Die Legende von Atlantera

(1999)



 

 

Der Fall

Zu einer Zeit, da die Welt eine kleine Insel ist, flogen die Chef-Krähen zum letzten Baum der stand und hielten Rat. Denn die Lage in der Welt war nicht gut, eher schlecht. Jedenfalls war es typisch, daß wieder einmal nur ein paar Krähen Rat hielten ohne dem Rest der Meute Bescheid zu sagen. Die vielen anderen Inselbewohner wurden nicht in den Baum gelassen und darob nicht gerade erfreut. Aber da sie noch nie mitmachen durften legte sich ihr Ärger rasch bis extrem schnell.

An allen Teilen von Atlantera stapelten sich die Vögel. Die Elstern wurden von den Staren durch die Äcker gejagt weil die Legende besagte daß sie vor langer Zeit die Sterne geklaut hatten. Die Amseln versteckten sich seit Jahren, denn jeder ärgerte sie. Und die Raben beäugten alles mißtrauisch, ab und an rissen sie einen der Vögel aus den Reihen und schmissen ihn ins Meer. Vereinzelte schwarze Vögel fatterten kreischend durch die Luft, aber das Fliegen beherrschte hier keiner mehr so recht. Die Welt war klein, das Wasser unendlich, die Bäume weg. Außer einem, und auf dem saßen die Krähen unter dem Vorsitz von zwei Beos und hielten ihre Krisensitzung. Denn es war das Ende der Zeiten gekommen. Das Futter war weg.

Seit Jahrzehnten bekriegten sich die Vögel auf dieser Insel, jeder versuchte für sich das Leben zu meistern, Freunde gab es nicht, nur Mitstreiter, Verbündete, Feinde. Im Zuge dieses Treibens wurde die Welt der Krähen so geschändet, daß nun nichts mehr da war worum man kämpfen konnte. Die Bäume waren längst abgenagt, die Äcker von allen ihren leckeren Wacholderwurzeln leergewühlt, die See mit Krähenfuttermittel verschmutzt - es gab nur noch die Vögel und ihre Mißgunst gegen alles andere außer sich selbst.

Der oberste Beo erhob die Stimme: "Wir haben kein Futter mehr worum wir streiten können. Worum sollen wir jetzt kämpfen? Es geht um unsere Existenz, unsere Natur." "Laßt uns die Amseln essen", sprach ein hochrangiger Rabe in der zweiten Reihe. "Die sind doch sowieso sinnlos, feige - sie beteiligen sich doch eh nicht an unserer Lebensweise." "Ein guter Plan," beschloß der oberste Beo. "Wir müssen sie nur noch finden. Kräht zur Amseljagd!" Ein fürchterliches Getöse und Geschreie drang über die karge Insel, die Vögel machten sich daran, die Wut und ihre verstörte Natur gegen sich selbst zu wenden. Und bald schon klebte Blut an ihren schwarzen Flügeln....
 

Der Knick
 

Das war ungefähr der Moment als es dem Chef zu bunt wurde. Das war aber eher unwichtig, denn was die Vögel auch nicht bedacht hatten war, daß die Insel Atlantera immer schon die Lieblingsinsel des Meeres und der Sonnenfrau gewesen war - und ihrem häßlichen Untergang konnten beide nicht wirklich tatenlos zusehen.

Das Meer wurde unruhig, es zürnte und rief: "So, ihr Vögel. Ich will meine Wurzeln, Sterne und mich selber wiederhaben. Es reicht."

Und das Meer schickte eine 12 Rabenmeter hohe Flutwelle Richtung Atlantera. Die Vögel hätten sie sicher sehen können, aber sie konnten ja nicht mal mehr so hoch fliegen daß sie hätten erblicken können wie es um ihre eigene Welt stand. Oder um die Sterne zu sehen.

Die Welle traf die Insel mit großer Macht und schrecklicher Zerstörung. Die Vögel wurden einfach weggewischt, nur die die noch ein bißchen fliegen konnten hatten eine geringe Chance. 7 Tage und 7 Nächte brauste der Sturm über der Welt - dann trat Todesstille ein. Kleine schwarze Flügelspitzen blitzten noch manchmal im Meer auf, ansonsten war Atlantera das erste Mal seit 89723287548 Jahren nicht mehr Schwarz. Mit der Zeit begann die Insel sich zu erholen, Grün sproß hier und da, kleine Bäume wuchsen leise. Atlantera sah langsam wieder aus wie eine Insel. Wie die Lieblingsinsel vom Meer und der großen Sonnenfrau.
 

Die Sterne

Eines Nachts, es war vielleicht 2 Wochen nach der Flut, lugte eine kleine

Schar schwarzer Vögel aus ihrem Atomschutzbunker. Kleine gelbe Augen blinzelten in die Dunkelheit. Und wie sie alle herausgekrochen waren, wagten sie nicht zu sprechen, so still war es. So kauerten sie sich aneinader, Amsel an Elster, Krähe an Rabe, bis die Sonne langsam aufging. Als die ersten Strahlen über die grünen Wiesen strichen und Atlantera vor den Augen der geschändeten Krähen in voller Schönheit erschien, weinten die Vögel bitterlich und schämten sich sehr. Und plötzlich fiel ihnen auch auf, daß der Himmel gar nicht mehr leer war, sondern voller blinkender Sachen.

In den folgenden Tagen begannen die Vögel ein Nest zu bauen und sie bemerkten, das Raben sehr gut Äste klauen konnten, wobei die Elstern vor allem bei der Wärmeisolierung glänzten. Die Beos hielten alle bei Laune mit schlechten Witzen und die Amseln malten die Baupläne. Und die Krähen bauten das schönste Nest was Atlantera je gesehen hatte. Und die Vögel ihrerseits lebten auf der schönsten Insel die sie je gesehen hatten. Die ersten Tage kam sogar manchmal die liebe Sonnenfrau und brachte Körner und Würmer mit. Das Meer war noch ein bißchen wütend, aber es war schon milder gestimmt als vor 3 Wochen.

So richtig merkten die Vögel allerdings erst wie bescheuert sie gewesen waren, als die ersten begannen zu fliegen weil die Luft so lecker war. Denn hoch oben, wenn sie auf die Insel blickten, sahen sie daß sie nicht alleine waren. Dies war natürlich ein neuer Anfang und das nicht zu knapp.

Wenn die Krähen jetzt abends zusammen saßen und in den Himmel sahen, schauten sie Stundenlang auf die Sterne die über ihnen leuchteten, einladend und voller Hoffnung.