Der Pinguin. Ein Erlebnisbericht
(2001)

Für Antje


 

 

Wenn Pinguine sich einmal etwas in den Kopf gesetzt haben, dann ist es unmöglich sie wieder davon abzubringen. Das ist keine dramatische Übertreibung, nein, es ist tatsächlich eine theoretische und praktische Unmöglichkeit sie von einer Entscheidung wieder abzubringen. Das macht den Umgang mit Pinguinen nicht immer einfach, und auch deshalb wohnen sie schon länger ziemlich weit weg von anderen, umgänglicheren, Lebewesen. Schon gleich am Anfang, gegenüber Gott, hatte einer von ihnen auf Flügeln bestanden, obwohl Fliegen doch gar nicht im Programm war „Ich will aber Flügel, die sind so schick!“ hatte er immer wieder gerufen und da war die Sache natürlich unabwendbar. Der Chef konnte also gar nicht anders, als einem seiner Geschöpfe diesen so sehnlich erwünschten, kleinen Fehler einzubauen. Diese störrischen Tiere waren total uneinsichtig. Der Pinguin bekam also umgehend seine Flügel, wurde aber an den Südpol verwiesen, damit er in Ruhe über sein Benehmen nachdenken konnte.

Dort wohnen nun er und seine vielen Pinguinfreunde schon seit vielen Millionen Jahren. Nun wollen wir mal nachsehen ob es was gebracht hat, das Nachdenken. Wir fragen am besten eine kleine Ratte, die zufällig gerade von einem längeren Urlaub am Südpol zurückgekehrt ist.

„Guten Tag kleine Ratte.“

Die kleine Ratte: „Guten Tag.“

„Du warst also kürzlich am Südpol und bist dort Pinguinen begegnet. Berichte uns doch von einigen Erlebnissen mit ihnen. Sind sie immer so sprichwörtlich störrisch? Denn man sagt ja nicht umsonst „sei kein alberner Pinguin“ wenn jemand ein Dickkopf ist.“

Die kleine Ratte: „Ja, haha (lacht piepsend). Nun, zu diesem Thema erzähle ich vielleicht schnell eine kleine Geschichte die mir widerfahren ist kurz nach meiner Ankunft am Südpol. Also, ich kam dort an. (Pause) Ich kam also dort an. Nun, und dort begrüßte man mich sehr freundlich und alle Pinguine waren sehr gut gekleidet. ich hatte extra für diesen Anlaß mein rotes Pullöverchen mit den gelben Punkten angezogen und die Pinguine waren sehr neidisch. Sie zupften und zogen alle daran herum bis einer laut rief „Was für eine tolle Mode, ich finde wir sollten es alle haben!“ Und damit fing schon nach 2 Minuten das Chaos an. Ich stand alleine am Kai und die Pinguine hatten sich in Sekundenschnelle aufgemacht um rote Pullover mit gelben Punkten zu kaufen.“

„Ach, ja, interessant. Und am nächsten Tag hatten also alle diese Pullover an, ja?“

Die kleine Ratte: „Ja, genau. Und zwar jeder, jeder einzelne Pinguin hatte dieses Kleidungsstück. Es war erstaunlich. Der Direktor meines Hotels, der Page, alle, sogar der Kellner im Cafe hatte seinen Frack eingetauscht. Und das Schlimme war, ich hatte natürlich am zweiten Tag meinen blauen Anorak an, denn es war ziemlich kalt. Auch den wollten sie sofort haben, bis sie sich sogar kleine Barthaare wachsen ließen wie ich sie habe. Nach zwei Wochen sahen eigentlich alle so aus wie ich, alles kleine Ratten. Das Problem mit den Pinguinen ist, daß sie mit neuen Eindrücken auch nicht ansatzweise vernünftig umgehen können. Sie leben ja auch schon lange so isoliert, nicht wahr? Solange sie unter sich sind geht alles gut. Aber, wie gesagt, als ich damals gefahren bin, gab es am Südpol keinen einzigen Pinguin mehr, sondern nur noch kleine Ratten. Das ist sehr schade, denn der Pinguin ist wahrlich ein Tier das diese Welt durchaus schmücken sollte.“

„Erstaunlich, ja. Tja und was ist mit ihnen, kleine Ratte. Werden sie nochmal zurückkehren in die Antarktis? Sie haben ja schließlich viele Verwandte dort.“

Die kleine Ratte: „Ja, das stimmt. Ehrlich gesagt werde ich sogar recht bald wieder dort hinfliegen. Ich habe nämlich einen Plan.“

Und die kleine Ratte ging ins Nebenzimmer. Dort blieb sie einige Zeit. Auf einmal kam ein Pinguin wieder heraus. Er watschelte durchs Zimmer und setzte sich bedenklich unbeholfen auf den kleinen Rattenhocker.

Der kleine Pinguin: „So, sehen sie. Ich habe dieses Kostüm entwickelt. Ich werde als Pinguin wieder zum Südpol gehen damit die Pinguine sich wieder umziehen. Was sollen Ratten denn am Südpol? Das geht doch nicht gut, es ist da viel zu kalt und wir können auch gar nicht so gut schwimmen.

Und so kam es, das die kleine Ratte als Pinguin verkleidet zum Südpol zurückreiste und die Ratten bekehrte. Das war tatsächlich genau so einfach wie sie sich das vorgestellt hatte. Und weil die Ratte dort unten inzwischen viele Freunde gefunden hatte, bereist sie noch heute die Welt, um Pinguine zu überzeugen; und die hatten sich im Laufe der Jahrtausende nicht nur als Ratten verkleidet, sondern als alles was ihnen so in der Antarktis über den Weg gelaufen ist. Die Ratte bekehrte Seefahrer, Robben, Treibholz und einen Grönlandhai. Allerdings ist sie noch lange nicht fertig; es kann also gut sein, daß du heute einem Pinguin begegnet bist, oder, wenn nicht, vielleicht morgen.