Der kleine Teufelsrochen
(2002-2007)
Für Kathleen



 

 

Die Welt kann ein ungemütlicher Ort sein, dachte der kleine Rochen, als er sich morgens aus dem dunkelgrauen Sand wühlte und in den Perlmuttspiegel schaute. Er mochte den Sand nicht. Er liebte das Wasser, er schwamm mit Freuden, aber schlafen gehen fand er doof.
Nach dem Aufstehen schüttelte und rüttelte sich der kleine Rochen immer sehr viel länger und gründlicher als seine Artgenossen, so stank der Schlamm und die vielen Sandkörner juckten ihn. Freunde rieten ihm zu Schlaftherapie, einer neuen Matratze oder einer Ortsveränderung, aber was sollte er schon machen - Muscheln wohnen in Häusern, viele Fische in Höhlen, Haie gar nicht und Rochen graben sich eben ein. So war der Lauf der Dinge. So war die Unterwasserwelt, und der kleine Rochen konnte nicht wider seine Natur.
Außerdem dachte er: 'Die Welt kann ein ungemütlicher Ort sein!' ja auch nur morgens beim Aufstehen und abends beim Schlafengehen. Dazwischen gefiel ihm sein persönlicher Teil des Universums ja gar nicht so schlecht.

Am heutigen Morgen jedoch wollte ihn die schlechte Laune nicht so recht verlassen. Die Mundwinkel weit nach rechts und links hinten gezogen, glitt der Flügelfisch durch die dunkle See und zog eine dichte Wolke zorniger Putzerfische hinter sich her.
Diese kleinen Reinigungstiere sind sehr stimmungsabhängig. Ein grimmiges Gesicht zieht schlecht gelaunte Putzerfische an und Frohsinn ist dementsprechend für sonnigere Putzerfischgemüter attraktiv. Den kleinen Rochen begleiteten seit Wochen ausschließlich furchtbar wütende Exemplare dieser Spezies, sie hörten kaum auf sich gegenseitig zu beschimpfen und zu bespucken. Er war gefangen in einem Teufelskreis, bzw. einem Teufelsrochenkreis, denn das wütende Gezeter der Putzer um ihn herum trug ja auch nicht zu besserer Laune bei.
Der kleine Fisch war am Ende - er mußte etwas tun. Wegen der Wassersäulen kam der Sprung von einer Klippe nicht in Frage, also beschloß der kleine Teufelsrochen, sich seinem persönlichen teuflischen Kreis auf einer anderen, nicht minder spektakulären Art und Weise, zu entziehen.
Er schwamm an den Strand und zog sein Kostüm aus.

Als braun gebranntes Fräulein legte sich der Rochen sogleich hemmungslos in den vormals ungeliebten Sand und bestellte einen frischen Cocktail mit Schirmchen. Nackt in der Sonne liegen war eine tolle, klar die bessere Lebensvariante, fand sie, und ihre Laune wurde schlagartig gut. Sie wurde sogar sehr gut!

Das Mädchen hieß von nun an Kathleen und arbeitete in einer Werbeagentur. Dort verdiente es viel Geld! Zumindest mehr, als man mit einfacher Rochenarbeit im Riff verdient. Denn als ehemaliger Unterwasserbewohner hatte sie ein feines Gespür für die Niederungen und Abgründe der Seele in denen die Wünsche wachsen.
Das erfundene Mädchen machte sich so, mit Gespür Geld und Nacktheit, im nu viele neue Freunde und Bekanntschaften und alle schlechte Laune war wie weggeblasen.
So schien es jedenfalls....

Denn so ganz konnte Kathleen ihr Rochenleben nicht vergessen. Es klopfte immer mal wieder von hinten an ihre Stirn und rief leise um Hilfe. So war es nicht verwunderlich das die Kathleenerfindung langsam zu bröckeln begann. Und auch die vielen neuen Freunde wurden irgendwann leicht mißtrauisch, denn in ihr Mädchenleben schlichen sich mehr und mehr Rochenungereimtheiten hinein.

So versuchte die kleine Kathleen so viel Spaß zu haben wie möglich, so lange wie möglich - sie ging auf Parties, trank viel Alkohol, ging mit Männern, zog sich aus und wieder an. Und immer wieder log sie sich durch die kleinen Lücken und Abgründe ihrer Mädchenbiographie.

Eines Tages jedoch war das Geld alle, oder vielleicht waren es auch die Lügen. Und wieder hatte sie sich in einem Teufelskreis verlaufen, wieder lag sie gefangen in ihrem eigenen Lebenslabyrinth und fand nicht heraus.

Es ist eine kleine, simple Wahrheit – wenn man sich zu weit von sich entfernt, findet man vielleicht nicht mehr zurück. Man kann zwar versuchen sich neu zu erfinden, immer wieder, allein, es macht nicht mehr glücklich. So wartete das kleine Rochenmädchen auf ein Ereignis, etwas von außerhalb, etwas das sie aus diesem Irrgarten befreite. Leider geschieht selten etwas auf diese Art und Weise. Ereignisse, gute wie schlechte, kommen häufiger zu denen, die sie suchen, die wagen, die kämpfen. Nicht zu denen die warten, auch nicht zu denen, die warten müssen.

So war es. Das Mädchen fand sich am Strand wieder, an genau dem Strand an dem sie einst aus dem Meer geflohen war, vor ihren eigenen Dämonen. Der Strand war leer, der Morgen nahte, die Wellen rauschten ein leises Rauschen und der Wind umwehte ihren glatten Frauenkörper. Kathleen schloss die Augen, es war wie in einem Traum. Es war wie in einem Traum. Etwas zerbrach, Tränen rannen aus ihren Augen, flossen ihre Wangen herunter, Tränen von denen sie nicht einmal wusste woher sie kamen. Das salzige Nass umspülte ihre Körper, ihre Brüste, ihren Bauch, ihre Beine. Und auch die Flut kam, schnappte nach ihren Füßen, kleine, niedliche Wellen vermischten sich mit den großen, krokodiligen Tränen des Rochenmädchens. Kathleen öffnete die Augen und legte sich in den nassen Sand, sie kuschelte sich in die Brandung. So umspült vom Meer fand sie eine Ruhe, es war so warm und so gemütlich, fand sie! Und es lag ein Lächeln auf ihrem Gesicht, als sie vom Wasser hinab und hinaus gezogen wurde. Ihre Augen waren geöffnet.

Nur wenige Zuschauer waren anwesend, als in den frühen Morgenstunden, von ersten Sonnenstrahlen begleitet, ein nackter Frauenkörper auf den sandigen Meeresgrund nieder sank. Zwei kleine Doktorfische beobachteten das Geschehen aus einiger Entfernung und tuschelten aufgeregt was es denn wohl war, was es dort zu sehen gab. Die beiden hatten so etwas glattes, nacktes noch nie gesehen, aber sie waren auch noch jung und etwas wie Kathleen nicht jugendfrei.

Nah an der Küste gelegen dauerte es indes nicht lange bis die Strömungen begannen den Meeresboden aufzuwirbeln und das Mädchen langsam mit Sand zu bedecken. Und erneut verschwand die schöne Frau in einem befreundeten Element. Schon nach kurzer Zeit war der Grund wieder scheinbar unberührt wie zuvor und das Unterwasserleben ging weiter. Doktorfische gingen zum Arzt, Garnelen putzten, Haie bevölkerten den Markt um Obst zu kaufen und die Delphine trieben sich im Puff herum. Alles war wie immer.

In der nächsten Nacht jedoch, an der Stelle an der Kathleen im Grund versunken war, raschelte es im Sand und jemand hustete. Kaum hatten die Doktorfischkinder ihren Spannerplatz wieder eingenommen, war „Schwupp!“ ein kleiner Rochen aus dem Boden geschlüpft, schüttelte sich einmal, nahm die Doktorfische ins Visier, haute ihnen rechts und links eine runter und schwamm ins Dunkel der Unterwassernacht. Allein, die schlechte Laune war fort. „Was für ein komischer Traum, den ich hatte“, dachte das kleine Rochenmädchen während sie durchs Wasser glitt.

Und morgen, morgen war ein neuer Tag.