Aber du darfst mich nicht vergessen!
(2005)
für Bärbel und Hajo


 

 

Alle Schildkröten leben sehr lange obwohl sie viel trinken, rauchen und lange schlafen. Jedenfalls die meisten, oder zumindest einige, wenn nicht, gibt es aber bestimmt zwei oder drei die mir persönlich bekannt sind, oder von denen ich gehört habe, die so richtige Schnapsdrosseln sind. Obwohl keine einzige Schildkröte überhaupt nur weiß, was oder wer eine Drossel ist. Nun, sagen wir, beinahe keine. Vielleicht ein paar. Nicht mehr als jede zweite aber bestimmt! Für unsere Geschichte ist dies aber sowieso egal, und ich weiß gar nicht, warum ihr mich überhaupt nach all diesem uninteressanten Zeug gefragt habt! Also: ich wollte euch nämlich von einer meiner Freundinnen erzählen, einer hübschen kleinen Schnappschildkröte namens Bärbel.

Diese selten liebenswürdige Person traf einst unter widrigen Umständen eine schmale Muräne namens Hajo und freundete sich abrupt und hektisch mit ihr an. Zusammen saßen sie oft in einer verrauchten Korallenbar am Grunde eines sumpfigen Mangrovenwäldchens, tranken ein Mineralwässerchen und unterhielten sich. Schildkröten trinken nämlich niemals Alkohol. Mit Ausnahmen.

An einem besonders schönen Abend, der Mondfisch ging grade herauf zum Gehirnkorallensupermarkt, schaute Hajo, die grün-weiß gestreifte Muräne, nachdenklich in den Warmwasserhimmel und grummelte. Bärbel wirkte davon ein wenig irritiert und nahm sich vor, ihn innerhalb der nächsten 2 Minuten darauf anzusprechen. Sie nippte an ihrer/m Fanta-Korn, sammelte sich und sprach: „Sag mal Hajo, was grummelst Du denn so?“ Die Muräne erschrug. „Was!?! Wer bist du denn? Muß ich Sie kennen?“ „Aber ich bins doch - Bärbel“, sagte Bärbel da und wunderte sich. „Wir kennen uns doch schon zwei Wochen! Ach, du willst mich ja nur veralbern.“ Meinte sie und wandte sich wieder ihrem Mineralwasser zu. Aber Hajo schaute weiterhin irritiert. Er zahlte hastig und rief: „Und ich kenne Sie nicht! Hören Sie auf mich zu belästigen! Wo bin ich hier überhaupt?“. Und leise murmelte er hinterher: „und wer bin ich eigentlich nochmal?“. Die Muräne setzte sich ihr Portemonnaie auf den Kopf und zwängte sich ihren Hut in die Hosentasche. „Mrmmelememmlgrrmm, ähhhh, Tschüss!“ brüllte sie dann und verließ das Lokal.

Bärbel verharrte kurz in Konsterniertheit bevor sie ihrem Freund hinterher eilte um einiges klarzustellen. 

"Hey Hajo! Warte doch mal! Kannst du dich denn etwa an gar nichts mehr erinnern?“ rief die kleine, seltene, Schnappschildkröte ihrem viel häufigeren Freund hinterher. Aber die scheinbar verwirrte Muräne lief geradewegs Richtung ihrer armseligen Höhle, beziehungsweise genau in die andere, falschere Richtung. Und als sie zu Hause angekommen war, legte sie ihren Schlüssel in den Kühlschrank, pinkelte ins Kabuff und fand dann den Weg ins Bett nicht. Bärbel, die ihm gefolgt war, beobachtete mit Sorgen dieses Schauspiel. „Mensch Hajo“, schluchzte sie, „ich glaube du hast Alzheimer! Das ist ja schrecklich! Was machen wir denn jetzt?“ Hajo suchte weiter sein Schlafzimmer und murmelte nur leise, „grmblmpf.... wer bist denn du....wer....was....wo.....grmbl“. Die kleine Schnappschildkröte war jetzt völlig fertig mit den Nerven. „Was mache ich denn jetzt!? Ich meine, nichts gegen dich, aber du hast doch 12.000.000 Schwestern und Brüder! Die kannst du ja ruhig vergessen, aber mich? Mich gibt es doch nur noch einmal! Du mußt dich doch erinnern, an mich! Bitte! Ich hab doch sonst niemanden!!“ rief sie. Und brach weinend zusammen. Die Muräne hielt in ihrem Gebrabbel inne. Ihr Gesichtsausdruck entgleiste in eine Mischung aus "unangenehm überrascht" und "peinlich berührt sein". Schnell rannte sie zu ihrer Freundin, nahm sie in den Arm und sagte: „Ach Bärbel, ich wollte doch nur einen Witz machen! Es war doch nur ein Scherz! Ich habe gar kein Alzheimer! Ich habe Alzheimer nur gespielt! Ach, ich wollte doch nur lustig sein!“

Bärbel aber, die kleine seltene Schnappschildkröte lief noch eine Träne die Wange herunter. „Aber....aber....ich bin doch die Letzte....“, sprach sie leise, „.... du darfst mich doch nicht vergessen!“