Die Bremer Stadtmusikanten

(2004)
Auftragsarbeit für den Merlin Verlag


 

 

„Wer um Gottes Willen hat sich eigentlich ausgedacht, das graue Paarhufer immer Mehlsäcke schleppen müssen“, dachte eines Morgens ein Esel auf dem Weg zur Mühle. Der Esel dachte gerne mal nach, und so setzte er sich auf den staubigen Weg, sah in den blauen Himmel und grübelte. Der Müller jedoch, der hinten auf seinem Rücken tobte, hielt die philosophische Ader des Esels für reine Faulheit. Ein kleiner Junge, der am Wegensrand stand, fühlte mit dem alten grauen Huftier und gab ihm ein Stück Zucker. „Zucker gehört in den Kaffee und nicht in alte Esel“, schrie der Müller, jagte den Jungen fort, weckte den Esel mit einem kräftigen Peitschenhieb aus seinen Tagträumen und drohte ihm unmißverständlich mit ausgestrecktem Finger. „Och nö“, sagte sich da der Esel, ließ sich seine Papiere geben, verabschiedete sich höflich von der Müllerin und machte sich auf den Weg nach Bremen, wo er meinte als Musiker Geld verdienen zu können. „Außerdem kann ich ja sonst immer noch zur See fahren, bis nach Peru zu meinen Eltern“, dachte sich der kluge Esel, weiter trabend gen Norden.

Nach einigen Kilometern, der Esel überlegte sich gerade praktische Anwendungen für die Relativitätstheorie, stolperte er plötzlich über einen müden, nassen Hund und fiel der Nase nach hin. „Aua“, dachte der Esel und sprach „Entschuldige Hund, aber es ist völlig inakzeptabel das du hier einfach so mitten auf der Strasse liegst. Das ist gefährlich und sieht auch nicht gut aus. Ein Bad würde dir guttun, du stinkst.“ Da bekam der Hund Tränen in den Augen, denn er war voller Selbstmitleid. „Du hast recht, ich stinke, und bin alt und schlecht! Niemand will mich mehr, nicht mal der komische alte Mann der mich immer mit in den Wald genommen hat, zu seinen Freunden den Hasen und Rehen. Ach, wenn ich doch einfach sterben könnte!“ jaulte er. Der Esel überlegte streng. „Nun, ich könnte noch drei bis siebzehn Mal über dich stolpern, das sollte für einen schmerzhaften Tod reichen. Andererseits würde ich dich auch mit nach Bremen nehmen, zum musizieren. Heulen kannst du ja schon ganz prima,“ sagte er dann. Der Hund ließ sich die Alternativen zum „heulend im Dreck herumliegen“ etwas länger durch den Kopf gehen – der qualvolle Tod war zwar reizvoll, aber am Ende entschied er sich letztlich frohen Mutes dazu mit dem Esel zu gehen. Und weil er so müde war, nahm der Esel ihn sogar auf seinen warmen, kuscheligen Rücken.

Und während sie so gen Bremen schlenderten und übers Hunde und Eselleben redeten, begang es zu regnen. Mitten im Regen aber, saß die schlechtgelaunteste Katze der Welt. Sie hatte so schlechte Laune, das man davon ausgehen kann, Fräulein Katze war ganz alleine schuld am Regenwetter. Esel und Hund sahen sich vielsagend an. „Äh, was ist los?“, fragte der Esel vorsichtig in Richtung Katze. „Verdammt noch mal, laßt mich in Ruhe ihr Idioten – ihr könnt mich alle mal, haut ab, verpisst euch! Tschüß! Ihr seid ja immer noch da!“ schrie sie da und schrie weiter, auch lange noch nachdem der Hund sie recht behutsam auf den Arm genommen hatte und sie alle zusammen weiter gingen. Auch die Katze war dem Tod nur knapp von der Schippe gesprungen, denn ihr Frauchen hatte sie im Weiher ertränken wollen bevor ihr die Flucht durchs Gehölz gelang. Wasser von oben hatte ihren Geisteszustand danach natürlich nicht sonderlich verbessert. Irgendwann beruhigte sie sich aber dann doch und wurde zeitweise anschmiegsam. Sogar Musik machen traute sie sich wohl zu – als kleines Kätzchen hatte sie nämlich einmal Gitarre spielen gelernt. Und da waren sie also schon drei mehr oder weniger muntere Musikanten.

Der Erste der das fürchterliche Schreien hörte, war erfahrungsgemäß der Hund, dann fiel es der Katze auf, und der Esel hörte gar nichts, weil er wieder in Gedanken verloren in fremden Welten wandelte. Das Schreien entpuppte sich als ein Krähen und sein Urheber war ein Hahn. Da der Esel indisponiert war, führten Katze und Hund die Verhandlungen über ein Engagement in ihrer Musikantentruppe. Der Hahn war nicht leicht zu überzeugen. „Ich habe eigentlich heute abend schon was vor,“ meinte er. „Die Dame des Hauses hat mich zum Essen eingeladen, es gibt Huhn, äh, Hahn. Moment mal! Das bin ja ich! Na, da bin ich vielleicht doch lieber bei euch dabei!“ So überredete der Hahn sich selbst, und alle vier eilten schnell weiter, in den Sonnenuntergang.

Es war indes schon spät geworden und die vier Musikanten waren ziemlich müde. In einem kleinen dunklen Wald fanden sie ein schönes Plätzchen zum Schlafen – die Katze und der Hahn legten sich in einen Baum, Esel und Hund machten es sich auf dem laubigen Boden gemütlich und alle waren recht frohen Mutes. Aber hungrig. Der Magen des Hundes knurrte so laut, das der Hahn nicht schlafen konnte und gerade wütend werden wollte, als er in der Ferne ein Lichtlein brennen sah. „Aufwachen!“ krähte er – „dahinten brennt ein Licht – bestimmt ein Hotel! Mit warmen, weichen Betten! Und Einzelzimmern!“. Und die Kameraden machten sich eilig auf zur Herbege, denn der Hund stank, die Katze hatte schlechte Laune, der Esel redete im Schlaf und der Hahn wachte immer zu früh auf. Einzelzimmer waren verlockend. Leider stellte sich das Haus als eine doofe Bretterbude heraus und mitnichten als ein fünf Sterne Hotel. „Schau doch mal ins Fenster rein“, sagten alle zum Esel, weil er der Größte war. „Aha,“ sprach der nach einem kurzen Blick in die Stube. „Mit all meiner Erfahrung und Kraft meines Wissens...“, „Komm zur Sache du Arsch!!!!!!!!!“ schrie die Katze deren Laune immer noch nicht besser war, „....äh... gut,“ stammelte der Esel weiter, „wir haben hier vier finstere Gesellen, vermutlich Räuber, die viel zu essen, zu trinken und einen warmen Ofen haben.“ Die Tiere wurden still und sahen sich lange an. Nach einiger Zeit sagte der Hund leise aber bestimmt: „Nun meine Freunde. Ich denke, dieses Häuschen wäre wohl etwas für uns.“ Und sie machten einen tollen Plan.

Der Esel stellte sich vor das Fenster, nachdem man ihn überzeugt hatte das es wegen der Statik eher schlecht wäre wenn die schlechtgelaunte Katze seinen Part übernähme, und ließ den Hund auf seinen Rücken klettern. Die Katze bemühte sich etwas widerwillig auf den Hund und zu guter letzt landete der Hahn, nach mehreren erfolglosen Versuchen, ganz oben auf dem Kopf der lustigen Pyramide. Dann, auf ein vereinbartes Zeichen, spielten alle vier ihr erstes selbstkomponiertes Stück – sie sangen so laut, das die Fenster zersprangen und die Räuber zu Tode erschrocken das Weite suchten. Allerdings nicht ohne das der Esel ihnen noch vorher in den Hintern getreten, der Hund sie gebissen, die Katze sie gekratzt und der Hahn sie geweckt hätte. Nach getaner Arbeit setzten sich die vier Freunde dann an den gedeckten Tisch und liessen es sich so richtig schmecken. Es gab Schokolade für den Esel, Jägerschnitzel für den Hund, Fisch für die Katze und Huhn für den Hahn. Und nachdem sie den sich wehrenden Hund gewaltsam gewaschen hatten, schliefen sie alle in frisch gemachten Betten, in neuen Schlafanzügen und am nächsten Morgen verkniff sich der Hahn ausnahmsweise sogar das Wecken um fünf.

In ihrem Häuschen lebten sie dann noch einige Jahre und übten und spielten – und weil sie so berühmt waren, traten sie nur für ganz viel Schokolade oder Kekse in der Öffentlichkeit auf. Aber wenn, dann selbstverständlich im Stadion zu Bremen, vor tausenden von Fans. Am liebsten waren sie jedoch daheim, in ihrem Häuschen. Denn sie waren richtig gute Freunde geworden und der Esel schrieb Bücher, der Hund stank nie wieder, der Hahn gründete eine Selbsthilfegruppe und die Katze grinste den ganzen Tag und hatte nie mehr schlechte Laune.