Die Deportivo Grundel

(2000)
Für Djalminha und Deportivo und Paty!


 

 

Im Korallenriff geschehen mitunter seltsame Dinge. Dieses und nur wenig mehr dachte sich die kleine Grundel als sie sich ihre Füße auf dem Teppichhai säuberte um auch ja stubenrein in die Grundelhöhle zu kommen. Sie war recht müde, denn ihre Arbeit als Securityofficer am Höhleneingang war anstrengend und gleichzeitig sehr langweilig. Ihr Freund der Knallkrebs machte im Gegenzug wenigstens die Betten in der gemeinsamen Unterkunft. Señor Knallkrebs war noch nicht zu Hause, denn er war außer dem Bettenmacher auch ein erfolgreicher Bauunternehmer und arbeitete dementsprechend viel.

Der kleinen Grundel war das jedoch gerade recht, denn abends schaute sie immer Fussball - und das lieber alleine. Es ist eine weit verbreitete, aber falsche Annahme daß die Spiele der Champions League unter Wasser nicht übertragen werden. Vor allem die Freunde des technisch versierten Fussballspiels sind im Riff zu finden und es ist kein Wunder, dass vor allem die spanischen Vereine die meisten TV Gelder einstreichen. Die kleine Grundeldame war großer Fan von Deportivo und liebte vor allem Djalminha, deren albernen Zauberer. Sie wohnte praktisch vor seiner Haustür, in der Bucht von La Coruña und sie verpasste kein einziges Spiel ihrer Mannschaft. Natürlich war sie bisher noch nie im Stadion, dem „Riazor“, gewesen, denn, blöde Frage, wie hätte sie das bitteschön machen sollen, sie war doch eine Grundel und lebte im Meer.

Heute abend ging für sie ein besonderer Tag zu Ende. Denn Deportivo hatte die Meisterschaft errungen und die Grundel war grade, noch freudig erregt, von der großen Meisterfeier auf dem Riffplatz nach Hause gekommen. Überall im Riff waren Blau-Weisse Fahnen geschwenkt und Lieder gesungen worden.

Und als sie so sinnierte diverse Spielszenen vor ihrem inneren Auge nochmal Paroli laufen ließ, erschien auf einmal ihr Knallkrebs und rief fröhlich: „Schau mal was ich gefunden habe!“ Und er gab ihr einen wundersamen Ring, der golden glänzte und eine feine Inschrift hatte. „Deportivo Campeon 2000“ stand dort geschrieben. Die Grundel stutzte. Wie konnte das sein? „Wo hast du den denn gefunden?“, fragte sie leicht irritiert den Knallkrebs. „Nun“, sagte er, „ich habe oben bei den Klippen gearbeitet, da fiel er vor mir ins Wasser. Du weißt schon, draußen, bei der kleinen Insel, ein paar hundert Meter vor dem Festland. Warum?“ „Entschuldigung, ich muß gehen“, sagte da die kleine Grundel und schwamm mit ihrer zugelassenen Höchstgeschwindigkeit von dannen.

„Hhp“. Das war alles was der kleine Brasilianer zu sagen hatte. Er lag quer über einem algigen Stein und blinzelte in die Nacht. Wellen klatschten gegen seine Füsse und Gischt peitschte ihm durchs Gesicht. Er versuchte seine Gedanken zu ordnen. Was war passiert? Die Meisterschaftsfeier, ein Boot, eine Flasche Estrella Galicia... oder waren es zwölf? Djalma Feitosa Diaz richtete sich auf und wischte sich zwei Algen aus dem Gesicht. Sein Kopf schmerzte. Um ihn herum war nur schwarzes, kaltes, tiefes Wasser. In der Ferne sah er die Lichter einer Bucht, es war saukalt. Ungefähr so lautete sein erster Schadensbericht.

„Ich muß beim Feiern von Bord gefallen sein. Vielleicht habe ich auch wieder gemeckert und der Trainer hat mich geschubst...“ murmelte er. „Nein, obwohl, das war`s wohl doch nicht.... Warum muß ich nur immer so über die Stränge schlagen. Ich schlampiges Genie!“ Djalminha verfiel in tiefes Selbstmitleid und fuhr fort damit, traurig auf dem kleinen, albernen Felsen vor der Küste La Coruñas zu sitzen. Gerade noch hatte er Deportivo zur ersten Meisterschaft der Vereinsgeschichte geführt und schon hing sein Leben an einem seidenen, hellblauen Faden.

Die kleine Deportivo Grundel erreichte den Felsen bei dem der Knallkrebs den Ring gefunden hatte in neuer Rekordzeit. Sie streckte ihr kleines, aber feines, Grundelgesicht aus dem Wasser und sah sich um. Auf einem Stein saß ein Mann und trat gelangweilt mit dem rechten Fuß gegen Muschelverwachsungen. „Hey du!“ rief die Grundel. „Was machst du denn da?! Übst du Edgar Davids treten?“ Der kleine Brasilianische Fussballspieler schaute sich verdutzt um. „Hallo...? Ist da jemand? Hilfe?“ sprach er fragend. „Hier unten bin ich“ rief die kleine Fischfrau. „Hier im Wasser, zu deinen Füssen!“

Djalminha überwand seine erste Verunsicherung, legte sich auf den Bauch und suchte die Wasseroberfläche ab. Da blickten ihn doch tatsächlich zwei kleine Fischaugen an. „Ach da!“ rief er verdutzt. „Bin ich total bescheuert oder könnte es sein daß du eine sprechende Grundel bist?“ „Wenn du wüßtest,“ sprach die kleine Dame da. „Hier unten im Riff können wir alle sprechen! Und sind Deportivo Fans! Ich weiß natürlich auch wer du bist! Du bist „El Mago“, der Zauberer. Ich bin ein großer Verehrer deiner Kunst!“ Und die Grundel verneigte sich vor ihrem Idol soweit das eben geht wenn man als Fisch nur knapp aus dem Wasser ragt.

Djalminha war mäßig beeindruckt. „Na toll. Möchtest du ein Autogramm?“ murmelte er. Die Grundel aber hatte einen tollen Plan. „Hör zu, wenn du hier bleibst frierst du dir den Arsch ab. Wenn du möchtest kannst du heute abend bei mir schlafen, ich koch dir auch was schönes.“ Und die kleine Fischfrau zog den brasilianischen Fussballkünstler mit ihren winzigen Flossen unter Wasser und nahm ihn mit zu sich nach Hause.

Der Knallkrebs hatte schon vorgesorgt und die Wohnung etwas vergrößert so daß sie alle darin Platz fanden. So saßen, ungefähr 7 Stunden nach der offiziellen Meisterfeier, eine kleine Grundel, ein ebenso kleiner Knallkrebs und Djalminha um einen Muscheltisch in einer Höhle am Riff vor La Coruña und aßen Miesmuscheln „a la mariniere“ mit Garnelen. Danach gingen sie alle in ihre Algenbetten und schliefen einen sehr erholsamen, glücklichen Schlaf.

Am nächsten Morgen lud die Grundel dann alle ihre Freunde ein und Djalminha schrieb ganze zwei Stunden Autogramme! Danach brachte ein freundlicher Silberspitzenriffhai, auch ein großer Depor Fan, den kleinen Brasilianer zum Strand zurück.

Djalminha aber vergaß nie daß ihm eine kleine Grundel das Leben gerettet hatte und sorgte von diesem Tag an dafür, dass die Bewohner der Bucht von La Coruña alle zwei Wochen ins Stadion gehen können. So kam es, dass seitdem fast alle Riffbewohner Dauerkarten besitzen - und man munkelt sogar, dass ein junger Hammerhai schon mal zum Probetraining eingeladen wurde. Er soll einen ziemlich harten Bums haben.