Das Waldhaus
(2004)
Für Claus



 

 

Einst lebte ein kleiner, wütender Bauer mit seiner schlechtgelaunten Frau und seinen zwei nicht minder wütenden Töchtern in einer schmächtigen Bambushütte mitten im tiefen Busch. Nun, auch kleine Bauern werden nicht jünger, und irgendwann war er es leid ständig mit leerem Magen im Dschungel nach hektischen Spinnen oder flüchtigen Schlangen Ausschau zu halten und so schrie er seine Frau eines Morgens an: „Sag meiner verdammten ältesten Tochter sie soll mir heute verdammt nochmal ein Mittagsbrot in den Busch bringen sonst verhungere ich ja, verdammte Tat!!!!!“ Und küsste sie auf die Wange und rief noch hinterher: „Ach ja: und damit das dumme Huhn sich nicht verirrt, wie sonst immer!!! Nehme ich ein Tütchen Pralinen mit und streue die auf den Weg. Ne?!!!!!!“ Die Frau sah vollkommen entnervt beiseite, nahm dann einen großen Besen und fegte den kleinen Bauern mit großer Wucht vor die Türe, trat ihm noch mal in den Hintern und murmelte ein leises „Tschüß, machs gut, bis heute abend.“

Die älteste Tochter aber, die machte sich des Mittags auf die Sonne wild fluchend auf den Weg, dem alten Herren ein Töpfchen Hechtsuppe zu bringen. Den halben Weg lang aß sie Pralinen, bis zu einer Stelle, an der ein Ameisenbär wohnte und alle auf dem Weg liegenden Schokoladen verspeiste. Das Mädchen schalt den Ameisenbär sehr, und dann sich selbst, denn den halben Weg hatte sie gegessen und war nun dreifach wütend. Und es ward dunkel. Und der Ameisenbär ging beleidigt weg. Und sie bekam Angst.

Glücklicherweise brannte in der Nähe ein Feuer, und das Mädchen folgte dessen Schein bis es eine kleine Hütte fand. Es klopfte an und eine geschmeidige Stimme rief von drinnen: „Herein, nur herein!“ Das Mädchen trat ungeduldig in die gute Stube und sah, das auf dem Tisch in der Mitte des Raumes ein großer Leguan saß und freundlich zu ihm herüber sah. Und einige andere liebe Tiere lagen und saßen in der Hütte herum und ließen es sich gut gehen. Am Ofen aber kauerte ein kleines grünes Männlein und wimmerte leise vor sich hin. Nun tat dieser Mensch dem Mädchen durchaus leid, denn sie empfand ihn als einen der Ihren. Daher schrie sie die Tiere an: „Was ist das denn!!?? Ihr liegt hier prima rum und der arme Mann wimmert in der Ecke!!?? Ihr habt wohl nicht mehr alle Tassen im Schrank!!! Ihr seid doch nur Tiere!!! Lasst ihn sof....“ – nun, die freundlichen Tiere hatten der Beschimpfungen und fehlgeleiteter Sympathie genug und fingen auch das kleine Mädchen ein, warfen es in den Keller, schmissen ein Stück Brot hinterher und verschlossen die Türe.

Der Bauer kam indes abends nach Hause zu seiner schlechtgelaunten Frau und war noch wütender als sonst, weil er nichts zu essen bekommen hatte. Seine Frau aber grummelte nur unverständliches Zeug, wühlte in Munition und beachtete den Bauer weiter nicht. Die jüngere der beiden Töchter sah sich derartigen Szenen häufig ausgesetzt und hielt sich auch diesmal dezent zurück. Auch sie war viel und gerne wütend, blieb dabei aber stets freundlich und hilfsbereit.

Als der Bauer ihr am nächsten Morgen auftrug für Mittagessen zu sorgen, regte sie sich zwar sehr auf, sagte aber lieb „ja bitte“ und war folgsam. Am nächsten Tag machte sie sich gar pünktlich auf den Weg, den Keksen die ihr Vater gestreut hatte, folgend und sie essend. Nur aß sie nicht alle selbst, sondern schenkte die meisten armen Tieren am Wegesrand. Und als sie an die Stelle kam wo der Ameisenbär wohnte, freundete sie sich mit ihm an und sie gingen ein Stück zusammen. Bald kamen sie an die Stelle wo sie auf ihren Vater warten sollte und weil er nicht da war versteckten sie sich vor den Feinden im Gebüsch. Und dann hörten sie Schüsse und sahen wie der Vater durch den Busch rannte, mit einem Gewehr in der Hand. „Ach ne, weißte“, sagte da das junge Mädchen, „da habe ich irgendwie gar keine Lust drauf. Wollen wir nicht woanders hingehen?“. Der Ameisenbär nickte freudig mit seiner langen Nase und meinte sie könnten Freunde von ihm besuchen gehen, die wohnten in der Nähe - und so machten sie sich auf den Weg. Und siehe da: alsbald gelangten sie zu derselben Hütte, die auch schon ihre große Schwester gefunden hatte. Der Ameisenbär klopfte an und sofort rief eine laute Stimme „Herein, nur herein!“ Die beiden Freunde taten wie ihnen geheißen war und begrüßten den Leguan und all die anderen Tiere die in der Hütte wohnten. Sie streichelten die Schlange, kitzelten die Spinne, alberten mit dem Albatros und plauderten mit dem Papagei. Aber als das Mädchen das kleine Männlein in der Ecke fand, packte sie all ihre Wut in ein Kistchen und haute es ihm in die Fresse. Sie trat ihm in den Hintern, so doll das er fünf Meter weit weg flog, immer wieder, bis sie ihn nach draussen in den Dschungel getreten hatte wo es Napalm und Agent Orange regnete. Und da sah das kleine Mädchen, das ihr Werk gut war und ging zurück ins Haus wo die vielen interessanten Tiere sie mit großen Augen ansahen.

Die Hütte aber verwandelte sich in ein riesiges Raumschiff – denn die Tiere waren von einem bösen Säbelzahntiger verflucht gewesen auf dieser Erde zu leben, inmitten der bösen Menschen, bis sie ein Mädchen träfen, das sich auf ihre Seite schlage. „Ha, das wird nie geschehen!“, mag sich der Tiger damals gedacht haben – aber da hatte er die Rechnung ohne das kleine wütende Mädchen gemacht und zur Strafe ist er nun ausgestorben.

Das Mädchen und die Tiere aber, die flogen hinfort zu den Sternen um Welten zu finden wo ihnen keine Menschen den Tag versauen. Und Manchmal nachts, wenn man sich ganz fest konzentriert, kann man sie noch in der Ferne laut schimpfen hören und fluchen und lachen auch.