Ein dunkler Ton

(2005)

 Für Anke


 

 

Wasserschildkröten sind geduldige, liebenswerte und vor allem intelligente Tiere. Leider gibt es nicht mehr viele von ihnen, denn sie haben viele Feinde. Ungeduldige, verabscheuungswürdige und durchaus nicht besonders kluge Tiere.

Wir kennen die Unterwasserwelt von Bildern, aus dem Fernsehen und vielleicht, wenn wir besonders viel Glück haben, persönlich. Sie ist von seltener Schönheit, friedlich und zerbrechlich. Das Böse hat hier ein leichtes Spiel. Für den Menschen, der im Allgemeinen nur die Oberfläche des Meeres sieht, sind Verbrechen daran besonders einfach. Er zerstört die Natur, beendet Leben und ist nicht der Meinung dies würde am Ende womöglich auch ihn selbst betreffen. Oder er merkt es alles einfach nicht.

Wir können festhalten: Leben unter Wasser ist härter als man gemeinhin denken könnte. Das Bewußtsein mit seinen Tiefen und Untiefen reicht ja schon vollkommen aus, für Elend und Grausamkeit.

Toll, wenn man dann feststellt, dass plötzlich zusätzlich dazu, vor der eigenen Wohnung eine zusätzliche Tiefe herrscht, die ebenso schwarz wie unergründlich zu sein scheint. „Ein, ein kleines Seebeben...“ dachte sich der Schildkrötenmann an einem schicksalshaften Morgen im Mai, und schon liegt der mühsam gehegte Vorgarten 6 Kilometer tiefer als am Abend zuvor. Obwohl er vielleicht zu spät zur Arbeit kommen würde beschloss die Wasserschildkröte vorher seine Familie zu beruhigen und schwamm zurück in die Schildkrötenhöhle.

Nicht nur Arbeit für Schildkröten war selten geworden, auch in anderer Hinsicht starb das Riff langsam aus. Seitdem die Seeschnecken ausgewandert waren, fielen Horden ihrer früheren Mahlzeiten, die Dornenkronenseesterne, über die Korallen her und aßen sich satt. Er wußte nicht, ob es in dieser Gegend überhaupt noch Schildkrötenverwandte hatte – er wünschte es sich sehr, aber die Suche, allein mit Frau und Kind, wäre langwierig und vor allem viel zu gefährlich. Seine Frau ahnte nicht, wie gefährlich – und er tat alles damit seiner Familie die Abgründe, so oder so, diese oder jene, verborgen blieben. Sie sollten glücklich sein.

Die Schildkrötenfrau Anke saß noch am Frühstückstisch und trank die Reste des morgendlichen Korallenkaffees. Sie schaute etwas überrascht als ihr Mann plötzlich wieder zur Tür hereinkam. „Hast du was vergessen?“, fragte sie. „Nein, Anke“, sagte der Wasserschildkrötenmann betont beiläufig. „Nur bleibt besser heute im Haus, das Wetter ist wirklich schrecklich heute“. „Hm. Ok.“ sprach Anke, und nahm die Zeitung zur Hand. „Komm gut zur Arbeit! Und nicht zu spät heim!“. „Habahaba. Yirbie,“ sagte der Schildkrötensohn Robert. Der Mann tätschelte ihm lächelnd den Kopf, schloß vorsichtig die Tür und schwamm mit einem mulmigen Gefühl im Magen in die schwarze See hinaus. Leblos und unheimlich still war es dort. Und so dunkel, dass der Schildkrötenmann bald nicht mehr genau wußte wo er war. Alles war anders. Es dauerte lange bis er sein Ziel gefunden hatte, dabei war er schon tausendmal dort gewesen.

Die Arbeit war monoton und drückte weiter auf sein Gemüt. Irgendetwas lag im Wasser, ihm war als änderte sich laufend der Druck und sein Kopf schmerzte. Mit der Zeit wurde ihm klar, dass er etwas hörte. Ein tiefes Brummen, kaum hörbar - mehr spürbar.

Ein dunkler Ton, von weit, weit her, war es, der im Wasser lag. Kam er näher? Auch als er erschöpft nach Hause schwamm, spürte er das Brummen. Die Wasserschildkröte war voller Angst, sie wollte fortschwimmen von diesem dunklen Ton, aber er war überall. Als wenn er ihr folgte oder über allem läge. Als sie in der Ferne das Licht ihrer Höhle scheinen sah, schwamm sie noch schneller, es war ihr als beobachtete sie jemand, würde ihr folgen. Ohne sich umzuschauen suchte sie leicht panisch ihren Hausschlüssel, schloß die schwere Mangantür auf und verriegelte sie hinter sich. Wenn sie dazu in der Lage gewesen wäre, hätte ihr in diesem Moment der kalte Schweiß auf der Stirn gestanden.

„Du schaust aus, als hättest du einen Geist gesehen“, sagte Anke und lugte über den Rand ihres Buches. „Schniersenjiersen“ sagte der Schildkrötensohn. Die Wasserschildkröte atmete tief durch, setzte sich zu seiner Familie an den Tisch und riss sich zusammen. „Nein, nein, es geht mir gut. Ich hatte nur einen sehr anstrengenden Tag.“ Das war glaubwürdig und er wollte Anke und Robert nicht ängstigen. Also saßen sie bald alle zusammen und machten sich einen schönen Abend.

Aber später, als der Schildkrötenmann im Bett lag, überfiel ihn eine große Angst. Er spürte die dunkle Macht die irgendwo da draußen auf ihn wartete. Schlafen fällt ja schwer wenn einem so was wie der leibhaftige Tod oder das allgemeine Grauen im Nacken sitzt. Das ging auch dem armen Schildkrötenmann nicht anders. Er verlebte eine dermaßen unruhige Nacht, dass er am nächsten Morgen 10 Minuten länger im Bad war als Anke um sich die Ringe unter den Augen wegzuschminken. Denn niemand sollte weiterhin merken das es um seine Nerven nicht gut bestellt war. So schminkte er sich ein prima Guten-Morgen-Gesicht und strahlte seine Familie beim Frühstück debil an. „Gnarz“, sagte Robert. Ankes Filtrierer Kaffee war heiß und gut. Es hatte halt doch Vorteile einen Hausunterwasservulkan mit Filtrier-Korallen zu haben – auch wenn die kleinen Polypen sehr gesprächig waren und ihre Besitzer mit endlosen Geschichten langweilten. Es hatte heute keinen Sinn die Zeitung zu lesen, denn die Polypen waren früh aufgestanden und hatten sie schon auswendig gelernt. Und nun sprachen sie während des Filtrierens von den Geschehnissen des Tages. Der Mann warf die Zeitung in den schwarzen Raucherkamin.

„Viel Spaß bei der Arbeit“, wünschte Anke dem Wasserschildkrötenmann als dieser sein Bündel schnürte und gab ihm ein Küßchen auf die Wange. Robert schaute skeptisch. „Errrrnst“ sagte er. „Borrrauski.“ Der Schildkrötenmann winkte ihm zum Abschied zu und lächelte. „Klosseee,“ meinte Robert noch und wandte sich wieder seinen Spielzeuggarnelen zu.

Als der Schildkrötenmann vor der Höhlentür stand und in das dunkle Blau starrte das sich vor ihm ausbreitete, war auch die Angst wieder da. Und das Brummen. Das Gefühl das ihm jemand folgte, ihn beobachtete, blieb den ganzen Tag bestehen und er mußte sich mehrmals zwingen tief durchzuatmen um nicht in Panik zu geraten. Irgendwas, etwas schwarzes, großes, lauerte da hinten, im dunklen Meer, es wartete auf ihn. Er spürte wie Augen auf ihm ruhten. Der Schildkrötenmann wußte, früher oder später würde es ihn holen, etwas schreckliches würde geschehen, war unausweichlich. Es war, als wäre dieses Ende immer schon in seinem Lebensplan gewesen und im Nachhinein fühlte er, dass er sich schon beim ersten Vernehmen des dunklen Tons in sein Schicksal gefügt hatte.

Nur Anke und Robert waren ihm noch wichtig. Alles Schlechte würde er vor ihnen verbergen. Er würde alles auf sich nehmen, dachte er und wandte sich grimmig wieder der Manganwand zu.

Heute abend war Horst, die Holothurie, zum Essen eingeladen. Holothurien sind Seegurken und damit einer der anstrengendsten Besuche den man in diesem Universum bekommen kann. Horst wohnte auf dem Grund des Marianengrabens, in fast 11 Kilometern Tiefe und hatte eine ziemlich lange Reise hinter sich als er zur Tür hereinwurmte. „Hallo Horst“ rief Anke und bemühte sich mehr oder weniger um eine Umarmung der Seegurke. „Hallo Anke, Hallo Robert, Hallo Schildkrötenmann, mein Freund!“ sprach Horst und blickte in die Runde. Es stank. Denn furchtbarerweise haben Seegurken keinen Mund und müssen daher mit ihrem Anus sprechen. Das sieht nicht nur schlimm aus.

„Aber jetzt muß ich mich erst mal hinsetzen“, meinte er erschöpft und stank ein wenig mehr, „denn meine Reise hierher war kein Zuckerschlecken, das könnt ihr mir glauben!“ Die Familie nickte und sah sich dabei irritiert an, denn es ist absurd zu glauben, ein Wurm-ähnliches Geschöpf von Horstens Sorte könnte Erfolg damit haben, sich hinzusetzen.

So ignorierten sie seine letzten Worte, und begaben sich ohne weitere Umschweife durch die dichten Schwefelgerüche an den gedeckten Tisch.

Als es ans Essen ging, fing es an kompliziert zu werden. „Nein Danke, für mich nicht,“ sagte Horst. „Ich habe vorhin meinen Verdauungstrakt abgestossen.“ Anke fiel daraufhin ein Teil des Essens aus dem Gesicht und Robert wurde ein wenig grün um die Nase. „Was hast du?“, sagte der Schildkrötenmann daraufhin? „Nun ja,“ stank Horst, „in ein paar Wochen ist er wieder da, aber gestern habe ich ihn in die Inspektion gegeben. Zum ArschTÜV.“ „Interessant....“ murmelte Anke. „Ach so ist das,“ sagte der Schildkrötenmann. „Schwoing!“ meinte Robert.

„So, jetzt muß ich aber wirklich gehen!“ schrie Horst plötzlich. „Ihr wisst ja gar nicht unter was für einem Druck ich stehe! Unter einem enormen Druck! Nicht wie am Strand, wo ihr manchmal rumliegt! 1000 mal so hoch ist mein Druck! 1000 mal! Ihr auf euren Guyots. Filtrierer. Grmpfl.“ „Tschüss Horst,“ sprach die Familie Wasserschildkröte da und die Seegurke stapfte von dannen. „Na? Jemand noch ein wenig Detritus?“ fragte Anke verlockend in die Stille. „Nein Danke,“ sagte der Mann leise und sank wieder tief in seinen Anemonensitzsack. Robert seufzte: „Schniers the years“.

Am nächsten Morgen brauchte der Wasserschildkrötenmann wieder ein paar Minuten länger um die Ringe unter seinen Augen weg zu retuschieren. Die Nacht war noch ein bißchen schlimmer gewesen, rasende Alpträume machten ihm zu schaffen. An diesem Morgen ließen ihn sogar die Filtriererkorallen in Frieden. Er trank seinen Kaffee, wie jeden Morgen, er scherzte mit Anke, wie jeden Morgen und er streichelte den Kopf seines Schildkrötensohnes wie jeden Morgen, obwohl er keine Ahnung hatte, was zum Teufel er immer sagte. Er lachte und verbarg mit hoher Kunst, wie wenig es zu lachen gab. Wie nah das Böse war.

Zum Abschied küßte er Anke, wie immer. „Märrz.“ sagte Robert. Der Schildkrötenmann sah ihn an, er versuchte zu lächeln, wie immer, aber alles was er zustande brachte war eine komische Grimasse. Schnell schlüpfte er hinaus, schloß die Tür und trat zum Ausgang der Höhle. Alles drehte sich, er schwindelte. War das Brummen, war der dunkle Ton noch da? Er konnte es nicht sagen. Er hievte sich ins kühle, weite Wasser, versuchte ordentlich und vorschriftsgemäß zu schwimmen, alleine, es gelang nicht besonders gut. Die Wasserschildkröte sank, sie konnte es nicht verhindern, sie glitt immer mehr in die Tiefe, wo es noch kälter war und dunkler. Es schien ihr, während ihr langsam das Bewußtsein schwand, als greife etwas nach ihr.

Allein, als das Ungeheuer sie in die Hände nahm und mit seinen großen, leeren Augen ansah, war sie schon nicht mehr. Dem Ungeheuer jedoch, war das gleich, es verspeiste sie auch so, rieb sich erfreut den Bauch und ging nach Hause. „Schniers“, dachte es glücklich, und pfiff ein kleines, aber dunkles, Lied.