Fred

(2006)
Für Antje


 

 

Man vergisst gerne das Hunde eigentlich ja schon ganz normale Tiere sind. Also nicht etwa lediglich menschliche Anhängsel oder Spielzeuge. Der Mensch ist glücklich, wenn sein Hund sich freut ihn zu sehen, wenn er ihm beim Spazierengehen Gesellschaft leistet oder auch ein Stöckchen holt. Dem Hund selbst ist auf der anderen Seite ziemlich oft langweilig. Es ist ja nun nicht so, als würde der Hund sich freuen endlich die Playstation oder auch nur den Fernseher für sich allein zu haben wenn der Mensch das Haus verlässt um zu arbeiten oder zu feiern oder ins Theater zu gehen. Schon aufgrund seiner Pfoten hat er ja außerdem Probleme mit der Fernbedienung. Wenn Herrchen und Frauchen jedoch daheim sind, bieten sich dem Köter oft sehr komische und vor allem kurzweilige Schauspiele. Dann freut sich der Hund, und der Mensch wundert sich. Oder ärgert sich. Oder beides.

Fred, der kleine Jack Russel Terrier hatte es sich am heutigen Abend schon gemütlich gemacht, sich einen schönen Platz im Schlafzimmer gebucht und sich ein kühles Döschen nasses Hundebier bereit gestellt. Heute würde es sicher eine schöne Vorstellung geben. Denn Frauchen und Herrchen hatten vor ein rauschendes Fest zu besuchen – und Fred wußte, was Frauchen nicht wußte war, „was ziehe ich bloß heute abend an...?!?!?!“

Vorhang 17:30:

„Schatz, nur noch mal so – um acht wollten wir da sein, nicht?“ – „Jaja, ich weiß. Du willst doch nicht jetzt schon drängeln, oder...?!?“. Fred holte langsam sein Operettenfernglas aus der Tasche denn er spürte, heute würde es besonders unterhaltsam und lustig werden.

Die Dame die sein Frauchen war, ging indes langsamen Schrittes ins Bad und ward die nächsten anderthalb Stunden nicht mehr gesehen. Der Mann, welcher sein Herrchen war, legte sich derweil in voller, schwarzer, gediegener Ausgehmontur unter nervösen Zuckungen aufs Bett und sah fern. Dieses fernsehen durfte ohne Untertreibung hektisch und unübersichtlich genannt werden. Denn wie fast immer kam nur Unsinn im TV, Smalltalk und Mittelmaß. Zum Glück kam noch nicht Beckmann. Oder Kerner. Kerner würde sein Untergang sein, und nicht unbedingt nur wegen der Tatsache, das dessen Sendung erst um 23.00 Uhr begann und er um diese Zeit der angepeilten Veranstaltung eigentlich schon wieder entflohen sein wollte. Der Mann schaltete 20 Programme in der Minute.

Derweil im Bad.

Es war ein schönes Bad. Es gibt so viele Dinge, die man dort unternehmen kann. Männern bleiben sie jedoch zumeist verschlossen was dazu führt das sie oft schlecht riechen, alberne Frisuren haben und an den falschen Stellen Haare. Männer sind im Bad dermaßen einfallslos, das sie ohne Probleme alle Türen sperrangelweit offenlassen können, da ihr Besuch dort mehr ein schnelles Vorübergehen ist. Die Frau schloß die Tür und nutzte die Schönheit des Bades nach allen Regeln der Kunst. Sie nagelte und feilte, rasierte und wusch, sie putzte und spülte und kämmte und hegte und pflegte. So etwas dauert und es darf durchaus die Frage gestellt werden ob für derartige Generalüberholungen von den Damen immer der richtige Augenblick gewählt wird.

Aber die Abgeschiedenheit des Bades lädt zu vielerlei Besinnung und Ruhe ein. Die Frau ließ den Tag nochmal Revue passieren und sie überlegte auch, wie der Abend wohl werden würde. Ob Petra wohl auch da sein würde? Die dumme Sau! Und diese schreckliche Lache! Und die Frau wienerte und putze sich noch gründlicher auf das sie alle häßlichen und gemeinen Frauenzimmer schon durch ihren Anblick vom Felde schlagen würde! Und schon waren die 27 verschiedenen Cremes an der Reihe. Eins!

Nächster Akt 19.00:

Die Tür öffnete sich. Und eine unverschämt glänzende, saubere Frau erschien. Sie schritt mit überraschend eiligem Fuß zum begehbaren Kleiderschrank und machte schnell deutlich, das sie nicht die geringste Vorstellung davon hatte, was sie genau dort suchte. Die vier Meter von der Badezimmertür bis zu ihrem Kleiderschrank hatten ihre Kostümidee auf eine tragische Weise jäh erst ins Wanken und dann zum Einstürzen gebracht. Ein erster vorschneller, mehr oder weniger verzweifelter , Anzieh- bzw., Aussuch-versuch scheiterte kläglich. Das kleine Schwarze war nicht nur zu klein, es war auch schwarz wie ihr nervöser Mann und schließlich war es keine Beerdigung zu der sie gingen. Schwarz fiel flach. Und damit große Teile ihres Arsenals.

Der Mann auf dem Bett:

Etwa zeitgleich bildeten sich kleine Schweisstropfen auf der Stirn des Mannes. Die Zeit verrann, die Frau war nackt und das Fernsehprogramm trug weiterhin nicht zur Beruhigung der Nerven bei. Im Gegenteil. Während die Tagesthemen immer alberner wurden, oder waren es die RTL2 News, wanderte der Blick des Mannes langsam zur persönlichen Minibar. Vielleicht würde ein kleiner Averna die Nerven beruhigen. Diese Idee erschien verlockender von Minute zu Minute. Ich werde einen kleinen Averna trinken und versuchen einen Film zu schauen. Ich werde mir die Ruhe einfach erzwingen, dachte der Mann. Es wird gut, wir werden einigermaßen pünktlich kommen, so genau muß man das ja nun wahrlich nicht nehmen. Alles wird gut. Hatte er das gedacht oder war es doch die Nina Ruge die gesprochen hatte? „Alles wird gut“ – nach der Maske. Davor... Naja.... Wer es glaubt. Dem Mann lief es kalt den Rücken herunter. Und er hatte doch noch gar nichts getrunken! Nur daran gedacht!

Auf der anderen Seite des Raumes hatte die Frau etwas tolles gefunden und begann sich hektisch anzuziehen. Doch bei den Strumpfhaltern stockte sie... Zögernd, von ihrem eigenen Anblick anscheinend irritiert verharrte sie ein paar Sekunden, trippelte dann ein wenig und verweigerte dann die weitere Anprobe. Genau so schnell nd hektisch wie es gekommen war verschwand die Andeutung eines Outfits auch wieder.

19.15

Der Mann hatte inzwischen heimlich ein kleines Glas gefüllt und nippte wiederholt wie beiläufig daran während er versuchte sich auf den „Herrn der Ringe“ zu konzentrieren. Nicht das er diese Stelle nicht schon einmal gesehen hatte. Fernsehen auf Premiere zeichnet sich dadurch aus, das man, egal wann man den Fernseher einschaltet, immer denselben Film an immer derselben Stelle sieht. Allerdings schaut man ja auch immer um 12.12 Uhr auf die Digitaluhr, oder um 5.55, oder um 22.22 Uhr. Ein nervöser Seitenblick zur Frau.

Die Frau, jetzt wieder oder immer noch unbekleidet, fragte wie beiläufig „Sag mal, was soll ich denn heute anziehen?“. Der Mann wußte das niemand anders immer Zimmer war, dennoch hatte er nicht unbedingt das Gefühl das die Frage an ihn gestellt war. „Äh, wie wärs denn mit dem schwarzen....“ „Jaja, Quatsch, das doch nicht! Oder gehen wir auf eine Beerdigung? Ach weißte was, vergiß es einfach!“ Und die Frau wendete sich entgeistert ab und wühlte weiter im Kleiderschrank.

Der Mann, von derartigen Worten immer wieder aus der Fassung zu bringen, als hätte er diese Seite seines Weibes noch nie erlebt, beruhigte seine Nerven mit einem deutlich größeren Schluck Averna. Er half nicht. Nicht wirklich. Ein zweiter? Mehr, mehr!

Die Frau indes probierte mit prüfendem Blick eine sehr langweilige graue Leinenhose an, welche ihr Hinterteil betonte. Man könnte auch sagen, die Hose machte einen großen Arsch. Sie drehte sich vor dem Spiegel hin und her, zupfte hier und da und runzelte die Stirn. „Wie ist die?“ Eine weitere Frage achtlos und ohne Ziel in den Raum gestellt. „Ich mag deinen Hintern“, meinte der Mann beiläufig. „Mir gefällt die Hose.“ Der eindeutige kausale Zusammenhang zwischen gefallen der Hose und dem Hintern löste bei der Frau in diesem Fall etwas überraschend ein Zornesfaltengewitter aus und der Mann sagte lieber nichts mehr. Er konzentrierte sich schnell wieder auf den überschätzten Film den er schon tausendmal gesehen hatte, jedenfalls genau diese Stelle, während die Frau mit weiterhin schlechtem Laune Gesicht die graue Arschhose hektisch wieder auszog.

Der Mann beschloß, das es heute abend wohl nichts mehr werden würde, mit dem Ausgehen sowie der Laune und ergab sich gewohnt fatalistisch seinem Schicksal.

19.30

Drei mehr oder weniger achtlos geleerte Gläser Averna später machte sich eine gewisse weitere Entspannung im Gesicht des Mannes breit. Das hatte natürlich nichts mit irgendwelchen Ankleidefortschritten seiner durchaus auch nackt hübsch anzusehenden Frau zu tun. Der Alkohol hatte gar seine Zunge wieder etwas mutiger gemacht und er traute sich, nach einem Seitenblick, „Geh doch so, mir gefällts“, zu murmeln. Die Frau ignorierte das und fuhr fort sich das eine oder andere Kleidungsstück anzuschauen und gelangweilt wieder wegzulegen. „Naja, also vielleicht könnte ich ja mal wieder dieses hier anziehen“, sagte sie zu sich selbst und zog einem albernen bunten Rock an, den sie vor 20 Jahren vielleicht hätte tragen können, oder sollen, aber der gegenwärtlich vollkommen an der Realität vorbeiging. Ein pinkes sportliches Oberteil und neongelbe Stiefel und das Debakel war perfekt. Es machte der Frau sichtlich Spaß diese Dinge anzuziehen. Diese Kombination zauberte ein leichtes kindliches Lächeln auf ihr Gesicht, das alsbald wieder verschwand da sie in den Spiegel schaute. Wie kann sich jemand nur so dermaßen von seinem tatsächlichen Alter überraschen lassen? Tschüss Lächeln.

19.45

Der Mann, inzwischen war es sehr gemütlich auf dem Bett geworden dank des Avernas und des fortschreitenden Fatalismus, machte sich weitergehende Gedanken zum Filmgeschäft. „Gott im Himmel – guck dir das an! Der „Herr der Ringe“ ist so ein schönes Buch und aus dem Film machen sie dann eine große bunte Schwulenoper! Was soll das denn sein? Gay-dalf und die kleinen irischen Schwuchteln? Der einzige Hetero in dem Film ist dieser bärtige Mensch. Was wollen die uns denn damit sagen? Alle Fabelwesen sind homosexuell? Wenn Frodo mich noch 12 oder 15 mal so anschaut muß ich brechen!“ Diese Attacke gewann die Aufmerksamkeit der Frau, denn männliche, leicht verweichlicht wirkende Filmstars müssen von allen weiblichen Wesen überall und immer verteidigt werden. „Ach, dieser Elfe, der ist doch toll.... nun übertreib doch nicht immer so,“ sprach die Frau mit Nachdruck in den Kleiderschrank. „Wie hieß der denn noch, dieser Schauspieler? Der hat doch auch in „Piraten der Südsee“ mitgespielt“. Der Mann murmelte resignativ in sein Avernaglas „Orlando Bloom und du weißt ganz genau wie der heißt, schließlich liest du „Brigitte“ und „Amica und all den Scheiß und ich nicht. Trotzdem heißt der Film „Fluch der Karibik“. Gott im Himmel!“

„Was?! Hast du was gesagt„“ rief die Frau, „Nein“ antwortete der Mann jetzt deutlich. Und wartete weiter darauf, das sich Frodo und Sam endlich inmitten weichgezeichneter Kissen finden und konsequent vollenden was seit 5 Stunden vorbereitet wird.

„Hm... wie wäre denn das hier“, murmelte die Frau indes ihrerseits und schlüpfte ganz unspektakulär in ihr Endkleid. Selbst eine Frisur entstand danach beinahe wie von selbst.

20.00

Und so, plötzlich, ohne das irgendjemand so richtig gesehen hätte wie und wann es passiert wäre, hatte die Frau sich komplett angezogen und sah umwerfend aus. Sie warf noch einen letzten Blick in den Spiegel, ein wenig nachgeschminkt und nochmal sinnlos in die Haare gegriffen und bums!, war sie fertig. „So Schatz, ich wäre dann so weit! Und du? Laß uns gehen, sonst kommen wir zu spät! Schatz?“ Der Mann erwachte aus einem kurzen Sekundenschlaf voller ganz und gar nicht heterosexueller Träume von kleinwüchsigen Männern und weissen Zauberern. „Ja, ja... sicher. Äh, wo, äh.... was? Ok. Einen Moment!“ Er wühlte sich aus den Kissen und stieg aus dem Bett. Kaum auf den Beinen, stolperte und fiel er jedoch sehr ungeschickt und es war kaum zu verbergen das er inzwischen vollkommen betrunken war. „Nichts passiert, mir gehts gut, ich sollte mich vielleicht einen Moment ausruhen.“

Nun war die Frau an der Reihe konsterniert zu sein. So schnell kann`s gehen. Ihr Mann lag vor dem Bett auf dem Boden, komplett derangiert und besoffen. Sie aber sah toll aus! Sie warf eine dünne Decke über ihn und setzte sich. Was tun? Sollte sie alleine gehen?

20.30

Nun, sie könnte alleine gehen. Immer mußte er alles kaputt machen. Sie nahm die Schlüssel, packte ihr Täschchen und machte sich auf zur Tür.

Leider hatte Fred, der kleine Jack Russell, sich derweil lange und angestrengt zurückgehalten um das Geschlechterschauspiel in ganzer Länge zu beobachten. Aber jetzt war es vorbei und ihm fiel ein, das er mal furchtbar dringend aufs Klo mußte. Er stand auf und rannte zur Tür um auf sich aufmerksam zu machen. Hechelnd und leise bellend kratzte er an der Tür und sah sein Frauchen mit großen Augen an.

Ihren Blick auf der anderen Seite verzweifelt zu nennen wäre wohl eine Untertreibung gewesen. „Na gut“, seufzte sie. „Wir gehen schnell nochmal um den Block. Jaja, ist ja gut. Hm... aber mit diesen Schuhen kann ich ja nicht richtig laufen! Ich zieh mich grad mal noch anders an.“ Und so ging sie zurück ins Schlafzimmer wo sich ihr Mann just in diesem Moment wieder etwas berappelt hatte und zog sich wieder aus. „Was machst du?“ fragte der Mann. „Ach, der Hund muß raus, ich zieh mir gerade nochmal was anderes an.“ „Also, von mir aus könnten wir auch jetzt losgehen, auf die Party. Nur das plötzliche Aufstehen hat mir grade leichte Probleme bereitet.“ „Und“, fügte er leise hinzu, „die tausend Averna vielleicht.“ Aber es ging ihm tatsächlich nicht sooo schlecht. Er war in der Lage zu gehen. Vielleicht schnell ein wenig Wasser ins Gesicht.

„Ja, ja, prima. Du dämlicher Alkoholiker! Aber erst muß der Hund raus. Und ich muß mir schnell noch was anderes anziehen! So kann ich ja nicht mal eben um den Block gehen! Mit dem Kleid! Und den Schuhen!“ Die letzten Worte nahm der Mann nicht mehr ganz wahr, denn Ohnmacht begann ihn zu übermannen. Auch Fred stand eine gewisse Überraschung ins Gesicht geschrieben, denn er mußte doch mal echt dringend. Und das Menschenklo zu benutzen kam doch erst im nächsten Semester dran!