Ein Mövenleben im Spiegel unserer Zeit

(1998)

 Für Claus


 

 

Eine, wie sich später noch herausstellen sollte., sehr seltsame Möve namens Klaus, blinzelte eines Morgens durch die kleinen Ritzen ihres ausklappbaren Blattbetts und rekapitulierte ihr gesamtes Leben, wie das alle Möven machen wenn sie morgens in die Sonne gucken. Nachdem sie das getan hatte, wußte sie das heute wieder so ein verdammter Tag werden würde, denn es stand nicht gerade rosig um ihre Umgebung. Die Blätter waren längst fast alle irgendwohin abgefallen wo sie nicht einfach wiederkamen und nur um den kleinsten Ast zu finden um sich auszuruhen nach getanem Lachen z.B.(Klaus war nämlich von Beruf Lachmöve) bedurfte schon gewaltiger Anstrengungen. Bäume waren eh weg und vor allem schmeckten die verbliebenen Fische seit geraumer Zeit nach allem nur nicht nach leckeren jungen gesunden Hauptnahrungsmitteln. Und überhaupt, das Meer stank bestialisch, schon auf drei Kilometer Entfernung.

Klaus war inzwischen bereits 22 Jahre alt, was enorm ist für eine Möve seiner Art, sehr fröhlichen Art eigentlich, wie schon erwähnt. Diesem Alter zum Trotz tat sich Klaus sehr schwer wenn es ums Tun ging. Zu seiner Verteidigung gegen die Anschuldigung daß er immer noch ohne Beruf und so war konnte er jedoch anführen das die Vogeluniversitäten für Möven gar keinen Studiengang mehr eingerichtet hatten. Das mochte daran liegen, eventuell, dachte die Möve, daß es gar keine Möven mehr gab. Tatsächlich war er der einzige verbliebene Mövenmann den es auf dieser ganzen Welt noch gab. Nicht das er alleine war, es herrschte sogar eine schreckliche Überbevölkerung - Klaus mußte fast kotzen wenn er daran dachte wer für diese verantwortlich war. Er nannte sie gern 'fliegende Ratten` oder 'schwebende Kackhaufen'- die Tauben .... Sie hatten sich in den letzten Jahren überall breit gemacht, kackten auf jeden Quadratmeter dieser Erde. Klaus hatte sich auch aufgrund dieser Begebenheit immer mehr zurückgezogen und wohnte seither in einer kleinen Küstenregion im nördlichen Teil der Hemisphäre.

Kleine Freuden brachten ihm momentan lediglich seine Ausflüge zur kleine Muschelinsel weit draußen auf dem Meer, wo für ihn die seltene Möglichkeit bestand in einen klaren Sternenhimmel zu lachen - vorausgesetzt es war Nacht, versteht sich. Er genoß diese Klarheit, denn er wußte, die Tauben würden bald auch auf die Sterne scheissen, Alles andere auf diesem Planeten hatten sie ja bald geschafft. Ansonsten fand Klaus sein Leben OK, er litt nie Hunger, seine kleine Sträucherwohnung, recht nah den Klippen, war auch nicht von schlechten Eltern und er war auch im Besitz einiger guter Sachen. Doof war er auch nicht gerade, sogar recht talentiert für einen Möverich, aber weil er die einzige Möve weit und breit war geriet auch dieses zur Nebensächlichkeit. Sein Leben war letztendlich, realistisch betrachtet sinnlos - aber weil er eine Lachmöve war, nahm er es sowieso nicht ernst. Nun, aber mal ehrlich: Keine Möven mehr, keine Mövenuniversitäten, kein Mövenberuf, kein Mövengeld -kein ernsthaftes Mövenleben. So war es nun mal, und Klaus die kleine (ja er war ziemlich klein) Möve nahms gelassen. Seit nunmehr fünfzehn Jahren hatte Klaus keine Möve mehr gesehen, denn Möven waren auch zu dieser Zeit noch nicht im Besitz von Spiegeln gewesen, deshalb konnte er sich nicht einmal selbst angucken.

Manchmal im Meer, son bißchen, aber weil das auch so wild geworden war, fand er sich darin sehr unordentlich. Diese Möven damals, vor fünfzehn Jahren, waren seine Eltern gewestgewart und die warn dann auch gestorben. Weil Klaus immer schon eine anspruchsvolle Möve dargestellt hatte, fiel es ihm schwer die anderen Vögel hier zu ertragen. Raben waren ihm zu düster, Krähen zu laut, Spatzen zu nervös, Tauben die Scheisshaufen, Zaunkönige zu arrogant und Eisvögel waren ihm immer schon zu cool vorgekommen.

Diesen riesigen Gedankenhaufen hatte Klaus jetzt hinter sich gebracht und er beschloß den nun beginnenden Vormittag so weit wie möglich zu seinen Gunsten zu gestalten. Er besorgte sich also ein leckeres Frühstück und die neueste Mövensportzeitung und setzte sich auf die Terrasse. Dann, dachte sich Klaus, besuche ich meinen Freund, Sigurd den Sägefisch. Sigurd war sein bester Freund hatte aber oft wenig Zeit weil viel zu sägen. Sollte Sigurd wieder keine Zeit haben heute, würde er eben den Himmel weiter beobachten und was erfinden. Das war sein Hobby und dieser Tagesplan verbesserte die Laune etwas, denn er war nicht schlecht.

Gerade war Klaus beim Bericht Über die Auslosung zum Mövenfussballeuropapokal angekommen, da hörte er ein gräßliches Lachen. Und zwar ein äußerst eindeutiges Lachen. Ihm blieb das Fischbrötchen im Halse stecken - denn dieses Lachen war ein Mövenlachen! Vorsichtig blickte er über den Rand seiner Sportzeitung und fixierte einen kleinen Punkt am Strand, der deutlich der Urheber dieses Lachen zu sein schien. Dann ging alles sehr schnell. Klaus warf innerhalb von zwei Sekunden die Zeitung weg, setzte seine Flugmütze auf, putzte sich die Zähne, fönte sich die Mövenhaare und flog los, sein lächerlichstes Lachen lachend. Auf dem Weg zum kleinen Punkt dachte er immer wieder: "Eine Möve Eine Möve Eine Möve u.s.w.". Und schon war er neben der Möve, am Strand und schrie ganz laut: "Hallo ich bin Klaus und Möve du ja auch wie heißt du wo kommst du her du bist ja eine Sie wie schön du bist wie gehts dir ich liebe dich!!!!" Eine Pause entstand.

"Ich heiße t'Pal und bin in der Tat eine Möve und was machen wir jetzt?" - das waren die Worte die aus dem Schnabel der wunderschönen Mövenfrau kamen. Klaus schlug sofort viele Sachen vor und es stellte sich heraus das sie tolle Gemeinsamkeiten hatten. Alles passte. Sie gingen zusammen Fische fangen, erzählten sich Mövengeschichten, lachten ihr Mövenlachen zusammen, weinten Möventränen, ärgerten die Tauben, besuchten Klaus' Möveninsel, schliefen im Mövenausklappbarenblattbett, hielten sich wie Möven, träumten wie Möven träumen-mit einem mal hatte Klaus' Mövenleben auch wieder einen Mövensinn! Er war so glücklich. So lebten sie ein richtiges Mövenleben, die Zwei, zumindestens die ersten zwei Wochen.

Dann, eines morgens wachte Klaus auf und dachte: "Moment mal hier ist was nicht ganz wie es sein sollte". Nach zwei Stunden intensiven Nachdenkens, was das wohl sein könnte merkte er es endlich - T`pal war weg. Sie lag nicht neben Ihm. Nur ein Zettel war da auf dem stand: "Tschüß Klaus irgendwie war’s das doch nicht mit uns ich geh mal besser". Das einzige was Klaus, der nun arme Möverich dazu sagen konnte war: "Wahrscheinlich"! "Na gut, dann eben Plan B", dachte Klaus und flog zu seiner Lieblingsinsel. Der Sternenhimmel war klar und Klaus machte sich auf den Weg zur Sonne. Er flog immer höher und höher bis er schon bald die Atmosphäre unserer Erde verlassen hatte. Der Schutzschild den Klaus entwickelt hatte würde ihn mit 1,5 % tiger Sicherheit im Innern der Sonne schützen. Das war einen Versuch wert, wußte Klaus der tapfere Mövenmann.

Und wer weiß, vielleicht fliegt er noch heute oben in der Sonne herum und blickt dann ab und zu zur Erde runter in Gedanken flüsternd :"Wahrscheinlich".