Der Muschelgeist

(2000)


 

 

Es war einmal ein kleiner Putzerfisch, der hatte viel zu tun. Putzerfische haben sowieso viel zu tun, aber dieser kleine hier besonders. Denn er ging morgens zur Schule und mußte immer hinterher im Putzerbetrieb seines Vaters Haie polieren. Das war deutlich der anstrengendste Teil seiner Tagesaufgaben, denn Haie waren schon immer ziemlich anspruchsvoll, was ihre Sauberkeit betrifft. Der Hai an sich strahlt gerne vor Reinheit. So polierte der kleine Putzerfisch oft bis tief in die Nacht Blauhaie, Makohaie, Weißspitzenriffhaie, Grauhaie, Weiße Haie, Zitronenhaie und Tigerhaie, bis man sich in ihnen spiegeln konnte. Vor allem die Zitronenhaie waren nicht zimperlich mit dem Trinkgeld und so konnte sich der kleine, schmale Fisch über mangelndes Kleingeld nicht beklagen.

Eines späten Abends schwamm ein großer Teppichhai zu ihm in die Werkstatt und wollte ausgeklopft werden. Es war aber wirklich schon sehr spät, und der Putzerfisch wollte eigentlich gerade zu Algenbett gehen. „Ooch, bitte, klopf mich aus. Ich muß dringend gut aussehen, denn gleich habe ich ein Rendevous mit der schönsten Ammenhai Dame des Roten Meeres.“ Der kleine Reinigungsfisch zögerte. Denn zur Schule mußte er ausgeschlafen sein. Da wühlte der Teppichhai tief in seinen virtuellen Hosentaschen und holte eine kleine, funkelnde Muschel heraus. „Hier, kleiner Putzerfisch. Die schenke ich dir wenn du mich noch schnell schick machst!“ Soviel Überredung hatte der Putzerfisch nichts mehr entgegenzusetzen; er bonerte, klopfte und lackierte den Teppichhai bis er im schönsten Glanz erstrahlte. „Vielen Dank, kleiner Putzerfisch. Das war sehr lieb von dir.“ Und der elegante Hai schwamm stolz in sein amoröses Abenteuer. Der kleine Putzerfisch jedoch ging endlich zu Bett, nicht bevor er sich noch die Flossen gewaschen hatte. Die kleine, schöne Muschel aber, die legte er neben sich auf den Weichkorallennachttisch, wo sie geheimnisvoll funkelte während der kleine Arbeiter in feuchte Träume versank.

Der Delphinsonarwecker beim kleinen Putzerfisch klingelte wie immer viel zu früh. Denn er liebte es, morgens schnell nochmal einzuschlafen. Als das Sonar aber am heutigen Morgen seine Augenlider öffnete, kriegte er einen Riesenschreck. Denn auf seinem schönen, rosa Weichkorallennachttisch saß ein großer, unglaublich geschmacklos angezogener Fisch und sah ihn erwartungsvoll an. „Aaaahhh!“ schrie der kleine Putzerfisch, aber weil es ja unter Wasser war hörte man nur etwas wie „blb“, und das unterschied sich letzlich nicht sonderlich von anderen Riffgeräuschen, wie zum Beispiel dem „Hrp“ des Riesenzackenbarschs, oder dem „Hm“ der Gehirnkoralle. Deshalb fiel es auch nicht weiter auf. Aber eines war klar, der kleine Reinigungsfisch hatte einen großen Schrecken bekommen. Während er sich sammelte, blieb der schlecht angezogene Fisch dabei, ihn so anzusehen, als bekäme er noch Wechselgeld raus. „Entschuldigung“, stammelte der Putzerfisch, „aber wer bist du bitteschön? So einen komischen Fisch wie dich habe ich noch nie gesehen, und außerdem sitzt du auf meinem Delphinwecker.“

Der komische Fisch strahlte und sprach: „So genau weiß ich auch nicht, wer ich bin. Aber ich bin von der Art der Wunschfische und wohne in der Funkelmuschel. Und damit du es nur sofort weißt – du hast drei Wünsche frei!“

Der Putzerfisch war sichtlich genervt. Was für ein alberner Fisch. „Na toll“, murmelte er. „Erstens glaube ich dir nicht, und zweitens will ich gar nichts. Was sollte ich mir schon wünschen, hier im Riff kann ich nirgendwo mit Geld bezahlen und Steckdosen für einen Fernseher gibt’s auch nicht.“ „Na - So geht’s aber nicht“, erwiderte der Wunschfisch. „Gar nichts wünschen gilt nicht, und für den Beweis könntest du ja einfach einen Testwunsch machen.“ Der kleine Fisch überlegte. „Na gut“, sagte er und dachte dabei an ein Märchen, das ihm seine Mutter einst vorgelesen hatte. „Geh zurück in deine Muschel und ich glaube dir“. Der Putzerfisch war sehr genervt vom Wunschfisch und er hatte auch wirklich nichts zu wünschen, also dachte er sich diese List aus und hoffte sie würde gelingen. Der bunte Fisch nickte indes nur kurz und verschwand als leicht rosane Wolke in der kleinen Muschel. „Allerhand“, dachte der kleine Putzerfisch. Es beeindruckte ihn zwar daß der Wunschfisch augenscheinlich wirklich eine Art Geist war, aber in der Muschel gefiel er ihm schon besser. Außerdem mußte der Kleine zur Schule.

Als er mittags wieder kam, saß der Muschelgeist leider schon wieder auf seinem Bett und sah ihn an. „Glaubst du wirklich, solche Tricks funktionieren noch? Ich meine, Hallo? Wir Wunschgeister lesen doch auch mal Zeitung. Ich kann meine Muschel von innen öffnen. Und sie hat Schiebedach. Du wirst mich nicht so schnell los. Warum willst du mich überhaupt loswerden? Ich meine, ich bin immerhin die drei-Wünsche Ausgabe, ich hätte ja auch der drei-Fragen Geist, oder schlechthin der böse Geist sein können.“ Der Muschelgeist war durchaus etwas gekränkt. Und er war immer noch unglaublich schlecht angezogen.

Der kleine Putzerfisch antwortete darauf nicht. Er wußte nur, daß Wunschmärchen immer irgendeinen Haken hatten, und außerdem fehlte es ihm ja wirklich an nichts. Aber der Fisch von dem man sich was wünschen konnte folgte dem kleinen Sohn von jetzt an überall hin. Er ging mit zur Schule, sah beim Haie polieren zu, und auch wenn er mit seinen Eltern am Frühstückstisch saß fehlte er nicht. Und immer wieder machte er Vorschläge für verschiedene Wünsche, die der Putzerfisch haben könnte, aber er wollte partout keinen davon akzeptieren.

„Ach komm schon“, rief der Muschelgeist dann immer. „Wie wärs denn mit einem Anemonen-Penthouse im feinsten Viertel des Riffs. Und dazu einen tollen Weißkehldoktorfischweibchenharem. Ist das denn nichts?“ „Ich bin acht“, sagte dann der kleine Putzerfisch. „Was soll ich mit einem Harem, du einfältiger Kaspar-Fisch?“ Manchmal, in der Schule, flüsterte der Geist auch: „Wünsch dir doch, alles zu wissen, wär das denn nichts?“ „Warum sollte ich alles wissen? Wo sollte ich dann noch hingehen und wo könnte ich hier unten meinen Doktor machen, hm? Siehst du hier irgendwo eine Universität? Nein? Na bitte.“

Der Wunschfisch hatte so etwas noch nie erlebt. Dieser kleine Putzerfisch wollte nichts haben. Er ging weiter zur Schule und dann zur Arbeit, bis spät in die Nacht. Und er, der Muschelgeist, ging dem Kleinen augenscheinlich nur unglaublich auf die Nerven. Nach einigen Wochen die er den Putzerfisch nun begleitet hatte, wurde es ihm zu viel. „Jetzt reichts, kleiner Fisch“, sagte der wahrscheinlich am schlechtesten angezogene Fisch der gesamten Unterwasserwelt eines abends kurz vor dem zu Bett, oder zur Muschel, gehen, „Sag mir endlich warum du dir nichts wünschen willst.“ „Kannst du dir das denn nicht denken?“, antwortete da der kleine Wunschverweigerer. „Ich habe so viele Märchen gelesen und immer bringt sich was wünschen gar nichts und immer fallen alle darauf rein. Ich werde das nicht tun. Ich werde mir niemals was wünschen, weil diese Geschichte dann nicht gut endet.“ Der Wunschfisch überlegte lange und gut. Dann sagte er traurig: „Ich weiß nicht was ich machen soll. Ich kann doch nur wieder gehen wenn du dir drei Sachen gewünscht hast. Du kennst das ja. Was soll ich denn nun unternehmen? Schau mich doch an. Mein Modegeschmack lässt zu wünschen übrig-,“ - „-das ist wohl mehr ein understatement“, unterbrach ihn der Putzerfisch, „-Na gut, er ist ein Debakel, skandalös, aber was ich sagen will, ich habe doch nichts zu tun ansonsten, keine Familie, keine Freunde. Ich geistere so rum, in meiner Muschel und muß mich verschenken lassen.“ Da hatte der kleine Putzerfisch eine Super Idee. Und er holte tief Luft und schrie durchs Meer:

„Ich wünsche mir das du mein bester Freund sein kannst und das du kein Wunschfisch mehr sein mußt und das du nicht mehr so beschissen angezogen bist!“ Der Muschelgeist schaute 1,8 Sekunden sehr verdutzt, dann gab es einen lauten Knall und eine kleine Rauchwolke. Der Putzerfisch schaute sich langsam in seinem Zimmer um. Die kleine funkelnde Muschel war weg. Aber auf seinem Bett saß ein unwahrscheinlich gut angezogener Fisch und schaute ihn mit weit aufgerissenen Augen an. „Juhu!“ sagte da der kleine Putzerfisch. Und er stellte fest, das der Wunsch sehr gut in Erfüllung gegangen war. Denn der Muschelgeist war zufällig eine Frau gewesen und so lag die schönste Delphinfrau die er je gesehen hatte auf seinem Bett und las sein Lieblingsbuch. „Hallo“, sagte sie. „Könntest du mich etwas polieren kleiner Fisch? Ich achte sehr auf meine Äußeres.“ „Mit Vergnügen“ flüsterte der kleine Arbeiter, während er anfing der Delphinfrau den unverschämten Rücken zu kratzen.

Und so nahm die Geschichte ein erstaunlich gutes Ende. Denn die Delphinfrau war von jetzt an sein bester Freund und als der Putzerfisch zwölf war heirateten die beiden und kauften sich ein tolles Haus im Meer (wo sonst). Denn zufälligerweise war die Delphinfrau sehr wohlhabend und konnte Unsterblichkeit verleihen, womit sogar die Standardwünsche sich wundersam doch noch erfüllten. Mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, daß alles funktionierte. Reichtum, ewiges Leben und Liebe störten die beiden überhaupt nicht, wobei die Frage offen bleibt, welches der drei Dinge die anderen beiden zusammenhielt. Noch bis zum heutigen Tage gelten die beiden als das am besten angezogene Paar im weiten, großen Weltmeer und Haie polieren betreibt der kleine Putzerfisch nur noch als Hobby. Aber am liebsten ritzt er raffinierte Muster in sein Delphinmädchen und freut sich dabei ganz, ganz doll.