Ein Delphin bekommt Kabelanschluß

(1999)

 Für Antje


 

 

Eines Tages brach eine große Finsternis über das Mittelmeer herein und alle Delphine und Thunfische waren verängstigt und scheu. Das Wasser wurde kalt, der Himmel schwarz und die Farben verschwanden. Die einzigen die sich noch trauten, im offenen Meer herumzutauchen, waren einige versprengte weiße Haie; aber sogar die selbsternannten Herrscher der Meere waren dabei nervös und unsicher. Der Boden des Meeres versandete, die Pflanzen starben und alle Fische die irgendwie blau waren, oder rot, oder gelb, oder bunt, waren wie vom milchigen Bodenschlamm verschluckt. Innerhalb weniger Stunden herrschten Not und Elend im Mittelmeer, und sogar die sonst so lustigen Katzenhaie schauten traurig und sagten keinen Ton mehr.
 

Ungefähr zu dieser Zeit lebte auch Finny der kleine Delphin. Unter seinen Freunden galt er als mutig und klug, denn er hatte sogar schon den großen Atlantik bereist, ganz alleine, nur mit einen kleinen Rucksack. Auf diesen Reisen hatte Finny schon viel gesehen, aber so etwas wie das, was jetzt in seiner Heimat geschah, war seinen kleinen schwarzen Augen bislang erspart geblieben. Und als er die schleimigen Felsen seiner Geburtsinsel erreichte, setzte er sich auf seinen Lieblingsfelsen und dachte: „Ach so. Was soll ich denn bitte jetzt machen?“. Finny war verzweifelt. Die Finsternis war so gewaltig, was sollte er, der kleine Delphin, denn dagegen unternehmen? Nun ja, er war tapfer und mutig und klug. Aber seine delphinarischen Fähigkeiten hatten Grenzen. Im Grunde war er ja schon stolz darauf, daß er sich als einziger seiner Spezies alleine auf einen Felsen setzen konnte. So saß der kleine Delphin herum und starrte auf das dunkel gewordene Mittelmeer.
 

Auf einmal fiel sein mürrischer Blick auf einen kleinen Punkt am Strand. Es schien ein Fetzen Papier zu sein, vielleicht nur ein bißchen Müll, aber das besondere daran war, es hatte Farbe. Ja, der Punkt war eindeutig rot. Finny nahm seine Flossen in die Hand und rannte hinüber. Das was dort lag war ein Buch. So ein schönes hatte Finny noch nie gesehen, es war so bunt und voller netter Tiere. Wie in Trance blätterte der kleine Delphin darin herum und betrachtete all die netten Bildchen mit Vögeln und Bären und Pinguinen – und alle hatten bunte Sachen an und lachten. Das Buch hatte schon etwas unter der Witterung gelitten, aber er fand heraus, daß es irgendwo, weit oben im Norden eine kleine Frau geben mußte, die wieder Farbe in seine Welt bringen konnte. Und Finny beschloß diese kleine Frau zu finden. So machte sich der kleine Delphin auf in den Norden, weiter durch den Atlantik als er je geschwommen war, um seiner Welt die Farbe und das Licht wiederzubringen.
 

Als Finny Monate später über den Dortmund-Ems Kanal und die Aa im Aasee gelandet war, fühlte er sich müde und schlapp. So legte er sich auf eine Wiese und beschloß sich etwas auszuruhen. Aber im Aasee war es so eklig gewesen, daß er erst kotzen mußte und sich dann schlafen legte. Und weil kranke Delphine Aufsehen erregen, las ihn eine kleine Person am Ufer auf und legte ihn zu Hause in ihr Bett. Als Finny, der tapfere Delphin aufwachte, lag er in einem ganz bunten, gemütlichen Delphinbett und kriegte eine Tasse grünen Tee. „Hallo kleiner Delphin“, sagte eine liebe Stimme zu Finny. „Ich bin Antje, und was machst du hier im Aasee? Das ist doch kein Platz für einen Delphin.“ „Oh, du bist Antje? Ach, bitte hilf mir Antje, meine Welt ist ganz finster und farblos geworden, bitte, bitte mal sie wieder bunt! Ich vermisse die Farben so und alle meine Freunde haben ganz doll Angst!", quiekte da der kleine Delphin und bekam Tränen in den Augen. „Keine Angst mein kleiner Fisch, ich komme sofort mit und helfe dir!“, sprach Antje und streichelte Finny über den Kopf. „Das ist lieb Antje, aber ich bin kein Fisch. Ich bin ein Säugetier.“ „Ich weiß lieber Delphin, ich wollte dich nur ein bißchen ärgern.“ „Ach so, na dann können wir ja jetzt gehen“. Und die beiden machten sich auf den Weg zum Mittelmeer.
 

Als Antje und der kleine Delphin am Strand ankamen und die Wolken immer noch grau über dem schwarzen Meer hingen überlegte die kleine Frau kurz und sagte dann: „Keine Sorge Finny, das habe ich im Nu alles wieder bunt gemacht.“ Und sie holte ihre Pinsel und Farben hervor und begann zu malen. Der kleine Delphin setzte sich auf seinen Felsen und sah zu wie die Felsen wieder braun, der Strand strahlend weiß, die Bäume grün und der Himmel blau wurde. Und dann waren seine Freunde dran, die Katzenhaie kriegten schönere Punkte als vorher und plötzlich gab es hier sogar Papageienfische und Zitteraale, selbst die paar weißen Haie bekamen eine freundlichere Farbe. Und als Antje ihr Malwerkzeug zur Seite legte, erstrahlte Finny`s Heimat wieder in aller Schönheit, die Sonne schien und alle Tiere waren froh und glücklich. „Vielen Dank liebe Antje, das du uns unsere Farben wiedergegeben hast“, sagten sie da. Aber Antje winkte nur und hoffte daß ihre neuen Freunde sie ab und zu mal besuchen würden. Und so kam es, daß seither ein kleiner Delphin bei Familie Antje ein gern gesehener Hausgast ist und sogar ab und zu mit am Tisch sitzen darf. Meistens schauen die beiden aber zusammen Fernsehen und trinken Milchkaffee. Und das macht Finny auch Spaß, denn Delphine haben keinen Kabelanschluß.
 

ENDE