Ärger in der Nahrungskette (1999)

 

 

Jedes Jahr, im Herbst wenn Vollmond ist, versammeln sich die örtlichen Korallen zum kräftigen Kinderkriegen. Das ist ein Festtag für viele Bewohner des Meeres, welche sonst auf spärliche Diäten setzen müssen um zu überleben, denn Korallenkinder sind lecker und auch nahrhaft. So freute sich ein kleiner Kofferfisch ganz doll auf den nächsten Tag, denn er wußte, die Nahrungskette würde dieses eine Mal gnädig zu ihm sein.

Damit seine Eltern ihm auch ja nicht so etwas wie Höhlenarrest geben konnten, war er abends ganz besonders nett und lieb zu ihnen und ging sogar ohne Gemosere in sein Seeanemonenbett. Der kleine Kofferfisch träumte von endlosen Riffen voller leckerer wirbelloser Tierchen. Und jede Menge anderer Kofferfischkinder waren auch da, und sie spielten und sangen „Ich hab`noch einen Kofer in Hannover...“. So wachte unser kleiner Freund am nächsten Morgen mit einem Lächeln im eckigen Gesicht auf und machte sich daran, den Tag schnell hinter sich zu bringen, denn das Korallenkinderfeuerwerk war erst für Mitternacht geplant.

So gegen Elf Uhr hatte er sich mit einem kleinen Nachbarskofferfischmädchen verabredet – und er war natürlich dementsprechend aufgeregt. Als er sie pünktlich abholen kam, schaute der Nachbarskofferfischvater ihm gründlich in die großen Augen und sprach: „Das du mir meine Tochter bloß wohlbehalten wiederbringst mein kleiner Mann!“. „Mach ich, keine Sorge“, sprach da der kleine Kofferfisch und nahm das kleine Mädchen bei der Flosse. „Ich werde sie sauber und wohlgenährt wieder nach Hause bringen!“.

Sie beschlossen an einer strategisch günstigen Position zu warten bis die Nahrungskette anlief, und tatsächlich, punkt Mitternacht, begann es Unmengen von Korallenkindern zu regnen und die beiden kleinen Kofferfische schrien und lachten vor Glück während sie so gut zu abend aßen wie noch nie zuvor in ihrem kurzen Leben.

So bemerkten sie dann auch nicht, das sich ein großer Schatten über sie legte bis eine Stimme sprach: “Siehst du mein Sohn, ich habe dir doch gesagt, zu Mitternacht gibt es hier viele leckere Kofferfische!“ Die beiden kleinen erschraken fürchterlich und schwammen um ihr Leben. Aber schon nach wenigen Metern hatten der Barrakuda und sein Sohn sie eingeholt – sie saßen in der Falle.

Der kleine Kofferfisch wischte sich eine Träne aus der Augenecke und sagte zu der kleinen Kofferfischfrau: „Schwimm nach Hause mein Schatz, ich regele das hier.“ Und die kleine Frau nickte und sprach, „Schade, wir hätten ein schönes Paar werden können.“ Dann schwamm sie ruhig davon. Die Barrakudas zerrten danach einige Zeit am kleinen ´Kofferfisch herum bis er kaputtging und sie ihn aufessen konnten. „Na, war das ein Abendessen?“, sagte der Vater zu seinem Barrakudasohn. „War ganz OK Papi, aber laß uns morgen lieber wieder Makrelen essen, schmecken doch besser.“ Und die beiden Barrakudas schwammen ein Lied summend von dannen.

Als das kleine Kofferfischmädchen pünktlich nach Hause kam, fragte ihr Kofferfischvater: „Na mein Kind, wo ist denn dein kleiner gepanzerter Freund?“. „Ach so, der. Naja, du weißt ja, die Nahrungskette.“ „Hm, soso, na dann.“ Und das kleine Kofferfischmädchen ging ins Bett und träumte von ganz großen, bunten Riffen, mit vielen leckeren Sachen, und alle ihre Freunde waren auch da.