Für eine Handvoll Schaf

(2004)
Für Anne


 

 

Schenk mir ein Schaf, sagte eines Tages meine liebe Freundin Anne zu mir, und ich dachte ich hätte mich verhört. Was für ein bescheuerter Wunsch! Woher sollte ich wohl ein Schaf bekommen? Und wo, bitte schön, sollte das denn dann wohnen? Ich wüßte nicht, das Anne kürzlich eine Farm gebaut hätte, oder in Neuseeland wohnte. So was sagt man nicht laut, dachte ich, denn was sollen die Leute denn denken, wenn sie hören das man sich ein Schaf wünscht? Ich meine, mir kann man es ja sagen, aber selbst ich mache mir ernsthafte Gedanken um den Geisteszustand meiner Freundin. Ein Schaf!?! Vielleicht hatte ich mich ja verhört – „schenk mir Schlaf“, „Schenk mir was Scharf (es)“?. Zweideutigkeiten sind ihre Sache nicht – nein, es war eindeutig. Anne will ein Schaf. Von mir! Wahrscheinlich soll ich ihr auch noch einen Stall dazu bauen und es scheren und ihr einen Pullover stricken. Hat man für so etwas Freunde? Ich weiß es nicht. Ich gehe nicht zu Hajo und sage gradheraus er solle mir gefälligst einen Blaufußtölpel schenken. Solche Dinge, oder überhaupt Dinge, zu verlangen, erfordert eine bestimmte Schmerzfreiheit welche die erfolgreichen Leute allesamt besitzen. Ich besitze sie nicht, im Gegenteil, ich habe minus 1000 dieser Eigenschaft. Insofern, so bescheuert der Wunsch auch sein mag, werde ich natürlich meiner Freundin Anne ein Schaf beschaffen. Und zwar ein besonders schönes. Ich Vollidiot.

Mal mir ein Schaf. Das kenne ich! Einfach! Zack, Schaf gemalt. Hier bitte, bums! Aus. Schenk mir ein Schaf? Wie stell ich`s nur an? Nun, nach einigen Tagen des nervösen Hin- und Herlaufens und vielen Tassen negerschwarzen Kaffees setzte ich mich abrupt und mit einem freudigen Gesichtsausdruck an meinen Schreibtisch und war immer noch keinen Schritt weiter. So ging es nicht voran. Ein neuer, abstruser Plan musste her. Ich zog also hektisch meine Regenjacke an, lief hinaus in das schlechte Wetter, sprang in den nächsten Bus, von dort in einen Zug, von diesem in ein Flugzeug und eh ich mich versah, landete ich in Cardiff, Wales und merkte das ich daheim nicht mal mehr meine Haustür zugemacht hatte. Geschweige denn den Herd ausgestellt. Egal, dachte ich mir – ich werde im Schafstall schlafen, bei Annes Schaf oder andersherum.

Ich lief ein wenig in der Stadt umher bis sich eine günstige Gelegenheit ergab und ich ein kleines rotes Auto stehlen konnte. Mit diesem fuhr ich gemütlich auf immer kleiner werdenden Straßen in immer grünere Landschaft und durch Ortschaften die immer mehr L`s hintereinander im Namen hatten. Irgendwann jedoch hatte ich keine Lust mehr und stieg mitten in phantasievollen Wiesen aus während das Benzin alle war. Ich vergrub das kleine rote Auto bei einem kleinen Weiher um die Beweise gegen mich zu verstecken.

Ich atmete ein wenig. Es roch sehr gut. Nach Meer, und frisch gemähtem Gras, und Regen und nassem Hund. ...Nassem Hund? Igitt! Das riecht doch nicht gut! Wer riecht hier nach nassem Hund? Ich öffnete die Augen und begann mich leise und gründlich umzusehen. Dabei ließ ich auch, allen Gefahren zum Trotz, meine Nase mitmachen. Nichts zu entdecken. Da tippte mir plötzlich jemand auf die Schulter. Ich erschrak...! Jemand sagte hinter mir...: „Entschuldigung, ich störe nur ungern, aber fahren sie zufällig in den Süden?“ Ich drehte mich langsam um... „Wer... wer bist du...?“ stammelte ich. „Meine Name ist Schaf. Nasses Schaf“, sagte das Schaf und nahm die Sonnenbrille ab.

Nach kurzer Zeit waren die Modalitäten geklärt – ich nahm das Schaf mit in den Süden, denn ich hatte ihm erklärt, dort gäbe es eine wunderbare kleine Wohnung in der es leben könnte. Natürlich verriet ich ihm nicht, das es ein Geschenk war. Und der lieben Anne verriet ich natürlich nicht, das es kein Geschenk war. Aber das Schaf war glücklich und freundete sich mit Anne an, und auch Anne war glücklich, denn sie hatte ein Schaf. Und ich, ich war auch glücklich, denn eigentlich hatte ich nichts gemacht, aber die beiden dachten ich sei ein toller Hecht. Ich weiß zwar nicht wirklich ob ich toller als die anderen Hechte bin, aber die Karpfen, die haben noch immer Angst vor mir. Das dachte ich mir, und machte einen kleinen Freudensprung.