Drachenfischgeheimnisse

(2005)

 Für Bärbel

 

 

In einem fernen Meer lebte einst ein wunderschönes Drachenfischmädchen namens Bärbel. Es war geschmeidig, klug und bunt, d.h. es war eine perfekte Mischung zwischen Drachen und Fisch. Viele andere Tiere und Bewohner des Meeres beneideten Bärbel um ihre Abmessungen, ihre Farben und nicht zuletzt, um ihre Gedanken.

Ich meine, Seepferdchen zum Beispiel, sehen ja toll aus und sind schon ganz schön beliebt.... Aber Drachenfische sind noch viel, viel besser! Sie sind also sowieso schon sozusagen die Luxusfische unter den Meeresbewohnern, aber Bärbel, Bärbel war noch mal etwas ganz besonderes.

Natürlich hatte sie schon ihr ganzes Leben lang eine Menge Verehrer und bekam schon seit ihrer frühesten Drachenfischjugend ständig Geschenke und Liebesbriefe, aber nie hatte sie Augen für einen der umtriebigen Werber.

Denn Bärbel hatte ihr Herz an einen kleinen, dünnen Freund verloren der im dunklen Korallenwald lebte. Jeden Tag schwamm sie nach der Arbeit, wenn ihr Flugplan es zuließ, mit einer kleinen Taschenlampe zu den Gehirnkorallen um bei ihm zu sein. Nie sprachen die beiden ein Wort, immer nur sahen sie sich still und leise an. Aber Bärbel war so glücklich und fühlte sich so geborgen wenn sie bei ihrem Freund war, da machte ihr das kleine Kommunikationsproblem nichts aus.

Die anderen Riffbewohner beäugten Bärbels Verhalten mit Argwohn. Sie waren entweder eifersüchtig oder neidisch. Das führte dazu, dass Bärbel immer mehr alleine gelassen wurde und ein wenig vereinsamte. Sie verbrachte immer mehr Zeit bei ihrem stillen Freund und ihre Eltern begannen sich Sorgen zu machen.

Etwa zur selben Zeit lief eine andere schöne Bärbel am Strand von Mauritius entlang und genoß ein wenig ihrer freien Zeit weil der Flugplan es zuließ. Der Sand war warm und weiß, das Meer rauschte friedlich und sie dachte, dass es ihr doch eigentlich gut gehen sollte. Ihr nächstes Flugzeug würde erst in einigen Tagen gehen, ihre Arbeit machte Spaß, das Buch was sie momentan las war gut.... sie sollte glücklich sein. Aber irgendetwas fehlte. Sie war nicht so richtig glücklich.

Die Sonne schien ihr auf die nackte Haut und kitzelte sie angenehm an allen möglichen Stellen. Das war nicht schlecht, fand Bärbel. Sie setzte sich auf einen schönen, runden Stein und ließ die Füsse im Wasser baumeln. Es war nichts neues, das man viele Freunde haben konnte und sich trotzdem irgendwie alleine fühlte. Hm. Das Meer jedenfalls, war warm und lieb.

Derweil im Riff: die Drachenfischeltern beschlossen ihre kleine Bärbel zu suchen. Denn sie sprach immer weniger zu ihnen und kam meist viel zu spät nach Hause. So schwammen sie in den dunklen Gehirnkorallenwald und riefen nach ihr. „Bärbel! Wir sinds! Deine Eltern. Wo bist du denn?!?“ Aber das kleine Drachenfischmädchen antwortete nicht. Sie hatte sich an ihren starren Freund geklammert und schlief ein wenig.

Als Vater und Mutter Drachenfisch endlich ihr Töchterlein fanden, hatte es sich in einem Stock verheddert und redete nervös auf ihn ein. Die Eltern wunderten sich sehr. „Bärbel, Kleine, was machst du denn da?“ fragten sie. „Hä? Wieso? Ich betreibe ein wenig Konversation mit meinem Freund! Was denn sonst? Und was macht ihr hier eigentlich?“ Herr und Frau Drachenfisch sahen sich irritiert und peinlich berührt an. „Nun, äh, wir hatten uns Sorgen gemacht. Und, äh, also, wie sollen wir sagen? Dein Freund, nun, äh, dein Freund ist ein Stöckchen! Kein Fisch, oder eine Muschel, oder so!“ Bärbel lachte, „Haha, was? Nein!?!“ Dann schaute sie etwas überrascht. Sie fasste ein wenig an ihrem Stockfreund herum, hielt inne.... und dann entgleisten ihr allmählich, aber sicher, die Gesichtszüge. „NEEEEEEEEEEIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIN!“

Im gesamten Riff konnte man ihren Schrei hören.... Das arme Drachenfischmädchen! Die arme Bärbel!

Und dann rannte das kleine Zauberfischmädchen – nein, natürlich rannte es nicht, es schwamm wie der Wind – nein, nicht wie der Wind, wie.... äh.... es schwamm wie.... Ich habs: wie eine Sportmeerjungfrau. So schnell. Und das ist sehr, sehr schnell. Bei Bärbel der Drachenfischdame, kam jedoch noch eine gewisse hektische, nervöse, ja panische Ungenauigkeit dazu. Und diese Ungenauigkeit führte sie, mit großer Geschwindigkeit zwar, aber doch direkt auf die Küste zu. Und auf einen schönen, runden Stein.

Etwas kitzelte Bärbels großen Zeh. Oder prallte dagegen. Und biss hinein. „Aua!“ rief sie. Ein kleiner Stock hing an ihrem Fuß. „Hllll“, sagte der Stock. Nein, das kann nicht war sein, dachte Bärbel, der Stock hat nicht grade „Hllll“ gesagt, es ist ja nur ein Stock. Also, so etwas gibt es ja nicht. Andererseits hatte der Stock sie ja auch irgendwie gebissen. Also nahm sie ihn zur Hand und schaute ihm tief in die Augen. In die Augen? Bärbel wunderte sich sehr. Der Stock hatte Augen! „Hallo, ich heisse Bärbel und bin ein Drachenfisch. Und du? Wer bist du?“. Bärbel war etwas erschüttert. So doll hatte ihr die Sonne nun auch nicht auf den Kopf geschienen. Naja, und weil aber niemand in der Nähe war, beschloß sie, den Kontakt aufzunehmen.

„So ein Zufall,“ sagte sie zu dem kleinen Stöckchen. „Ich heiße auch Bärbel!“ Das Drachenfischmädchen, das an Land noch mehr ihrem mehr oder weniger imaginären Freund, dem Stock, ähnelte, lachte erfreut. „Das ist aber toll! Dann sind wir ja Schwestern! Aber du bist so wunderschön.... Wie hast du das gemacht? Was ist das denn zum Beispiel? Und das? Und was ist das?“ fragte Bärbel aufgeregt und zeigte auf Bärbels Körper herum. „Nun, also das sind Beine... Das? Das sind, ähem, Brüste! Das sind Finger! Ja, Finger nennt man die. Nein, Flossen habe ich nicht. Was? Das? Moment. Das ist mein Hintern! Oh, Danke!“ Und so sprachen die beiden, alberten ein bißchen und wurden Freundinnen.

Als es langsam dämmerte, wurde der kleinen Bärbel plötzlich ein bißchen schwindelig, denn sie hatte ja jetzt schon einige Zeit nicht mehr geatmet. „Hhhp“ sagte sie. Und weil sie ihre neue Freundin nicht verlieren wollte, faßte sie kurzfristig einen Entschluß: sie machte große Augen und hüpfte der größeren Bärbel mit einem kräftigen Satz in den Mund. Die große Bärbel aber verschluckte den kleinen Drachenfisch vor Schreck und fiel vor lauter Aufregung auch noch ins warme Wasser.

Als sie sich wieder gefangen hatte und in der leichten Brandung saß, die Sonne am Horizont unterging und die Szenerie alles in Allem immer kitschiger wurde, begann es auf einmal überall in ihrem Körper zu kribbeln. Wie kleine Tiere, die Wettrennen unter ihrer Haut liefen, fühlte sich das an.... Nach ein paar Sekunden war alles vorbei und – nun, Hunger hatte sie jedenfalls nicht mehr.

„Was für ein durchaus seltsamer Tag“, dachte Bärbel als sie langsam durch den weichen Sand zurück ging. Sie strich sich die Haare aus dem Gesicht und hielt inne. Inzwischen hatte sich der Mond zu ihr gesellt und streichelte ihren Körper, sanft und freundlich. Und wenn man ganz genau hinsah, im Mondenschein, konnte man sie beide sehen, den Drachen, und den kleinen Fisch – wie sie es sich auf Bärbel gemütlich gemacht hatten. Von diesem Abend an blieben sie bei ihr und leisteten ihr Gesellschaft, jeden Tag und jede Nacht.

Und natürlich mußte man alles in Bärbel, also Abmessungen, Farben und Gedanken, von diesem Abend an mal Drachenfischmädchen-X nehmen.

Und alleine, alleine fühlte sich Bärbel mit ihrem Drachenfischgeheimnis sowieso nie mehr.