Ein Mammut für Kyra

(1998)

 Für Kyra


 

 

Ein Mammut für Kyra, wie soll das denn gehen? Sie sind doch längst ausgestorben, diese großen haarigen Dinger, also woher nehmen wenn nicht stehlen? Das sind nur einige der Fragen die einem unweigerlich in den Sinn kommen wenn man die komische Überschrift dieses Tatsachenberichts liest. Aber, wie immer, gibt es auch auf diese tollen Geheimnisse eine verblüffend einfache Antwort. Fangen wir jedoch ganz am Anfang dieser Geschichte an. Also: Kyra wünscht sich ein Mammut.

Eines schönes Montagmorgens lag die kleine Kyra, wie immer um diese Zeit, im grünen Gras unter ihrem Lieblingsginko. Da rumorte es plötzlich ganz schrecklich in ihrem Innern. „Hoppla“, dachte da das Mädchen. „Was für ein seltsamer Ton“. Und aus ihren seelischen Abgründen, die zwar tief aber dennoch von einer durchaus leuchtenden, anziehenden Wärme waren, drang ein verzweifelter Wunsch. Mit einem Riesen Bums fiel er in ihren Kopf. Kyra sprang auf und brüllte so laut sie konnte: „Ich will endlich ein Mammut!!!! Und zwar ganz für mich allein!!!“. Nach diesem für Aussenstehende doch sehr seltsam anmutenden Ausbruch des kleinen, hübschen Mädchens von nebenan, trat eine kurze peinlich Stille ein. Kyra hüpfte von einem Fuß auf den anderen um ihrer Verlegenheit auch körperlich angemessenen Ausdruck zu verleihen. Aber der Ginkobaum hatte sowieso weggesehen und das Gras hatte keine Ohren, geschweige denn Augen. Kyra legte sich schließlich wieder hin und schaute in den blauen Himmel.

Ungefähr in diesem Moment raschelte es im Gebüsch und ein ziemlich großer, grauer Vogel spazierte auf das kleine Mädchen zu. „Ach Kind, schrei doch nicht so. Jetzt hast du mich geweckt und mir ist langweilig.“ Kyra war merklich verwundert. „Wer bist du?“ fragte sie den komischen Vogel. „Ich bin ein Rabe, Kyra. Und ich bin nur vorbeigekommen um dir eine Geschichte zu erzählen. Willst du sie hören?“ Kyra mußte lachen. „Hihi. Du ein Rabe? Ne, das stimmt nicht. Raben sind viel größer und außerdem schwarz. Du bist klein und grau.“ Der graue Rabe seufzte. „Fasel, fasel. Jaja, klein. Toll. Na und? Und grau bin ich, weil ich schon ein alter Rabe bin, ein sehr alter. Ich bin nämlich schon 14.000 Jahre alt.“ Kyra schaute verdutzt. Und sie setzte sich auf, lehnte sich an ihren Lieblingsbaum und versprach dem alten Raben genau zuzuhören bei seiner Geschichte.

Der kleine Vogel setzte sich auf ihre Schulter, nachdem er versprochen hatte ihr nicht in den Ausschnitt zu gucken, und steckte ihr seinen Schnabel ins Ohr. „Als ich noch ganz jung war,“ sprach er, „da hatte ich einen tollen Freund. Wir haben immer alles zusammen gemacht, sind auf Gletschern Schlitten gefahren und haben Urlaub in der Karibik gemacht. Sogar das Fussballspielen haben wir erfunden und die Höhlenmalerei. Das war vor 13.000 Jahren, bis es plötzlich arschkalt wurde und wir immer häufiger den Winter auf den Malediven verbringen mußten. Das ging ganz schön ins Geld und drückte die Stimmung. Aber wir beide wußten uns zu helfen ich schlief bei ihm im Fell, dafür holte ich morgens die Zeitung und vegetarische Brötchen. Davon abgesehen wurde es aber immer kälter und eines Tages beschlossen die Artgenossen meines tollen Freundes sich einer Gruppe von Delphinen anzuschließen die sich einen neuen Planeten suchen wollten, wegen dem Fisch und dem Wetter. Aber mein Freund wollte so gerne hier bleiben, bei mir. Also habe ich ihm geholfen sich zu verstecken. Leider ist er so groß und nachdem seine Eltern ihn nun langsam nicht mehr suchen, machen andere Jagd auf ihn. Wo ich den schon überall versteckt habe! In Eiswürfeln, In Höhlen, in Büchern. Aber jetzt bin ich langsam zu alt für diese Albernheiten. Also wohnen wir jetzt ganz hier in der Nähe, in einem See. Solle ich ihn dir mal zeigen?“ Kyra hatte gebannt zugehört und nickte schnell als der Rabe sie fragte. „Ja, laß uns zu euch gehen. Da bin ich ja mal gespannt!“

Und die beiden, der kleine, alte Rabe und das hübsche, kleine Mädchen gingen, Flügel in Hand, über die Wiese zu einem kleinen See der in der Nähe lag. Dort angekommen flog der Vogel zu einem kleinen Ast der in der Mitte des Sees herausragte und hüpfte darauf herum. Kyra wirkte etwas irritiert. „Hey, Rabe! Was machst du denn da? Warum springst du denn da so albern herum? Wo wohnt ihr denn jetzt?“ Der Rabe aber sprang weiter blöd auf dem Ast herum. Plötzlich bewegte sich der komische Ast und ein riesiges Ungetüm tauchte langsam aus dem Wasser auf. Und dann öffnete es den Mund und nieste gaaanz laut: „HAAATSCHIIIII!!!“. Und dann rief es „Du sollst mich doch nicht immer so kitzeln kleiner Rabenfreund!“ Und: „Oh!“ als es Kyra erblickte, die am Ufer stand wie bestellt und nicht abgeholt. „Wer bist du denn kleines schönes Fräulein? Kommst du uns besuchen?“. Und Kyra bekam Tränen in den Augen, denn sie erkannte das komsiche Ungetüm jetzt. Es war ein Mammut, ein echtes, und es war ganz nett und weich und kuschelig. „Hallo liebes Mammut. Es tut mir so leid das du dich immer so verstecken mußt, und das deine ganzen Freunde nach Alpha Centauri ausgewandert sind. Komm, ich nehm dich mal in den Arm.“ Und Kyra versuchte das Mammut zu umarmen. Das war natürlich mal schlichtweg unmöglich, denn es war riesengroß, und obwohl Kyra gar nicht so klein ist wie ich immer behaupte, war sie doch viel kleiner als das fellige Urtier. Deshlab umarmte sie letztlich einfach den Rüssel. Und der kleine Rabe setzte sich auf ihre Schulter und sprach: „Kleines Mädchen, ich schenk dir mein Mammut. Aber du mußt gut für es sorgen, ihm immer was zu essen geben und ihm abends Geschichten vorlesen und es genügend streicheln. Außerdem sieht es unheimlich gern Science Fiction Filme, wegen seiner Verwandten. Machst du das?“ Und Kyra wurde ganz glücklich und sagte ja. Der Rabe verabschiedete sich danach von seinem besten Freund und flog in die Abendsonne, zum Rabenhimmel. Kyra und das Mammut aber gingen nach Hause und tranken erst mal eine Flasche Cola Light während des Abendessens. Denn das Mammut wollte abnehmen damit es bei Kyra im Zimmer wohnen durfte. Jetzt waren die beiden also die tollsten Freunde und guckten Fernsehen, oder lasen sich Geschichten vor, oder gingen ins Kino, oder ins Cafe.

So. Ihr seht also, es war gar nicht so schwer ein Mammut für Kyra zu besorgen. Man mußte nur wissen, daß sie eigentlich überhaupt nicht ausgestorben sind und man mußte einen Raben kennen der noch eins über hatte. Und von Stehlen kann ja auch keine Rede sein. Inzwischen wohnt das Mammut übrigens bei Kyra halb im Garten und halb bei ihr im Zimmer, denn das war die einfachste Lösung. Und selbstverständlich passt das kleine, schöne Mädchen immer ganz gut auf ihr privates Mammut auf, damit es keiner klaut. Nächstes Jahr wollen sie sogar in den Urlaub nach Alpha Centauri fahren. Das Mammut hat da nämlich einen Freund, einen Delphin, der... aber das ist eine andere Geschichte.