Ameisenbärweihnachten (1999)

 

 

Und so begab es sich, dass ein kleiner Ameisenbär am Morgen des 23.Dezembers auf dem Weg in die Ameisenbärschule war. Natürlich wußte er, dass am nächsten Tag Ameisenbärweihnachten war und deshalb war er schon so aufgeregt, dass es ihm schwer fiel beim gehen seine lange, feuchte Ameisenbärnase gerade zu halten. Mutter würde bestimmt wieder die leckere Honigsuppe machen und zum Nachtisch gäbe es geröstete Ameisen im Schlafrock. Und was er wohl für Geschenke bekäme... ein Ameisenschachspiel? Oder vielleicht eine Imkerausrüstung? Er war so gespannt, dass er erstens gar nicht bemerkte, dass er inzwischen mitten in der Ameisenbärmathematikklasse stand und zweitens auf die energische Frage des Lehrers „Welche Farbe hat die Gravitationskonstante des Ameisenbäruniversums?“ schon genervt „siebenundzwanzig“ geantwortet hatte.

Daraufhin mußte er sich in die Ameisenbärschämecke stellen, von der aus er die letzten fünf Ameisenbärschulstunden aus dem Fenster gucken mußte. Erstaunt stellte er nach diesen fünf Stunden fest, dass aus dem morgendlichen, schönen Sommertag inzwischen ein richtiger Wintertag geworden war - denn es lagen zwölf Meter Schnee. Da es aber nur Ameisenbärmeter waren, dachte der kleine Ameisenbär diese zwölf Meter Schnee würden seinen Heimweg nicht beeinträchtigen - und damit lag er völlig daneben...

Denn er hatte vergessen, dass er den ersten Teil des Weges an Montagen immer mit seinem Freund Toni, dem Murmeltier, zusammen gehen mußte. Und Toni murmelte immer so viele langweilige Geschichten vor sich hin, dass der kleine Ameisenbär sogar schon ohne den vielen Schnee Mühe hatte sich nicht zu verlaufen. Noch völlig gelähmt vom einschläfernden Gemurmel Tonis, mußte der kleine Ameisenbär daher plötzlich feststellen, daß er alleine zwischen einigen großen Haufen Schnee stand und die Himmelsrichtungen nicht mehr zu bestimmen wußte. Da stand er nun und hatte sich fürchterlich verfranzt. Und morgen war doch Weihnachten! Er beschloß dies sei der richtige Moment bitterliche Ameisenbärtränen zu vergießen. Weil Ameisenbären, wenn sie einmal angefangen haben zu weinen, dies sehr lange und ausgiebig tun, konnte der Ameisenbärsohn erst am Morgen des nächsten Tages wieder klar gucken. Seine feuchte Ameisenbärnase war im Laufe der Nacht tiefgefroren, daher beschloß er ganz schnell in eine Richtung zu rennen und entschied sich ganz spontan für Links. Er rannte und rannte, immer weiter durch den tiefen Ameisenbärschnee, bald vergaß er alles um sich herum, rannte wie in Trance, immer schneller - und plötzlich , „RUMMMS“, rannte er vor eine Tür.

Der Ameisenbärsohn erwachte aus seiner kleinen Umnachtung, öffnete flink die große weiße Tür, trat in das Haus, schloß die Ameisenbäraugen und schrie ganz laut: „Mama, Papa ich hab mich ganz doll verlaufen aber jetzt bin ich wieder da krieg` ich noch Geschenke bitte ich hab’ so Hunger Ameisen bitte schnell!!!“. Nachdem er dies gerufen hatte vergingen einige Sekunden in tiefer Stille. Der Ameisenbär hielt den Atem an.... er wurde doch ein wenig ängstlich. Aber dann hörte er eine Stimme sagen: „sieh nur Mann, was für ein niedlicher kleiner Ameisenbär“. Ameisenbärsohn erschrak. Er öffnete langsam die Augen und blickte in zwei Augenpaare, welche offenbar einer Spezies angehörten, die er noch nicht gerochen hatte bisher. Da sie aber so nett auf seine lange Nase starrten, machte er einen Annäherungsversuch: „Ist bei euch auch Weihnachten?“. „Ja“, antworteten die komischen glatten Tiere, „bei uns ist aber Menschenweihnachten, Ameisen haben wir nicht, nur Schokolade.“ „Ich finde“, sagte da der Ameisenbärsohn, „wir einigen uns einfach auf Weihnachten und ich nehm die Schokolade, ja?“ Die beiden Menschen schauten sich an. Und dann zuckten sie beide mit den Schultern. „Was soll’s, wir finden Ameisenbären sowieso besser als kleine Kinder. Du kannst bei uns feiern wenn du willst - das Essen ist auch schon fertig.“ „Ich will aber auch Geschenke,“ verlangte der kleine Ameisenbär und eine Träne rollte seine Nase herunter. „Du darfst sogar deinen Freund Toni einladen“, meinten die beiden Eltern da. Und der kleine Ameisenbärsohn freute sich sehr.

Unterm Weihnachtsbaum lagen ganz viele Geschenke und die Schokolade war soo lecker und Kekse fand er auch gut - besser als Ameisen sogar. Und dann spielten der kleine Ameisenbär und Toni den ganzen Abend Ameisenbärschach bis sie erschöpft ins Menschenbett fielen und am nächsten Morgen verabschiedeten sie sich von den Menschen und sagten, „und nächstes Jahr feiern wir bei uns!“.

So kam es, daß seitdem Menschen und Ameisenbären immer zusammen Weihnachten feiern. Nun, sagen wir - fast immer.