Dornröschen

(2003)

 Für Antje

 

 

Es gibt Leute, denen geschehen immer wieder die seltsamsten Dinge, als hätten sie einen geheimen Pakt mit dem Zufall getroffen, oder einfach zu viel Phantasie. Vor relativ langer Zeit gab es zum Beispiel mal einen König und eine Königin, die meckerten jeden Tag und immerzu „Verdammt noch mal wir wollen doch schon so lange ein Kind, ein Kind das wäre so schön, kein Rind, nein ein Kind!“ und so sprachen sie, machten noch viel schlimmere Reime über die man bei Hofe schon lange nicht mehr lachen konnte, aber ein Kind kriegten sie trotzdem nicht. Nie.

Eines Tages, die Königin lag draußen im Ententeich, in den sie sternhagelvoll hinein gefallen war und blickte benommen in die klare Sternennacht, da setzte sich ein kleiner grüner Frosch neben sie und sprach: „Du willst `ne Tochter, ne?“ „Ja....“ lallte da die Königin. „Klappt aber nich...“ Der Frosch blickte ihr lange und besinnlich in die Augen. Dann sagte er laut und mit Nachdruck: „Schon mal mit Ficken probiert?“ und hüpfte ohne weitere Worte und Erklärungen davon. Die Königin war etwas irritiert und vor den Kopf gestossen. Andererseits waren auch in dem Königreich von dem wir hier sprechen, sprechende Frösche, zumal obszön, bislang eigentlich unbekannt gewesen. Vor allem am nächsten Morgen war sich das mehr oder weniger holde Fräulein daher sicher, das sie das mit dem Frosch nur geträumt hatte. Indes – der Tipp war nicht schlecht. Und einige Zeit später gebar die Königin ein schönes kleines Mädchen.

Darüber war der König ausgesprochen froh, außerdem hatte das Kind machen auch durchaus sehr viel Spaß gemacht, also lud er die schönsten Frauen des Landes ein, um eine große, lustige Orgie zu feiern. Es gab deren dreizehn in seinem Reiche, was nicht viel war, aber immerhin mehr als bei uns oder bei dir. Leider war der König etwas abergläubisch, daher sagte er der dreizehnten Frau nicht rechtzeitig Bescheid damit sie nicht plötzlich auf der Matte stünde und allen Unglück brächte – außerdem war sie blond und rasierte sich nicht unter den Armen, das mochte der König nicht. Die dreizehnte blieb zu Hause.

Aber weil Tratsch Spaß macht und auch sehr gut ist, bekam die ausgelassene Frau schon bald Wind von ihrer Ausbootung. Und da sie nicht nur häßlich war, sondern auch frech, mißgünstig und eine böse Hexe, verhängte sie einen unangenehmen Fluch über das neugeborene Kind, dessen Namen sie nicht kannte. Warum auch immer. Wenn schon, hätte sie mal besser den neu-brünstigen König verflucht. So aber verfügte sie nach Artikel 69 des Märchengrundgesetzes, dass das Mädchen im 15. Lebensjahr von einer Amsel gerammt werden und von diesem Schlag für 150.000 Jahre in ein schweres Koma fallen sollte.

Der König reagierte auf diesen einfallsreichen Fluch damit, das er alle Amseln des Landes verhaften ließ und sie ins Gefängnis sperrte. Diese drastische Maßnahme löste in der Tierwelt Bedauern und Wut aus. Allerdings denken Fauna, wie auch Flora, eher in langfristigen, nachhaltigen Zeiträumen. So hielten sie zuerst einmal still. Und die kleine Prinzessin, wegen der dieses ganze Brimborium stattfand, wuchs und gedieh, wurde immer schöner und größer und visierte langsam aber sicher die Pubertät an.

Pünktlich zum 15. Geburtstag der Prinzessin, schlug das Federvieh dann doch zurück. Ein großer Schwarm allerlei Vögel fiel in die Königsburg ein und rammte den Hofstaat bewußtlos. Das heißt, der Fluch hatte sich eigentlich nicht erfüllt, aber irgendwie schon, nur besser. Und weil auch der Gärtner im Koma lag, wuchs die Dornenhecke welche die Burg umgab ganz schnell ganz hoch und keiner kam mehr rein oder raus. Aber drinnen waren ja eh alle am schlafen.

Viele junge Männer, Diebe und habgierige Frauen versuchten in den nächsten Jahrzehnten die Dornenhecke zu überwinden um an die dahinter vermuteten Schätze zu gelangen. Aber ein jeder der sich an den Dornen stach sagte „Aua...“ und ging alsbald weinend nach Hause. Und irgendwann, nach vielen, vielen Jahren ward die Königstochter und ihr Hofstaat einfach vergessen. Und noch später, so nach 10.000 Jahren, starb die Menschheit aus und Roboter beherrschten die Erde für eine lange Zeit. Als deren Batterien alle waren, machten es sich die Tiere zu Wasser und zu Lande und in der Luft, endlich bequem auf unserem Planeten und hatten viel Spaß. Aber irgendwann wanderten auch sie aus zu fernen Sternen und die Erde lag brach und war karg und leer. So war sie noch mal 50.000 Jahre lang. Nur die Dornenhecke stand weiter als sei nichts gewesen, und verbarg ihr lustiges Geheimnis mit Bravour.

Nun begab es sich, das just zu der Zeit, da sich die 150.000 Jahre des lieben Dornröschenschlafs dem Ende neigten, ein Gruppe non-corporaler außerirdischer Wissenschaftler auf der Erde landeten und die Dornenhecke untersuchten. Und als sie grade im Begriff waren sich zu stechen, nahm der Fluch ein Ende und die Dornen wurden zu wunderschönen, bunten Blumen und taten sich von selbst auseinander. Und darauf erwachte das ganze Schloß und alle gingen ihrer Arbeit nach, schmiedeten, kochten, putzten und hämmerten das es eine Freude war. Die Aliens sahen sich das Treiben sehr interessiert an, nahmen hier und da ein paar Proben und gelangten schließlich in den Turm, in dem das schöne Dornröschen lag. Und nicht nur weil ihnen die Prinzessin sehr gut gefiel, nein, auch einfach nur so, nahmen sie das Schloß und den gesamten Hofstaat mit, und stellten ihn daheim auf Alpha-Epsilon 3 in ein Museum.

Die gefangene Amsel aber, die befreiten sie und gaben ihr das schönste Hotelzimmer in der Stadt und behandelten sie wie eine wahre Königin. Und so saß sie abends auf dem Balkongeländer, sah den 4 Sonnen von Epsilon beim Untergang zu, nippte an ihrem Cocktail und kicherte ein fröhliches Amselkichern.