Der Giraffe ist langweilig
(2002)
für Sabine

zum zweiten Teil



 

 

Sabine schlief immer bei offenem Fenster damit die Sonne, die Vögel und die Morgenluft eine faire Chance hatten sie beim Aufwachen zu unterstützen. Heute Nacht hatte es viel geregnet und die Luft roch nach Wasser und Sommer, genau so wie Sabine es am liebsten hatte. Sie streckte sich und blinzelte verschlafen ein bißchen in Richtung der großen Kastanie die vor ihrem Fenster stand. Und das, was sie sah, verwunderte sie sehr. Denn obwohl es Sommer war, trug der Baum in ihrem Garten kein einziges Blatt mehr. Traurig ragten die kahlen Äste in der Gegend herum und langweilten sich. Sabine kroch aus ihrem Bett, rieb sich die Augen und ärgerte sich sehr weil ihr Panorama so gelitten hatte. Sie beschloß, nach dem Frühstück dieser geheimnisvollen Blätterflucht auf den Grund zu gehen und zog ihren Spezial-Expeditionsanzug an. Dann kramte sie den Pistolenhalfter aus der alten Kleiderkiste und polierte die Sporen ihrer Stiefel. Sabine, die große, stolze, schöne Frau sah auf ihre kleine, minderwertige, doofe Uhr. Es war kurz vor zwölf Uhr Mittags.

Als sie in der gleißenden Mittagssonne auf die staubige Strasse trat, mußte Sabine erst einmal schlucken, denn sie hatte zu viele Cornflakes gegessen. Irgendwo klapperte ein Fensterladen, es war keine Menschenseele zu sehen oder zu hören. Der Wind trieb alte Bildzeitungen durch die Gassen und entfernt unterhielt sich eine Grille mit einer offensichtlich sehr schlechtgelaunten Frau. Sabine blickte mit ihren großen, braunen Adleraugen die Strasse herauf und herunter und stellte erschrocken fest, daß kein einziger Baum der Stadt mehr im Besitz seiner Blätter war. Und weil das tapfere Mädchen in seiner Freizeit Sheriff war und Naturschützerin, machte sie sich auf den Weg, den Blätterdieb zu finden und zur Strecke zu bringen. Sie war sich sicher das es einen Dieb gab, denn erstens war die Vorstellung das alle Bäume der Stadt plötzlich beschlossen ihre Blätterfreunde einfach so wegzuschmeissen blöd und zweitens wiesen tiefe, paarhufige Fußspuren deutlich darauf hin. Sabine folgte den Spuren, die Nase immer tief im Sand und Geröll. So zog sie mit ihrem zierlichen Riechkolben eine imposante Spur durch die westliche Welt, bis sie zu einem bestimmt zehn kilometer langen Sandstrand gelangte und Wasser in die Nasenlöcher bekam. „Hatschi!“, sagte das tapfere Mädchen und zog ihre durchnässten Klamotten aus um sie in der Sonne zu tocknen. Nervös blickte sie sich um und bedeckte ihre Scham, denn sie hatte das komische Gefühl hinter einem verdorrten Ast läge ein großer Elefant der sie beobachtete. Weil das aber auch ein ziemlich idiotischer Gedanke war, band sie sich ihr Strandtuch um und kaufte sich an der Strandbar eine Strandcola mit der sie sich dann gemütlich etwas abseits legte. „Psst...“ hörte sie plötzlich jemanden flüstern als sie gerade einschlafen wollte. „Pssst.... Hallooo... Sabino! Schau doch mal hier herüber!“ Sabine ordnete ihre langen Beine und warf einen Blick südöstlicher Richtung. Aus einem relativ kleinen, vielleicht fünf mal fünf Meter großen Pril ragte ein Kopf hervor. Ein gelb/ brauner Kopf mit langem Hals. Sabine stand auf und ging zu dem Tümpel herüber. „Entschuldige, Sabine, aber könntest du mir mal bitte helfen, ich bin hier zur Abkühlung reingesprungen und jetzt komme ich nicht mehr heraus...“ Die Giraffe reckte ihren langen Hals zu der langen Frau und machte Bewegungen welche wohl ein Herausziehen provozieren sollten. Sabine warf ihre rotbraunen Haare in den Nacken und zog, ungeachtet der Tatsache das mindestens zehn Strandbesucher beim Beobachten dieser Geste in Ohnmacht gefallen waren, die Giraffe mit einem Ruck aus dem lauwarmen Wasserloch. Das Huftier mit dem übertrieben langen Hals war jetzt etwas auffälliger als vorher und seine Versuche 5,80 Meter hinter der auch großen aber doch 4 Meter kleineren Sabine zu verstecken wirkten extrem hilflos und albern. Trotzdem umarmte die Giraffe Sabine ein bißchen von hinten und schmiegte ihren Hals an ihr Ohr. „Vielen, vielen Dank das du mich gerettet hast, allerliebste Lieblingssabine! Ich wäre bestimmt verhungert, in dem doofen Loch.“ Und eine Giraffenträne rollte ihr die Wange herunter, lief weiter über ihre Giraffennase und fiel Sabine auf den Kopf. „Ist schon gut Giraffe. Das habe ich doch gerne gemacht. Sag mal weißt du vielleicht, wer die ganzen Blät... Hey! Warum riecht das hier so nach Kastanien! Und was hast du da im Mund!“ Die Giraffe tat so als hätte sie nicht zugehört und begann hektisch zu kauen. „Mmhhh.... ich mhab mhnix im Mhnund. Mhwieso?“ murmelte sie. Sabines Halsschlagadern schwollen bedenklich an und mit einem Satz saß sie auf der Giraffe und hangelte sich ihren Hall hoch. „Los, spucks aus, los! Aus!“ Und sie rüttelte ganz doll an der Giraffe bis sie sich schließlich ergab und eine Kastanienbaumkrone wiederkäute. „Na gut, du hast recht. Es tut mir leid. Aber mir war so schrecklich langweilig und da bin ich weggelaufen und dann hatte ich so einen Hunger.... Deine Bäume waren sooo lecker! Schuldigung...“ Sabine, die tapfere Baumretterin überlegte ein wenig. „Hast du denn gar keine Freunde? Was willst du denn jetzt machen? Wo wohnst du?“ fragte sie die traurige Giraffe. Und die Giraffe erzählte daß es im Zoo ganz blöd war und dazu fehlte ihr ein Spielgefährte. Da hatte sie einfach den Zaun gefressen und war des Nachts ausgebüxt. „Ich weiß was wir machen“, sagte Sabine plötzlich. Und sie schwang sich in ihrem Superunterwasserexpeditionsanzug auf den Giraffenrücken und gab dem hohen Paarhufer die Sporen.

Sabine schickte die Giraffe ins Meer, aber sie gingen nur an Stellen, wo das Wasser entweder weniger als 5,80 tief oder mit Walhaien bestückt war. Nach einigen Stunden mühsamer Reise gelangten sie endlich zu einer wunderschönen, einsamen Karibikinsel. „So,“ sprach da die Sabine, „hier kannscht du dir a Häusle baue.“ Und sie half der Giraffe beim Errichten eines tollen, preiswerten Strandhauses. Die Insel war voller leckerer, frischer Laubbäume und ein Giraffenspielplatz war auch da. „Wer hat den denn gebaut?“ wunderte sich das langhalsige Tier. „Ich! Ich natürlich!“ rief von weitem eine Stimme. Und aus dem Wald rannte ein ganz schnittiger Giraffenmann. Sabines Giraffe fiel fast um vor Freude und dann knutschten die beiden Tiere völlig ohne Vorwarnung so heftig, das Sabine sich schnell verabschiedete. Aber nicht ohne zu versprechen recht oft wiederzukommen. Denn Sabine hatte die große Giraffe lieb gewonnen und die Giraffe sie. Die Giraffenfrau schenkte Sabine zum Abschied sogar ein Ahornblatt und sagte sie solle es an den kahlen Bäumen anwenden, das würde helfen. „Oh! Bringst du mir nächstes Mal bitte ein Stück Schokolade mit!“ rief der Giraffenmann schnell dazwischen. Dann umarmten sich alle und Sabine schwamm von dannen bevor sie noch mehr Giraffenobszönitäten mitansehen mußte. Als sie dann, es wurde schon dunkel, wieder zu Hause ankam, war sie so müde, das sie sich nicht mal mehr ihre Stiefel ausziehen konnte und wie tot ins Bett fiel.

Am Morgen, Sabine roch den Sommer schon beim Aufwachen, sah sie aus dem offenen Fenster und alle Blätter waren an ihrem Platz. „Was für einen seltsamen Traum ich hatte“, dachte sie und rieb sich die Augen. Auf ihrem Nachttisch stand eine Schüssel Cornflakes mit einem Zettel von ihrer Mutter daneben. „Guten Morgen du Schlafmütze, lass es dir schmecken“, stand dort. Rechts davon, auf einem kleinen Häufchen Sand, lag ein frisches Ahornblatt. Und das sah verdächtig danach aus als hätte eine Giraffe hineingebissen.