu bewegen – und mit einem Mal war sie statt stolzen 1 Meter und Achtzig nur noch kleine 18 Zentimeter groß. „Spring auf“ rief der Rabe, „wir haben nicht den ganzen Tag Zeit!“. Und die plötzlich sehr kleine Frau hüpfte elegant auf den Rabenrücken und ließ fünfe gerade sein.

Sie flogen hoch, hoch über Friedrichshain und auf nach Süden. In der Höhe von Stuttgart rief Sabine dann, „Ach Rabe, sieh mal dort unten das Neckar-Stadion, laß uns doch mal kurz dort vorbeischauen, bitte!“ Und sie setzten sich zusammen auf die Flutlichtmasten und sahen wie Kevin Kuranyi und Aleksiandr Hleb ein Tor nach dem anderen gegen die Bayern schossen. „Sauber!!!“ rief Sabine zum Abschluß. Und: „Sieh mal Rabe, was hier im Süden doch für ein schönes Wetter ist!“. Dann aber reisten die beiden weiter, denn sie wollten ja nicht zu spät kommen zur Giraffe.

Sie flogen durch warme Wolken und kleine Wolken, durch Regengebiete und Windhosen, durch brennende Sonne und diesigen Nebel. Und Sabine sah so viel Wetter, das ihr ganz warm ums Herz wurde. Und nach einiger sehr langer Zeit, Sabine schlief schon tief und fest, landete der Rabe auf einer überschaubaren tropischen Insel und warf die geschrumpfte Frau in den Sand. „Aua!“, rief Sabine. Aber der Rabe biß sie einfach schnell ins linke Ohr, und innerhalb von Sekunden war Sabine wieder in voller Größe zu bewundern. Sie stand auf, stapfte ein wenig schlaftrunken durch den Sand, blickte aufs weite Meer das in der Sonne glänzte und kotzte auf den Strand. „Uaah! Igitt! Ist mir schwindelig! Dieses Vergrößern und Verkleinern schlägt mir auf den Magen!“ und sie setzte sich auf ihren unverschämten Hintern und atmete tief durch. Der kleine Rabe hüpfte zu ihr herüber, trocknete sein Gefieder und sah sie mit seinen großen Augen an. „Gehts dir langsam besser...?“ fragte er vorsichtig. „Ja, mir geht es gut“, sprach da Sabine und es stimmte. Es ging ihr gut. Die Sonne schien, ihr war nicht mehr schlecht und sie entspannte sich ein wenig. „Sieh mal Rabe, was für ein wunderschönes Wetter wir haben. Es sind bestimmt 28 Grad! Und in Berlin... wie mag da das Wetter wohl sein... Bestimmt schlecht! Und Regen! Aber hier ist es schön.“

Dann flog der Rabe bei Sabine auf die Schulter und die beiden gingen den Strand hinauf, dorthin, wo der Wald begann und ein kleiner Pfad ins Innere der Insel führte. Die beiden liefen den Pfad entlang, bestimmt zwanzig Minuten, bis der Rabe plötzlich sagte, „Hier, warte mal. Dort mußt du klingeln.“ Und er wies mit seinem Schnabel auf einen kleinen Ahornbaum links am Wegesrand. Sabine zog leicht an der kleinen Kordel die daran hing und sofort kam Bewegung in den Urwald. Mit lautem Geraschel und Getrappel stürzte eine gut gepflegte Giraffe aus den Büschen, lief auf die beiden zu und umarmte Sabine überschwenglich. „Oh, Sabino, ich habe dich so vermißt“, schluchzte sie. Und viele dicke Giraffentränen rannen ihr die Giraffennase herunter, so das Sabine im Nu wieder ganz pitschnass war. Der Rabe reichte Taschentücher und die Giraffe schneuzte sich lautstark. Und dann zeigte die Giraffe Sabine ihre Insel, den leckeren Ahornwald, die Geröllwiese auf der man so toll Verstecken spielen konnte, ihren Swimmingpool, ihre Videosammlung und den Fussballplatz. Und abends, als sie alle drei zusammen auf der Terasse saßen und Rotwein tranken, da sprach die Giraffe: „Bitte Sabino, geh nicht wieder fort! Als du weggegangen bist, hast du die Sonne mitgenommen, und den Regen, und den Wind und den Schnee. Ich war so einsam ohne dich... und mit niemandem konnte ich über das Wetter reden, weil, weil mein Telefon war kaputt, und außerdem, du weißt ja, das ist auch so teuer, von hier nach Berlin...“ Gerade wollte die Giraffe wieder anfangen zu heulen, da sagte der Rabe, „Sabine, nimm sie doch mit, die Giraffe. Sie kann sehr sparsam sein.“ Aber Sabine konnte die Giraffe natürlich nicht mitnehmen, denn sie war ja viel zu groß. Und alle Dinge kann man auch nicht klein zaubern, vor allem nicht für immer. Auch Sabine wurde wieder traurig, „wenn du nur ein kleineres Tier wärst, zum Beispiel eine Eidechse. Dann könnte ich dich mitnehmen, aber als Giraffe kriege ich dich ja nicht mal durch den Flur. Und in den Zoo willst du ja auch nicht mehr.“ Die Giraffe seufzte tief, „ach, naja, Hm, ich habe ja noch den Raben. Den schicke ich dir ab und zu vorbei, damit er mir ein wenig Sonne und Wetter bringt, und liebe Grüße an die Sabine bestellt.“ Und dann spendierte eben diese Sabine eine Runde Zigaretten und zu dritt rauchten sie letztlich, im Endeffekt, vergnügt in den Sonnenuntergang.

Es klingelte. Sabine wachte langsam auf und blinzelte auf die Uhr. Neun Uhr morgens! Wer klingelte denn um neun Uhr morgens! Und was war das doch für ein komischer Traum gewesen den sie gerade hatte! Verschlafen und wütend lief sie zum Türöffner. „Ja, wer ist denn da...?“ sprach sie hinein. Aber niemand antwortete. Aber da war doch jemand. Sabine öffnete die Tür und hörte noch ein paar Schritte unten im Treppenhaus. „Mist“ fluchte sie, aber dann fiel ihr Blick auf ein kleines Päckchen das vor ihrer Türe lag. Sabine hob es auf und ging in die Küche. So richtig traute sie sich nicht es zu öffnen. Sie kochte sich lieber schnell einen Kaffee, zündete sich eine Zigarette an, nahm all ihren Mut zusammen und öffnete es dann ganz vorsichtig. In dem Päckchen lag ein kleiner Zettel auf dem stand „Meine Lieblingssabino, ich habe dich furchtbar gern. Und ich schenke dir eine Geschichte. Kümmere dich gut um die Eidechse.“ Sabine nahm die kleine Eidechse sachte auf ihre Hand. Und die liebe Sabine wußte nicht wie ihr geschah, aber die Sonne schien warm durchs Fenster und ich hab dich lieb.